Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Isabel Robles Salgado Headshot

Die Wahrheit ├╝ber die ersten, anstrengenden Wochen nach der Geburt

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
MOTHER BABY
gettyimages
Drucken

Bei mir im Bekanntenkreis sind in den letzten Monaten mehrere Babies zur Welt gekommen. Und oft hie├č es: "Ach, es ist ja alles so entspannt, das Kind schl├Ąft und die Mutter macht das ganz toll." Oder: "Irgendwie geht die gar nicht raus, das scheint alles ganz sch├Ân schwierig zu sein."

Immer ist der Unterton: 1. "Klar, Mama X ist ja soooo entspannt, da ist es das Kind nat├╝rlich auch.", oder eben: "Klar, Mama X ist ja so unentspannt, kein Wunder, dass das Kind viel schreit."

Unentspannte, erste Wochen

Hier also mal in aller Deutlichkeit: Ob Kinder in den ersten Wochen viel schreien, hat NICHTS, oder zumindest nur sehr, sehr wenig, mit der entspannten Haltung der Mutter beziehungsweise der Eltern zu tun.

Oft behaupten das Freunde ohne Kinder. Und die w├╝rde ich alle gerne mal ein paar Stunden mit einem br├╝llenden S├Ąugling in ein Zimmer stecken. Und sie danach zu ihrem Entspannungsgrad befragen!

Die Wahrheit ist: Manche Neugeborene sind tats├Ąchlich "pflegeleicht". Sie br├╝llen nicht ohne ersichtlichen Grund, sie liegen und schlafen viel. Wenn dann auch noch die N├Ąchte ok sind, wenn die Mama sich psychisch gut f├╝hlt, und das mit dem Stillen klappt: Gratulation!

Dann steht den ersten, entspannten Wochen nix im Weg. ABER: Sehr viele Neugeborene sind eben einfach nicht so. Sie schreien, scheinen st├Ąndig unzufrieden, sie wollen auf keinen Fall im Kinderwagen liegen, ├╝berhaupt br├╝llen sie um ihr Leben, wenn sie abgelegt werden, schlafen ├╝berhaupt nur auf oder an einem menschlichen K├Ârper, kr├╝mmen sich, und schreien und schreien und schreien.

Dazu Stillprobleme und Dauerstillen, W├Ąscheberge, Chaos und das Gef├╝hl, nichts, nichts, nichts gebacken zu bekommen. Es sind meist nur Stunden, Tage, maximal Wochen. Aber die M├╝tter (und V├Ąter) leiden. M├╝tter stillen gef├╝hlt permanent, die restliche Zeit wird mit Rumtragen und Tragetuch-Verwurstelungen zugebracht.

Dazwischen wird gestritten, man ├Ąrgert sich ├╝ber den teuer angeschafften Kinderwagen und den h├╝bschen Stubenwagen und bestellt daf├╝r bei Amazon einen schicken Pezi-Ball zum Schunkeln. Hebammen werden verzweifelt ausgefragt, und immer denkt man: Warum passiert mir das, warum ist mein Kind so unzufrieden?

Ein Schreikind? Ist das ansteckend?

Eine Freundin, deren Baby wirklich wochenlang jeden Abend stundenlang schrie, war irgendwann nervlich am Ende. Und heute ├Ąrgert sie sich vor allem dar├╝ber, dass sie ├╝berhaupt erz├Ąhlt hat, sie habe ein Schreikind. Denn die Reaktionen waren entsetzte, mitleidige Gesichter.

Hilfe hat keiner so richtig angeboten, es schien so, als w├╝sste man einfach nicht, wie man mit einer so schrecklichen Sache, wie einem Schreikind umgehen soll. Als h├Ątte sie eine unheilbare, ansteckende Krankheit gehabt!

Dabei gibt es vieles, was Freunde und Verwandte tun k├Ânnen:

1. Verst├Ąndnis zeigen - es ist einfach nicht selten, dass Babies am Anfang Zeit und unfassbar viel Zuwendung brauchen und diese auch lautstark einfordern.

2. Hilfe anbieten! Sei es, das Kind mal abzunehmen, Essen vorbeizubringen, die Wohnung auf Vordermann zu bringen. Oder auch: behilflich dabei sein, Hilfe zu finden! Es gibt Schreiambulanzen, die Eltern mit Profi-Support zur Seite stehen.

3. In Ruhe lassen, wenn das gew├╝nscht wird. Vorgeworfene S├Ątze wie: "sie hat schon wieder abgesagt", sind unangebracht. Stattdessen fragen: Was ist los? Kommst du klar? Sei ehrlich! Kann ich irgendwie helfen? Es ist nicht peinlich oder besch├Ąmend, wenn man in den ersten Wochen nicht klar kommt. Es ist v├Âllig normal!

Und es gibt auch vieles, was die Mamas und Papas machen k├Ânnen, um unbeschadet durch diese Wochen zu kommen. Ich spreche hier aus Erfahrung. Xaver hat sich zwar meist relativ schnell beruhigen lassen. Aber auch wir hatten Wochen voller Geschrei, Unsicherheiten, durchgetragenen, durchwachten N├Ąchten.

Es gab Tage, da war nur Geschrei, Stillen oder Schlafen (immer nur auf uns drauf). Wir waren v├Âllig ausgelaugt und fertig. Was war nur los? Die ersten zwei Wochen hatte er doch noch selig vor sich hin ged├Âst? Es hat lange gedauert, bis wir seine Zeichen lesen konnten.

Er war oft m├╝de, und schaffte es nicht, einzuschlafen. Je m├╝der er wurde, umso mehr schrie er, umso m├╝der wurde er ... Das hatte mir vorher niemand gesagt, dass Babies so schreien, weil sie M├ťDE sind! Ich dachte immer: dann schlafen sie eben. Aber vielen Babies f├Ąllt es schwer, abzuschalten, all die neuen Reize sind zu viel, sie k├Ânnen das noch nicht selbst regulieren und ausschalten.

Koliken gibt es wohl!

Sein zweites Problem war die Verdauung. Er kr├╝mmte sich permanent, pupste und litt. Deshalb war der ach so tolle Trick: einfach immer an die Brust, wenn das Baby weint (hilft ja auch beim Einschlafen), bei uns absoluter Unfug.

Sein kleiner Magen war noch ├╝berforderter, er war noch unzufriedener, verweigerte die Brust. Eine Osteopathin schaffte es schlie├člich, viel Luft aus seinem Bauch "herauszudr├╝cken". Sie gab mir auch einige Ern├Ąhrungs-Tipps.

Und alleine schon, dass mir ein Profi sagt, dass er wirklich Bauchweh hat. Das war so viel wert. Denn den Spruch: "Koliken gibt es nicht", den hasse ich fast so sehr wie: "Ist die Mutter entspannt, ist es auch das Kind." Stimmt n├Ąmlich nicht!

Alles ausprobieren ...

Hier also meine (unvollst├Ąndige) Liste an Tipps, wenn alles nicht so rund l├Ąuft, wie man es sich vorgestellt hat:

1. Mach einen Termin beim Osteopathen. Viele, viele, viele Babies haben Blockaden und andere kleinere Traumata, oft durch die Geburt. Osteopathen sind Wunderheiler und haben schon so manches Schreikind zum Entspannen gebracht!

2. Lass den Kinderwagen einfach stehen. Finde dich damit ab, dass das Baby jetzt auf und an dir wohnt. Es wird nicht f├╝r immer so sein und es ist angenehmer, als immer wieder Geschrei zu ertragen. Besorg dir ein Tragtuch, lass dir zeigen, wie das geht. Oder eine Tragehilfe! Wenn das Kind nur im Fliegergriff still ist (wie bei uns ...): Halte durch ... Es wird vorbei gehen. Und: Wechselt euch ab! Oft kann der Papa sogar besser rumtragen. Nicht nur weil er st├Ąrker ist, sondern auch, weil er keine verf├╝hrerisch riechende Milch hat, die das Baby zus├Ątzlich nerv├Âs machen kann.

3. Hol dir ein Stillkissen, pack dir nochmal extra Kissen in den R├╝cken, setz dich aufs Sofa, oder leg dich ins Bett und: Still einfach, wenn du meinst, es k├Ânnte jetzt gut sein. Gute Still-Abst├Ąnde pendeln sich meist nach ein paar Wochen von selbst ein. Am Anfang ist Dauerstillen normal. Ich habe so unter wunden Brustwarzen gelitten, dass dieser Tipp f├╝r mich hinf├Ąllig war, dazu die Bauchschmerzen ... Aber bei Manchen ist das echt einfach wirklich das Beste.

4. Akzeptiere das Chaos, und dass du NICHTS schaffst. Deine Priorit├Ąten sind jetzt anders. Duschen kann schon ganz sch├Ân weit nach hinten rutschen auf der Prio-Liste. Mach keine Termine, aber: Geh raus! Den meisten Babies tut es gut, wenn jeden Tag ungef├Ąhr das Gleiche passiert, und wenn sie morgens schnell an die frische Luft kommen. Also: Aufwachen, stillen, duschen, anziehen und RAUS! Das war bei uns das Wundermittel. Manchmal sind wir auch nachts nochmal um den Block gelaufen, hach ja, war das sch├Ân ...

5. Hol dir diesen Gymnastikball und stell den Stubenwagen irgendwo hin, wo er dich nicht sauer macht. Bei uns stand er im Bad. Und morgens, nach dem Aufwachen und mit dem Gepl├Ątscher der Dusche, da lag Xaver auch ab und zu echt ein paar Minuten darin! Sonst wachte er meistens schon auf, wenn ich nur daran dachte, ihn irgendwo hinzulegen.

6. Probier alles, was gegen Bauchweh helfen k├Ânnte: Cavum Carvi Z├Ąpfchen, Windsalbe, Kirschkernkissen, Bauchlage, Schnuller, Stilltee. Keine Zwiebeln essen, keine Milch. All das. Auch wenn's wahrscheinlich nicht hilft. Es bewirkt immerhin, dass man sich nicht v├Âllig unbeteiligt und ergeben f├╝hlt. Man hat es schlie├člich alles versucht!

7. Probier alles aus, was sonst noch helfen k├Ânnte: Wippen, B├Ąlle, Musik, die laufende Sp├╝lmaschine, das Tragetuch, das Kuscheltuch, den Schnuller, Begrenzung (ein Nestchen, oder Pucken), konstante Ruhe und Reizarmut, frische Luft, eine Federwiege oder eine H├Ąngematte ... Ich war irgendwann absoluter Hilfsmittel-Profi. Keine Ahnung, was am Ende half. Aber irgendwann wurde es besser. Und f├╝r viele dieser Hilfsmittel bin ich noch heute dankbar!

Haltet durch ... Ihr macht alles richtig.

Und zuletzt: Haltet durch! Das M├Ąrchen von den superentspannten Neugeborenen-Wochen wird eben nicht f├╝r alle wahr. Verstehen kann man es ja auch. Man stelle sich vor: 24/7 W├Ąrme, Rauschen, Non Stop-F├╝tterung, Kuscheln, Herumtragen - und dann pl├Âtzlich in diese kalte Welt, all die Eindr├╝cke, Menschen, Ger├╝che ... Kein Wunder, dass man sich da beschwert. Und das k├Ânnen Babies eben nun mal nur schreiend.

Bei uns wurde es nach ziemlich genau sieben Wochen besser. Pl├Âtzlich konnte Xaver sich ein St├╝ck weit selbst regulieren, der Bauch schien keine Probleme mehr zu machen, endlich schlief er l├Ąngere Zeit am St├╝ck und machte auch sonst einen viel ausgeglicheneren Eindruck.

Er war immer noch kein Kinderwagen-Fan (das wurde erst nach der Liegewanne besser ...), aber wir hatten pl├Âtzlich regelm├Ą├čige Still-Abst├Ąnde und hatten uns generell "eingependelt". So war's bei uns ... Bei vielen dauert es drei Monate, bei manchen l├Ąnger ...

Aber alle Babies werden irgendwann Kleinkinder. Mein kleiner Xaver ist immer noch ein lauter, zorniger Zeitgenosse, das ist einfach sein Charakter. Er kann aber auch ein Engel sein. Er schl├Ąft nach 16 Monaten wie eine Eins in seinem eigenen Bett und irgendwann mochte er den Kinderwagen sogar lieber als die Tragehilfe.

Und auch aus den unzufriedensten Schreibabies werden oft Sonnenscheine! Dazu gibt's eine endlich entspannte Mama und einen seligen Papa. Ende gut, alles gut.

2016-05-30-1464613544-9099285-XAVERMINI721x577.jpg

PS: Auf dem Foto ist Xaver drei Wochen alt. Er liegt auf mir und schl├Ąft. An diese Wochen werde ich mich immer erinnern. Wie man so ungl├╝cklich und so gl├╝cklich gleichzeitig sein kann!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Blog der Autorin 'Little Years'.

2015-11-12-1447332656-6784274-Facebook2.jpg

Auch auf HuffPost:

Der Junge wurde missbraucht - was die Biker dann vor seinem Haus taten, ist Anarchie

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f├╝r alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Lesenswert: