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Seit 30 Jahren übermale ich Hassparolen und kein Gerichtsurteil der Welt wird mich davon abhalten

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IRMELA MENSAHSCHRAMM
JOHN MACDOUGALL via Getty Images
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Wenn ich vor die Tür gehe, dann habe ich immer eine Baumwolltasche dabei. Das ist zunächst nichts ungewöhnliches, doch über den Inhalt wundern sich wahrscheinlich doch die meisten. Denn meine ständigen Begleiter sind Spraydosen, Spachtel und Eddings.

Jeden Tag kämpfe ich auf deutschen Straßen gegen Hassparolen. Ich überspraye und kratze alles weg, was mir so an menschenverachtenden Sätzen in Form von Graffitis, Schmierereien oder Stickern über den Weg läuft - und mache mich damit strafbar.

Denn rein rechtlich gesehen ist das Sachbeschädigung. Auch wenn deswegen schon dutzende Strafanzeigen gegen mich gestellt wurden - keine Anzeige der Welt kann mich davon abhalten. Denn ich sehe es als meine bürgerliche Pflicht, Antisemitismus und Fremdenhass zu bekämpfen und aus der öffentlichen Wahrnehmung zu entfernen.

Ich bin Deutschlands Polit-Putze

Die Öffentlichkeit kennt mich unter meinem Aktionsnamen "Polit-Putze". Ein konservativer Politiker sagte einmal ich mache Werbung für Sachbeschädigung.

Schulen in ganz Deutschland laden mich ein, über meine Arbeit zu sprechen und eine renommierte Stiftung verleihte mir 2015 den Göttinger Friedenspreis. Die Meinungen über mich könnten verschiedener nicht sein.

Von den Einen werde ich als Vorzeigedeutsche dargestellt, für Andere bin ich eine mehrfache Straftäterin, die gegen geltendes Recht verstößt und dabei keinerlei Reue zeigt. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo dazwischen, doch das spielt für mich keine Rolle.

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Ich kann mich noch gut an den ersten Sticker erinnern, den ich entfernt habe. Das war im Sommer 1986 in Berlin-Zehlendorf. An einer Bushaltestelle sah ich den Spruch "Freiheit für Rudolf Heß", den ehemaligen Stellvertreter Adolf Hitlers.

Heß saß zu diesem Zeitpunkt seit 1946 in einem Kriegsverbrechergefängnis in Spandau. Deutschlandweit setzten sich Neo-Nazis für seine Freilassung ein - ein absolutes Unding für mich.

Ich habe den Sticker mit meinem Schlüsselbund weggekratzt und dieser Moment, der hat in mir etwas ausgelöst. Ich besorgte mir darauf einen Spachtel und ging auf meine ersten Touren durch die Stadt.

Bis heute ist es mir extrem wichtig, wirklich alle Rückstände der Aufkleber zu entfernen. Denn selbst wenn man nur noch den Namen oder die Internetadresse einer dieser Hass-Organisationen erkennt, ist das schon zu viel.

"Merkel muss weg!" - nicht mit mir

Wenn ich Schmierereien sehe wie "Ausländer raus", "Türken sind Kamelficker" oder "Türken vergasen" dann greife ich zur Spraydose. Inzwischen versuche ich, die boshaften Botschaften der Sprüche in ihr Gegenteil zu kehren.

Im Mai letzten Jahres habe ich in einem Fußgängertunnel in Zehlendrof aus dem Graffiti "Merkel muss weg!" - "Merke! Hass weg" gemacht. Ein Zeuge rief die Polizei.

Man zeigte mich an und erließ einen Strafbefehl gegen mich. 450 Euro sollte ich zahlen, wegen Sachbeschädigung. Ich habe Berufung eingelegt und als es zum Verhandlungstermin kam, trat ich dort ohne Anwalt auf. Ich habe mich selber verteidigt.

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Viele Justizbeamte kennen mich durch meine zahlreichen Aktionen natürlich. Als der Richter fragte, ob man das Verfahren wegen Geringfügigkeit nicht einfach einstellen könnte, widersprach die Staatsanwältin.

Ihre Begründung: Ich habe durch das Übersprühen das Graffiti noch größer gemacht. Außerdem mangele es mir an Reue. Am Ende forderte sie eine Geldstrafe von 1.800 Euro.

Zumindest was die Reue betrifft hatte sie Recht. Es ist mir inzwischen wirklich komplett egal, was der Staat über meine Aktionen denkt. Ich werde das nicht zahlen. Sollen sie mich doch ins Gefängnis sperren, ich hatte schon lange keinen Urlaub mehr und darin gibt es sicherlich auch einige Schmierereien, denen ich mich widmen könnte.

Zum Vergleich: Vor wenigen Monaten sorgte der Fall einer Frau für Aufregung, die wegen wiederholter und massiver Hetze gegen Flüchtlinge und Ausländer auf Facebook verurteilt wurde. Ihre Strafe: 1300 Euro. Das ist doch ein Witz.

Die meisten Menschen unterstützen mich

Aber immerhin bestärken mich Menschen immer wieder in dem was ich tue. Auch Wildfremde auf der Straße.

Egal ob in Karlsruhe, Berlin, Köln oder Dresden - Leute sprechen mich an und erklären mir, wie lächerlich sich die deutsche Justiz macht. Ich werde verurteilt, obwohl ich versuche, der Öffentlichkeit einen guten Dienst zu erweisen.

Denn die Verbreitung von menschenfeindlichen Gedankengut kann beispiellose Folgen haben - das wissen wir Deutschen besonders gut. Wenn ich mir so ansehe, was in Großstädten alles so an den Wänden klebt, dann denk ich mir: Der Verfassungsschutz schläft.

Ich versuche trotzdem immer wieder, offizielle Institutionen für gemeinsame Projekte zu gewinnen. Doch die meisten weigern sich. So der Berliner Senat und das Wirtschaftsministerium.

Als ich der Familienministerin Manuela Schwesig per Brief eine Kooperation anbot, erhielt ich nicht mal eine Antwort. Das war vor einem Jahr.

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Das ist schon traurig, besonders wenn man bedenkt, wie viele junge Menschen sich für meine Workshops begeistern. Zum Angebot gehören Schülerprojekte wie "Mit bunten Farben gegen braune Parolen" sowie Führungen mit Beseitigungsaktionen in verschiedenen Städten.

Doch natürlich bin ich auch vielen Menschen in Deutschland ein Dorn im Auge. Bei meiner Arbeit werde ich immer wieder beleidigt und verbal angegangen. Das sind meistens frauenfeindliche und altersdiskriminierende Sachen.

Doch ich werde mich von Nichts und Niemandem aufhalten lassen. In drei Tagen ist in Karlsruhe eine große Neo-Nazidemo, da juckt es mich jetzt schon in den Fingern.

Denn ich weiß, wenn die da durch die Straßen ziehen, dann sind am nächsten Tag überall Sticker und Schmierereien. Da heißt es für mich wieder: Spachtel und Spraydosen einpacken, ab in den Zug und los.

Das Gespräch wurde von Julius Zimmer aufgezeichnet.

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