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Eine wahre Geschichte über einen lettischen Alien

20/11/2015 16:59 CET | Aktualisiert 20/11/2016 11:12 CET
Irina Usanin

Haben Sie jemals einen Menschen mit einem Alien-Pass gesehen? Nicht einen, den man bei der „Comic Con" neben den Star Trek Abzeichen erwerben kann, sondern ein amtliches Dokument, das von einem demokratischen Rechtsstaat an ihre Bürger vergeben wird.

Um ein Außerirdischer zu sein, muss man also nicht unbedingt von einem anderen Planet kommen? Nein, dafür muss man noch nicht mal weit reisen. Gerade mal 1.200 km von Berlin entfernt, befinden wir uns in einem Land mit knapp 2 Millionen Einwohnern namens Lettland.

Seit 1991 stolzer Eigentümer der Unabhängigkeit, seit 2004 Mitgliedsstaat der Europäischen Union und seit 2014 sogar Mitglied der Eurozone. Und dort soll es Aliens geben, quasi das europäische „Area 51"? Was zu Anfang wie ein Scherz klingt, ist für viele dort lebenden Menschen Realität.

Vom Sowjetbürger zum Alien

Nach der Erlangung der Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 stand Lettland vor einer schwierigen Frage: „Was macht man mit den mehr als 700.000 Bürgern russischer Abstammung, die zwar zu Lettland gehören, weil sie dort geboren und aufgewachsen sind, die aber die Restbevölkerung doch sehr stark an die 50 Jahre der Unterdrückung erinnern?"

Nach langen Überlegungen erließ die lettische Regierung eine Resolution „Zur Wiederherstellung der staatsbürgerlichen Rechte lettischer Bürger und die Grundprinzipien der Naturalisierung". Klingt ziemlich kompliziert, ist auch ohne jegliche Aufklärung schwer zu verstehen.

Man sollte sich das so vorstellen: im Jahr 1940, also vor der Besatzung durch die Sowjetunion, wurde das letzte Mal die „Speichern"-Taste gedrückt und die Namen aller lettischen Bürger festgehalten. Mehr als 50 Jahre später wurde die „Reset"-Taste betätigt und all diejenigen, die in der ursprünglichen Liste nicht auftauchten, oder keine Blutsverwandtschaft mit den Ur-Letten vorweisen konnten, sind plötzlich zu "Aliens", also Nichtbürgern Lettlands erklärt worden.

Im Zuge dessen hat die neue lettische Regierung entschieden, die Namen der „Nichtbürger" nach lokaler Manier anzupassen. Ein kurzer Exkurs in die Grammatik der lettischen Sprache soll die kleine, aber für die russische Bevölkerung Lettlands derart bedeutende Veränderung, verdeutlichen.

Im Lettischen bekommt jeder Gegenstand und jede Person des männlichen Geschlechts den Buchstaben „S" als Endung. So lassen sich die typisch lettischen Namen Janis, Maris und Uldis schnell erkennen.

Die russischen Namen, wie Sergej, Andrej und Alexander haben anscheinend nicht mehr so richtig in das neue Weltbild gepasst, und wurden kurzerhand in Sergejs, Andrejs und Alexanders umbenannt, inklusive Nachnamen, versteht sich. Ob einer der Männer überhaupt damit einverstanden war, den Namen, den ihm seine Eltern gaben, in eine Art Hybrid umzuwandeln, stand nicht zur Debatte.

Fremd im eigenen Land

So erging es auch Stanislav U., der im Jahr 1985 in der lettischen Hauptstadt Riga als sowjetischer Staatsbürger geboren und mit 6 Jahren zu einem Alien namens Stanislavs erklärt wurde. „Ich bekam die gesellschaftlichen Veränderungen schnell zu spüren und fühlte mich ausgestoßen.

Ich war plötzlich ein staatsbürgerschaftliches Nichts, quasi ein Außerirdischer. Genau wie meine Eltern, die ebenfalls in Lettland geboren wurden, deren Eltern aber nicht. Das nennt man doch Pech.", erinnert sich Stanislav. Auf seinem Personalausweis stand auf einmal die englische Aufschrift „Alien's passport", was auf Deutsch übersetzt, wohl gemerkt, Fremdenpass heißt.

In den darauffolgenden Jahren hat Stanislavs Familie die Abgrenzung immer mehr gespürt. Die „Nichtbürger" waren plötzlich vom Wahlrecht ausgeschlossen und durften den Beruf eines Staatsbediensteten nicht ausüben, sogar die russischen Straßenbezeichnungen auf den Schildern wurden übermalt.

Dass diese Vorgehensweise nicht bei allen Zuspruch fand, zeigt sich am Beispiel von Stanislavs Eltern, die für sich und vor allem für ihre beiden Söhne keine Zukunft mehr in Lettland gesehen haben und sich 1997 deshalb entschieden haben, nach Deutschland auszuwandern.

Der Neuanfang

Der Anfang in der neuen Heimat war für die eingewanderte Familie alles andere als leicht. Der einzige, der der deutschen Sprache nur ansatzweise mächtig war, war Stanislavs Vater und diese Grundkenntnisse hatte er noch von der Schulzeit. Nichtsdestotrotz hat er relativ schnell den Anschluss gefunden und eine Stelle als Entwicklungsingenieur in einer deutschen Firma angenommen.

Stanislav und sein Bruder sind in die Fußstapfen ihres Vaters getreten, haben nach dem Abitur beide ein Ingenieurstudium abgeschlossen und direkt danach auch einen Job gefunden. „Rückblickend kann ich sagen, dass obwohl meine Familie und ich in ein für uns völlig unbekanntes Land gingen, ohne zu wissen, was uns dort erwartet, und enorme sprachliche und kulturelle Barrieren überwinden mussten, haben wir uns in diesem Land nie fremd gefühlt. Ein Gefühl, das ich in meiner alten Heimat leider allzu gut kannte", erzählt Stanislav. Im Jahr 2005 hat Stanislav alle Voraussetzungen erfüllt und die deutsche Staatsbürgerschaft erworben. Seine erste Staatsbürgerschaft seit 14 Jahren.

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