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Ich war 11 Jahre alt, als sich mein Vater das Leben nahm

19/10/2016 12:13 CEST | Aktualisiert 20/10/2017 11:12 CEST
Katja Kircher via Getty Images

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Dieser Artikel erschien ursprünglich bei Refinery29

Seit meinem 11. Lebensjahr bin ich eine Tochter ohne Vater - denn mein Vater nahm sich sein Leben. Der Tag, an dem ich es erfuhr, ist szenenweise noch immer gestochen scharf in meiner Erinnerung.

Es war ein Donnerstagnachmittag, als mein großer Bruder plötzlich im Eingang des Schullandheims stand. Es war die erste Fahrt mit der neuen Klasse. Ich hockte im Flur auf dem Boden und band mir gerade die Schnürsenkel meiner Turnschuhe zu, als ich ihn bemerkte.

Und obwohl ich nicht wusste, was geschehen war, schossen Tränen in meine Augen. Ich wusste instinktiv, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Wir gingen nach draußen auf den Hof, um zu reden.

Genau an der Mauer neben dem Basketballkorb, auf den ich die ganze Woche geworfen hatte, erfuhr ich vom Tod meines Vaters. Für mich passierte es ohne Vorwarnung und ich konnte es einfach nicht begreifen. An die Tage danach kann ich mich kaum noch erinnern.

Suizid bedeutet Schockzustand für Familie und Freunde. Meine eigenen Freunde waren selbst noch viel zu jung, um das Ganze zu verstehen und mit mir darüber zu reden. In den nächsten Jahren folgte außerhalb der engsten Familie ein Schweigen.

Der Tod wurde im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen. Isabelle Rogge

Schweigen über den Tod. Schweigen über den Suizid. Der Tod wurde im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen. Und ich dachte: Darüber redet man nicht mit anderen Leuten. Einmal sagte eine Freundin in einer Gruppe, sie könne sich gar nicht vorstellen, wie es ist, ohne ihre Eltern zu leben und guckte mich im nächsten Moment erschrocken an. Stille. Anderes Thema.

Angst im Französischunterricht vor der Klasse dranzukommen und auf die Frage, was meine Eltern beruflich machen, antworten zu müssen. Bloß nicht anfangen zu weinen. Was heißt nochmal "tot" auf Französisch? Scham anstelle von Vertrauen und Geborgenheit.

17 Jahre später öffentlich über dieses persönliche Thema zu schreiben, verlangt mir noch immer sehr viel Mut ab. Noch dazu ist es ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Aber genau dieser Zustand muss sich ändern.

Nur, wenn wir in unserer Gesellschaft offen und ernsthaft über Depressionen und andere psychische Krankheiten sprechen können; nur, wenn Menschen mit Suizidgedanken schnelle Hilfe aus der Perspektivlosigkeit geboten wird; nur dann können zukünftig auch mehr Suizide verhindert werden.

Ich möchte mich informieren, werde im Netz auf den Verein Freunde fürs Leben e.V. aufmerksam und nehme Kontakt zu Diana Doko, eine der Gründerinnen, auf. Durch sie weiß ich:

Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Etwa alle 4 Minuten versucht es jemand. Bei jungen Erwachsenen ist Suizid die zweithäufigste Todesursache. Diana Doko

Das heißt, während ich diesen Text schreibe, versuchen viele Menschen ihr Leben zu beenden. Einige wahrscheinlich erfolgreich.

Diana und ich haben etwas gemeinsam. Auch sie hat einen geliebten Menschen - ihren Bruder - durch Suizid verloren. Die Ohnmacht über das Warum, das nichts mehr dagegen tun können, das Übrigsein und anderen helfen wollen, treibt auch sie und Vereinspartner Gerald Schömbs an.

Wir lernten, dass insgesamt in Deutschland über 10.000 Menschen jedes Jahr aus eigener Entscheidung sterben - mehr als durch Verkehrsunfälle, Verbrechen und Drogen zusammen. Diana Doko

Zusammen gründeten sie Freunde fürs Leben e.V. und engagieren sich nun schon seit 14 Jahren für die Enttabuisierung von Depressionen und Suizid.

"Wir lernten, dass insgesamt in Deutschland über 10.000 Menschen jedes Jahr aus eigener Entscheidung sterben - mehr als durch Verkehrsunfälle, Verbrechen und Drogen zusammen. Wir haben uns gefragt: Warum weiß das keiner, wenn es doch offenbar so viele Menschen betrifft? Warum gibt es Aufklärungskampagnen über Verkehr, Drogen und Aids - aber keine über Suizid?"

Diana - die kürzlich von Edition F zu einer von 25 Frauen, die unsere Welt besser machen, gekürt wurde - erklärt mir auch, dass sie in ihrem Arbeitsalltag das gleiche Phänomen erlebt, wie ich in meinem privaten Umfeld:

"Dass oft aus Unwissenheit oder Angst etwas Falsches zu sagen, nicht darüber gesprochen wird. Und leider werden die Themen von staatlicher Seite und auch an Schulen vernachlässigt. Eine unserer Botschaften ist es, Aufmerksamkeit für Signale schaffen, die auf eine akute Suizidgefährdung hinweisen. Denn es gibt viele Signale, auf die man achten kann. Aber wie gesagt, wenn man aus Unwissenheit oder Angst, etwas Falsches zu tun, einfach nichts tut, können Suizide nicht verhindert werden."

Vor einiger Zeit besuchte mich eine Freundin in Berlin und erzählte mir, dass auch sie schon depressive Phasen hatte und daran gedacht hat, sich das Leben zu nehmen. Zunächst war ich perplex. Wie kann eine junge, tolle, intelligente Frau wie sie...?

Wir lebten einige Zeit weit voneinander entfernt und ich hatte keine Ahnung, wie es ihr in den letzten Jahren erging. Einen Moment später war ich einfach nur glücklich, dass sie jetzt in meiner Wohnung saß und gemeinsam redeten wir über das Thema Suizid.

Wie es sich anfühlt, nicht mehr da sein zu wollen und auf der anderen Seite noch da zu sein und lediglich vermissen zu können. Ganz offen und vertraut. Das ist es, was wir in unserer Gesellschaft erreichen müssen.

Dass sich Menschen nicht mehr schämen, über düstere Gedanken zu sprechen. Dass sie schneller aufgefangen werden, wenn sie nach Hilfe suchen und vor allem, dass die Politik dafür finanzielle Mittel einsetzt.

Nur dann können Mitmenschen in der Familie und im Freundeskreis, aber auch in Schulen und am Arbeitsplatz lernen, Signale zu erkennen und Hilfe zu suchen. Auch an meiner Schule wurde das Suizidtabu damals erst gebrochen, als ein Junge sich das Leben genommen hatte.

Die Themen zu Suizid müssen auf die Gesundheitspolitische Agenda der Bundesregierung. Neben nationalen Aufklärungskampagnen zu Verkehrsunfällen, Alkoholmissbrauch oder Drogenmissbrauch, muss es auch eine nationale Aufklärungskampagne zu den Themen Depression und Suizid geben.

Diana Doko

Der Freunde fürs Leben e.V. will lieber zu früh als zu spät an Schulen oder andere Einrichtungen gerufen werden, um Aufklärungsarbeit leisten zu können. Eine solche Mammutaufgabe sollte jedoch kein Verein, der lediglich aus privaten Spenden finanziert wird, alleine bewältigen müssen.

Bis heute weiß ich nicht, wie es sich anfühlt, lebensmüde zu sein. Ich weiß aber, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch plötzlich einfach nicht mehr ist und man keine Chance hatte, sich zu verabschieden.

Ich kenne die Angst zu vergessen, wie mein Papa aussah, wie er sprach, zu vergessen, was wir gemeinsam erlebt haben und bin dankbar, dass meine Familie mit mir diese Erinnerungen aufrecht erhält.

Erst viele Jahre später habe ich das Gefühl, meinen Vater noch einmal besser kennenzulernen. In Gesprächen mit meiner Mutter über Dinge, an die ich mich selbst nicht mehr erinnern kann oder mit meinen Geschwistern, aber auch mit engen Freunden.

Es gibt viel Liebe, an die ich mich erinnere und so ist das Reden über meinen Vater und seinen Suizid mit vertrauten Menschen mittlerweile etwas, was manchmal weh, aber vor allem auch gut tut.

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