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Ich war 11 Jahre alt, als sich mein Vater das Leben nahm

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GIRL SAD BACK
Katja Kircher via Getty Images
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Dieser Artikel erschien urspr├╝nglich bei Refinery29

Seit meinem 11. Lebensjahr bin ich eine Tochter ohne Vater - denn mein Vater nahm sich sein Leben. Der Tag, an dem ich es erfuhr, ist szenenweise noch immer gestochen scharf in meiner Erinnerung.

Es war ein Donnerstagnachmittag, als mein gro├čer Bruder pl├Âtzlich im Eingang des Schullandheims stand. Es war die erste Fahrt mit der neuen Klasse. Ich hockte im Flur auf dem Boden und band mir gerade die Schn├╝rsenkel meiner Turnschuhe zu, als ich ihn bemerkte.

Und obwohl ich nicht wusste, was geschehen war, schossen Tr├Ąnen in meine Augen. Ich wusste instinktiv, dass hier irgendetwas nicht stimmte. Wir gingen nach drau├čen auf den Hof, um zu reden.

Genau an der Mauer neben dem Basketballkorb, auf den ich die ganze Woche geworfen hatte, erfuhr ich vom Tod meines Vaters. F├╝r mich passierte es ohne Vorwarnung und ich konnte es einfach nicht begreifen. An die Tage danach kann ich mich kaum noch erinnern.

Suizid bedeutet Schockzustand f├╝r Familie und Freunde. Meine eigenen Freunde waren selbst noch viel zu jung, um das Ganze zu verstehen und mit mir dar├╝ber zu reden. In den n├Ąchsten Jahren folgte au├čerhalb der engsten Familie ein Schweigen.

Der Tod wurde im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen. Isabelle Rogge

Schweigen ├╝ber den Tod. Schweigen ├╝ber den Suizid. Der Tod wurde im wahrsten Sinne des Wortes totgeschwiegen. Und ich dachte: Dar├╝ber redet man nicht mit anderen Leuten. Einmal sagte eine Freundin in einer Gruppe, sie k├Ânne sich gar nicht vorstellen, wie es ist, ohne ihre Eltern zu leben und guckte mich im n├Ąchsten Moment erschrocken an. Stille. Anderes Thema.

Angst im Franz├Âsischunterricht vor der Klasse dranzukommen und auf die Frage, was meine Eltern beruflich machen, antworten zu m├╝ssen. Blo├č nicht anfangen zu weinen. Was hei├čt nochmal "tot" auf Franz├Âsisch? Scham anstelle von Vertrauen und Geborgenheit.

17 Jahre sp├Ąter ├Âffentlich ├╝ber dieses pers├Ânliche Thema zu schreiben, verlangt mir noch immer sehr viel Mut ab. Noch dazu ist es ein Tabuthema in unserer Gesellschaft. Aber genau dieser Zustand muss sich ├Ąndern.

Nur, wenn wir in unserer Gesellschaft offen und ernsthaft ├╝ber Depressionen und andere psychische Krankheiten sprechen k├Ânnen; nur, wenn Menschen mit Suizidgedanken schnelle Hilfe aus der Perspektivlosigkeit geboten wird; nur dann k├Ânnen zuk├╝nftig auch mehr Suizide verhindert werden.

Ich m├Âchte mich informieren, werde im Netz auf den Verein Freunde f├╝rs Leben e.V. aufmerksam und nehme Kontakt zu Diana Doko, eine der Gr├╝nderinnen, auf. Durch sie wei├č ich:

Alle 53 Minuten nimmt sich in Deutschland ein Mensch das Leben. Etwa alle 4 Minuten versucht es jemand. Bei jungen Erwachsenen ist Suizid die zweith├Ąufigste Todesursache. Diana Doko

Das hei├čt, w├Ąhrend ich diesen Text schreibe, versuchen viele Menschen ihr Leben zu beenden. Einige wahrscheinlich erfolgreich.

Diana und ich haben etwas gemeinsam. Auch sie hat einen geliebten Menschen - ihren Bruder - durch Suizid verloren. Die Ohnmacht ├╝ber das Warum, das nichts mehr dagegen tun k├Ânnen, das ├ťbrigsein und anderen helfen wollen, treibt auch sie und Vereinspartner Gerald Sch├Âmbs an.

Wir lernten, dass insgesamt in Deutschland ├╝ber 10.000 Menschen jedes Jahr aus eigener Entscheidung sterben - mehr als durch Verkehrsunf├Ąlle, Verbrechen und Drogen zusammen. Diana Doko

Zusammen gr├╝ndeten sie Freunde f├╝rs Leben e.V. und engagieren sich nun schon seit 14 Jahren f├╝r die Enttabuisierung von Depressionen und Suizid.

"Wir lernten, dass insgesamt in Deutschland ├╝ber 10.000 Menschen jedes Jahr aus eigener Entscheidung sterben - mehr als durch Verkehrsunf├Ąlle, Verbrechen und Drogen zusammen. Wir haben uns gefragt: Warum wei├č das keiner, wenn es doch offenbar so viele Menschen betrifft? Warum gibt es Aufkl├Ąrungskampagnen ├╝ber Verkehr, Drogen und Aids - aber keine ├╝ber Suizid?"

Diana - die k├╝rzlich von Edition F zu einer von 25 Frauen, die unsere Welt besser machen, gek├╝rt wurde - erkl├Ąrt mir auch, dass sie in ihrem Arbeitsalltag das gleiche Ph├Ąnomen erlebt, wie ich in meinem privaten Umfeld:

"Dass oft aus Unwissenheit oder Angst etwas Falsches zu sagen, nicht dar├╝ber gesprochen wird. Und leider werden die Themen von staatlicher Seite und auch an Schulen vernachl├Ąssigt. Eine unserer Botschaften ist es, Aufmerksamkeit f├╝r Signale schaffen, die auf eine akute Suizidgef├Ąhrdung hinweisen. Denn es gibt viele Signale, auf die man achten kann. Aber wie gesagt, wenn man aus Unwissenheit oder Angst, etwas Falsches zu tun, einfach nichts tut, k├Ânnen Suizide nicht verhindert werden."

Vor einiger Zeit besuchte mich eine Freundin in Berlin und erz├Ąhlte mir, dass auch sie schon depressive Phasen hatte und daran gedacht hat, sich das Leben zu nehmen. Zun├Ąchst war ich perplex. Wie kann eine junge, tolle, intelligente Frau wie sie...?

Wir lebten einige Zeit weit voneinander entfernt und ich hatte keine Ahnung, wie es ihr in den letzten Jahren erging. Einen Moment sp├Ąter war ich einfach nur gl├╝cklich, dass sie jetzt in meiner Wohnung sa├č und gemeinsam redeten wir ├╝ber das Thema Suizid.

Wie es sich anf├╝hlt, nicht mehr da sein zu wollen und auf der anderen Seite noch da zu sein und lediglich vermissen zu k├Ânnen. Ganz offen und vertraut. Das ist es, was wir in unserer Gesellschaft erreichen m├╝ssen.

Dass sich Menschen nicht mehr sch├Ąmen, ├╝ber d├╝stere Gedanken zu sprechen. Dass sie schneller aufgefangen werden, wenn sie nach Hilfe suchen und vor allem, dass die Politik daf├╝r finanzielle Mittel einsetzt.

Nur dann k├Ânnen Mitmenschen in der Familie und im Freundeskreis, aber auch in Schulen und am Arbeitsplatz lernen, Signale zu erkennen und Hilfe zu suchen. Auch an meiner Schule wurde das Suizidtabu damals erst gebrochen, als ein Junge sich das Leben genommen hatte.

Die Themen zu Suizid m├╝ssen auf die Gesundheitspolitische Agenda der Bundesregierung. Neben nationalen Aufkl├Ąrungskampagnen zu Verkehrsunf├Ąllen, Alkoholmissbrauch oder Drogenmissbrauch, muss es auch eine nationale Aufkl├Ąrungskampagne zu den Themen Depression und Suizid geben. Diana Doko

Der Freunde f├╝rs Leben e.V. will lieber zu fr├╝h als zu sp├Ąt an Schulen oder andere Einrichtungen gerufen werden, um Aufkl├Ąrungsarbeit leisten zu k├Ânnen. Eine solche Mammutaufgabe sollte jedoch kein Verein, der lediglich aus privaten Spenden finanziert wird, alleine bew├Ąltigen m├╝ssen.

Bis heute wei├č ich nicht, wie es sich anf├╝hlt, lebensm├╝de zu sein. Ich wei├č aber, wie es ist, wenn ein geliebter Mensch pl├Âtzlich einfach nicht mehr ist und man keine Chance hatte, sich zu verabschieden.

Ich kenne die Angst zu vergessen, wie mein Papa aussah, wie er sprach, zu vergessen, was wir gemeinsam erlebt haben und bin dankbar, dass meine Familie mit mir diese Erinnerungen aufrecht erh├Ąlt.

Erst viele Jahre sp├Ąter habe ich das Gef├╝hl, meinen Vater noch einmal besser kennenzulernen. In Gespr├Ąchen mit meiner Mutter ├╝ber Dinge, an die ich mich selbst nicht mehr erinnern kann oder mit meinen Geschwistern, aber auch mit engen Freunden.

Es gibt viel Liebe, an die ich mich erinnere und so ist das Reden ├╝ber meinen Vater und seinen Suizid mit vertrauten Menschen mittlerweile etwas, was manchmal weh, aber vor allem auch gut tut.

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