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Was die Deutschen an den Deutsch-Türken nicht verstehen

25/04/2017 12:22 CEST | Aktualisiert 25/04/2017 14:30 CEST
dpa

Nach dem Türkeireferendum war für viele Journalisten und Politiker klar: Die Deutsch-Türken, die für Erdogan gestimmt hatten, seien nicht integrierbar

Medien und Vertreter der Parteien kritisierten, dass die Erdogan-Wähler in Deutschland die Vorzüge der Demokratie genießen würden, aber in der Türkei die Diktatur unterstützen. Sie forderten teilweise sogar, dass sie doch in die Türkei zurückkehren sollten.

Konservative Politiker werben nun dafür, die doppelte Staatsbürgerschaft abzuschaffen. Die Grünen-Politikerin Claudia Roth forderte nebulös, dass man sich "um diese Menschen kümmern müsse".

Das führt bei Deutsch-Türken (damit meine ich alle Menschen mit türkischem Migrationshintergrund in Deutschland) zu einer Frustreaktion, die schon vor den Wahlen in der Türkei zu beobachten war. Und die hört sich ungefähr so an:

Die ganze Welt ist gegen uns, die Deutschen hassen uns, wir müssen noch mehr zusammenhalten, wir müssen dem Führer Erdogan noch mehr huldigen.

Zusätzlich kommt eine weitere Reaktion bei den Erdogan-Anhängern in Deutschland dazu: Sie attackieren, beleidigen und bedrohen diejenigen, die gegen Erdogan stimmten - also die Nein-Sager - vor allem in den sozialen Medien.

Nein-Sager gelten als waschechte Demokraten

Bleiben wir aber kurz bei den Nein-Sagern.

Viele in Deutschland unterstellen ihnen indirekt, dass sie waschechte Demokraten und Beispiele für eine gelungene Integrationspolitik seien. Doch das ist ein Irrtum.

Denn unter ihnen sind auch Anhänger der kurdischen Kampftruppe PKK und Kemalisten, die sich eine Zeit wie unter Atatürk zurückwünschen, in der Gläubige und Kurden verfolgt wurden.

Außerdem nehmen viele Journalisten und Politiker an, dass die Nein-Sager genau wüssten, was in der von Erdogan angestoßenen Gesetzesänderung steht und dass sie deswegen dagegen seien.

Weit gefehlt!

Auch viele derjenigen, die beim Referendum gegen Erdogan stimmten, kennen den genauen Inhalt von Erdogans Plan für ein Präsidialsystem nicht. Sie stimmten im Referendum mit "Nein", weil sie einfach gegen Erdogan sind.

Aber zurück zu den Erdogan-Anhängern

Jetzt aber zurück zu den Erdogan-Anhängern. Ähnliches wie für die Nein-Sager gilt auch für sie: Kaum einer von ihnen hat sich im Detail mit Erdogans-Plan beschäftigt. Kaum einer hat im Detail über die Konsequenzen nachgedacht.

Wahlergebnisse zeigen, wo in Deutschland die Erdogan-Hochburgen sind

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Verkannt wird in der Debatte über die Deutsch-Türken auch: In Deutschland leben laut Statistischem Bundesamt 2,9 Millionen Menschen, die aus der Türkei stammen. Von den wahlberechtigten Türken (1,4 Millionen) in Deutschland stimmten insgesamt 660.780 und damit 46,2 Prozent ab.

Rund 237.000 lehnten das Präsidialsystem mit einem "Hayir" (also "Nein") ab - das sind 36,9 Prozent. Demnach stimmten 63,1 Prozent für Erdogan. Rechnet man das mit der niedrigen Wahlbeteiligung auf, kommt man nur auf 29 Prozent der türkischen Wahlberechtigten in Deutschland, die überhaupt mit "Ja" gestimmt haben.

Warum wählen sie dann überhaupt Erdogan?

Erdogan ist ein charismatischer Führer, der genau die Gefühle und Werte der breiten konservativen, nationalistischen beziehungsweise religiösen Bevölkerung anspricht.

Er kommt aus dem Volk, spricht ihre Sprache und verspricht ihnen Halt, eine starke Türkei und Wohlstand. Erdogan hat auch einige seiner Versprechen (insbesondere im wirtschaftlichen und sozialen Bereich) einhalten können.

Die Menschen wählen nach Sympathie - was nichts ist, was nur die Türken tun. Auch in Deutschland muss ein Kandidat gut aussehen, eloquent sein, überzeugend auftreten und die Zuhörer mitreißen können.

Hinzu kommt: Nicht nur in der Türkei auch in Deutschland, Frankreich, den USA, Russland, Ungarn sind autoritäre und rechtspopulistische Politiker und Parteien auf dem Vormarsch.

Entsprechend wäre es wichtig und richtig darüber nachzudenken, welche Politik gegen rechtspopulistische Bewegungen wirksam wäre. Anstatt einfach nur über die Erdogan-Anhänger zu schimpfen. Die Erdogan-Fans als weltfremde Hinterwäldler oder gar Anti-Demokraten darzustellen, mag vielleicht für Schlagzeilen sorgen, aber gegen den allgemeinen Rechtsruck wird es bestimmt nicht viel helfen.

Es gibt fast keine neutrale Presse in der Türkei

Wir dürfen auch nicht vergessen, dass die türkischen Medien - mit wirklich wenigen, wenigen Ausnahmen - Pro-Erdogan sind. Und viele die viele Türken in Deutschland konsumieren sie täglich stundenweise. Die türkische Presse berichtet kaum über Probleme in der Türkei wie Menschenrechtsverletzungen und eine parteiische Justiz.

Dies gilt natürlich auch für die kemalistischen Blätter und Sender - die versuchen, alles schlecht zu reden, was Erdogan in den letzten Jahren geleistet hat. Folglich fragt man sich, wie die Menschen sich unter solchen Bedingungen umfassend informieren können.

Zu bedenken ist außerdem: Die Deutsch-Türken reagieren sehr sensibel auf ihr gesellschaftliches und politisches Umfeld. Menschen, die immer wieder die Erfahrung machen, dass sie in diesem Land nicht erwünscht sind, eben weil sie Türken sind, reagieren manchmal mit Abschottung. Eine gescheiterte Integration ist die Folge.

Mehr zum Thema: "An alle Deutsch-Türken, die im Referendum mit Ja gestimmt haben: Ihr befleckt die Türkei mit Blut "

Entsprechend ist es nicht verwunderlich, wenn diese sich dann an ihrer Heimat orientieren und Politiker wählen, die ihr Selbstwertgefühl steigern.

Die deutschen Medien haben Erdogan geholfen

Hinzu kommt: Dass die deutschen Medien, Parteien und Politikern gegen Erdogan polemisierten, hat bei der türkischen Bevölkerung eine Trotzreaktion hervorgerufen.

Erst recht werden wir Erdogan wählen, wir lassen uns nichts vorschreiben, haben sich viele gesagt. Unterstützt wurde die Haltung durch die Fake-News türkischer Medien und Angriffe gegen Deutschland und Kanzlerin Merkel.

So haben die Kampagnen deutscher Medien und Politiker zu einem Wahlsieg von Erdogan beigetragen.

Der Beginn des "Osmanische Zeitalters"

Das Reden über türkische Politik in der türkischen Community hat auch eine reinigende Funktion: Wir können Dampf ablassen, uns emotional abreagieren nach Diskriminierungserfahrungen und beruflichem Versagen.

Vor allem aber können die Deutsch-Türken damit sehr gut von den eigenen Unzulänglichkeiten ablenken: Arbeitslosigkeit, familiäre Probleme und Sprachdefizite.

Türkische Politik und insbesondere Erdogan gibt den Deutsch-Türken das Gefühl, dass die eigenen, hausgemachten Probleme (hier, aber auch in Türkei) zweitrangig seien. Und Erdogan gibt den Menschen das Gefühl, Teil einer größeren Mission zu sein. Persönliche Probleme erscheinen damit viel kleiner erscheinen, als sie sind.

Folglich erscheint die Türkei in den Augen der Menschen viel besser, als sie es je war.

Damit ergibt sich auch eine neue Lebensoption: Man könnte die Alltagsprobleme in Deutschland hinter sich lassen, um dann im "gelobten Land" glücklich zu werden.

Doch was nun?

Die Diskussionen nach dem Referendum haben wie unter einem Brennglas gezeigt, wie schlecht das Verhältnis der Deutsch-Türken und den anderen Teilen der Bevölkerung ist.

Für die Deutsch-Türken ist offensichtlich geworden, dass es innerhalb der deutschen Gesellschaft Menschen gibt, die ihnen gegenüber unverhohlen ihren Hass zum Ausdruck bringen.

Auf der anderen Seite merken sie nicht, welche Konsequenzen es hat, wenn sie sich in die türkische Politik einmischen. Vor allem ohne über die politischen Konsequenzen ihres Tuns nachzudenken.

Etwas, was kurzfristig auf der Agenda stehen sollte ist: verbale Abrüstung und Sachlichkeit in der politischen Auseinandersetzung.

Wenn man Menschen vorwirft, Anhänger einer sogenannten islamistischen Diktatur und sozial desintegriert zu sein stärkt man die Leute in der türkischen Community, die sowieso gegen das christliche Abendland wettern. Vor allem, wenn viele dieser Menschen sehr gut Deutsch können, einen Beruf ausüben und sehr gute Kontakte zur deutschen Bevölkerung pflegen.

Letztendlich brauchen wir auch eine offene Debatte von Deutsch-Türken untereinander, aber wir brauchen auch eine mit der Mehrheitsgesellschaft.

Es muss darum gehen, wie wir uns unsere gemeinsame Zukunft in Deutschland vorstellen und wie wir uns bei gesellschaftspolitischen Themen einbringen wollen. Besonders, wenn über Rechtspopulismus, Extremismus, Armut, Ausbeutung, aber auch die Rolle des Islams und die Beziehungen zur Türkei oder die Menschenrechtslage diskutiert wird.

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