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Regeltreue oder Autonomie? Ein Plädoyer für mehr Eigenverantwortlichkeit

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BUSINESS TEAM
Thomas Barwick via Getty Images
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Bitte versetzen Sie sich in folgende Situation: Sie bewerben sich auf eine Position unterhalb der Geschäftsführung in einem mittelständischen Unternehmen.

Ihre Kernaufgabe soll zunächst in der Leitung eines anspruchsvollen Organisationsentwicklungsprojektes im Zusammenhang mit einem groß angelegten Veränderungsprozess bestehen, den das Unternehmen durchläuft.

Im Rahmen des Vorstellungsgesprächs wird Ihnen folgende Frage gestellt: „In Ihrer Rolle als Projektleiter bzw. Projektleiterin kommen Sie in eine Situation, die Sie zwingt, sich zwischen den folgenden beiden Handlungsmöglichkeiten zu entscheiden: Sie brechen eine im Unternehmen geltende Regel und retten Ihr Projekt oder Sie halten sich an die Regel und Ihr Projekt scheitert.

Was tun Sie?" Bevor Sie weiterlesen - bitte überlegen Sie einen Moment, wie Sie antworten würden.

Werden wir zu bedingungslosen Anerkennern von Regeln?

Ich habe diese Frage im Rahmen eines Rekrutierungsprozesses, den ich als Personalberaterin begleiten durfte, ungefähr 70 Personen gestellt. Im Vorfeld der Beauftragung kristallisierte sich im Briefinggespräch heraus, welche Art von Persönlichkeit für die betreffende Aufgabe erforderlich war.

Eigenschaften wie die Fähigkeit sowie die Bereitschaft eigenverantwortlich und lösungsorientiert zu handeln, analytisch, strategisch geschickt, pragmatisch und intelligent zu agieren, waren fester Bestandteil des Anforderungsprofils.

Wie eine Person sich verhält, wenn sie mit Regeln konfrontiert wird, schien mir eine gute Strategie zu sein, um herauszufinden, wer welche persönliche Disposition mitbringt. Wie also verhalten sich Menschen in einer solchen Situation, die sie vor die Alternative stellt, eine Regel zu befolgen oder zu brechen und die entsprechenden Konsequenzen in Kauf zu nehmen?

Rund 85% der Befragten entschied sich klar gegen den Regelbruch. Sie vertraten kompromisslos die Position, Regeln seien schließlich dafür da, eingehalten zu werden und für sie sei es selbstverständlich, davon nicht abzuweichen - notfalls auch unter Inkaufnahme des Scheiterns des Projekts.

Weitere etwa 5% entschieden sich vergleichbar kompromisslos für den Regelbruch. Ihr erster, nicht vollkommen falscher Impuls war, dass es nicht sein könne, dass eine Regel ein so wichtiges Projekt zum Scheitern bringen könne. Gleichwohl fehlte auch hier das maßgebliche Element: Die Reflexion.

Die vergleichsweise wenigen übrigen Gesprächspartner und Gesprächspartnerinnen entschieden nicht sofort, sondern stellten zunächst Fragen: Um welche Art von Regel handelt es sich? Wie schwerwiegend wäre der Regelbruch? Was sind mögliche Konsequenzen für das Unternehmen und für mich, wenn ich die Regel breche oder einhalte? Auf der Basis der Informationen, die sie daraufhin erhielten, entschieden sich letztlich zwei von rund 70 Personen reflektiert für den Regelbruch.

Einer von ihnen bekam die Zusage seitens meines Auftraggebers. Damit fiel die Entscheidung für eine Persönlichkeit, die einen möglichen Regelbruch weder konsequent abgelehnt noch in anarchistischer Manier befürwortet hat.

Vielmehr wurde eine Person ausgewählt, die im Zuge einer Folgenabschätzung abgewogen, sich ganz bewusst für einen autonomen Weg entschieden hat und bereit gewesen wäre, dafür Verantwortung zu übernehmen.

Ein Wert wie Verantwortung wird ersetzt durch Regeltreue

Regeln tragen in einer Gemeinschaft, und damit auch in einem Unternehmen, dazu bei, dass das Miteinander funktioniert und es wird zu Recht erwartet, dass sich alle an die vereinbarten Regeln halten. Wir wollen keine systematischen Regelübertreter, die sich ohne mit der Wimper zu zucken über Regeln hinwegsetzen.

Diese Gewissheit hat spätestens seit der Finanzmarktkrise 2007/2008 in unseren Wirtschaftsetagen Raum gegriffen und entspricht gesamtgesellschaftlichem Konsens. Seit knapp zehn Jahren werden in den Unternehmen insbesondere die Abteilungen Risk und Compliance personell regelrecht aufgerüstet.

Im Zuge dessen wurde ein Wert wie Verantwortung ersetzt durch die Forderung nach Regelkonformität. Verantwortung zu übernehmen bedeutet für die vorhersehbaren Folgen des eigenen Handelns einzustehen.

Wenn das Handeln von Menschen in erster Linie danach bewertet wird, ob sie sich regelkonform verhalten haben, geht es nicht mehr explizit darum, eine Handlung danach auszurichten, ob die betreffende Person mit den Konsequenzen ihres Handelns leben will.

Vielmehr haben wir uns dann verantwortungsbewusst verhalten, wenn wir uns an die Regel gehalten und waren verantwortungslos, wenn wir die Regel ignoriert haben.

Compliance bedeutet kurz gefasst Regeltreue. Wir wünschen uns nach wie vor, dass Menschen aus sich heraus motiviert sind, ihr Verhalten nach bestimmten ethischen Werten auszurichten.

Die aus Risk- und Complianceerwägungen resultierende zunehmende Regeldichte zeigt allerdings, dass wir das Vertrauen darauf, dass wir uns auf die moralische Integrität der Menschen verlassen können, längst verloren haben. Diese Regeldichte ist insofern nicht nur der Versuch, fehlende Moral justitiabel zu machen.

Vielmehr haben wir die Moral in die Abteilungen Risk und Compliance ausgelagert und adressieren damit unser Mißtrauen gegenüber deren Leistungsfähigkeit: Die in unseren Unternehmen aufgestellten Regeln stehen für das institutionalisierte Unbehagen an der Moral.

Moral alleine genügt uns nicht, um ganz sicher sein zu können, dass nichts schief geht. Sie genügt uns deshalb nicht, weil wir spüren, dass die Antwort auf die Frage, ob sich jemand moralisch integer verhält oder nicht, von dessen individueller Interessenlage und persönlicher Disposition abhängt.

Moral scheint insofern alles andere als eine sichere Bank zu sein.

Wer Regeln befolgt, der hat noch lange keine Moral

Es erhöht nicht unser moralisches Bewusstsein, wenn wir uns unreflektiert und ohne Überzeugung an Regeln halten, sondern es einzig deshalb tun, weil wir uns dazu verpflichtet fühlen.

Dann besteht die Gefahr, dass wir uns das Denken abgewöhnen, dass wir lernen, unsere Zweifel zu unterdrücken und zu bedingungslosen Anerkennern von Regeln werden, die in konkreten Entscheidungssituationen deren Sinnhaftigkeit nicht mehr hinterfragen. Stattdessen üben wir aus Prinzip oder aus Respekt vor Repressalien Regeltreue.

Diese Entwicklung hat nicht nur Konsequenzen für uns selbst, sondern auch für die Unternehmen, in denen bedingungslose Regelkonformität gelebt wird. Letztlich ist es eine Frage der Unternehmenskultur, ob zugelassen wird, dass Regeln in Frage gestellt werden und ob der Mitarbeiterschaft zugetraut wird, einschätzen zu können, ob es sich um eine unbedingt gültige Regel, etwa im Hinblick auf Korruption, handelt oder nicht.

Nur eine der Konsequenzen in Unternehmen, in denen Regeln nicht reflektiert werden dürfen ist, dass dort u.a. das Potential der Führungskräfte nicht ausgeschöpft wird. In Anbetracht der zunehmenden Komplexität in unserer Wirtschaft könnte es mehr denn je zum Erfolgsfaktor für Unternehmen werden, ob sie Autonomie zulassen oder nicht.

Es ist grundsätzlich ein Unterschied, ob wir uns unreflektiert und sklavisch an Regeln halten oder ob wir uns bewusst und begründet dafür entscheiden, nicht gegen Regeln zu verstoßen. Regeln sind zwangsläufig normativ formuliert.

Dahinter versteckt sich der Anschein von etwas nicht Widersprechbarem. Regeln dahingehend zu hinterfragen, ob sie wirklich sinnvoll sind, wird vor allem durch das Argument der Beliebigkeit von vorne herein ausgeschaltet: eine Regel, die nicht bedingungslos, kategorisch gilt, die ist keine.

Entsprechend verbinden wir mit Regeln einen Anspruch, der an uns gerichtet ist und von dem wir glauben, dass wir ihm bedingungslos gerecht werden müssen. Nur eine Ursache dafür ist unsere Angst vor den Konsequenzen, davor was es bedeuten könnte, wenn wir uns und anderen zugestehen, Regelwerke aufzuweichen, indem wir sie in Frage stellen.  

Letztlich machen Regeln nur dann Sinn, wenn sie nützlich sind, wenn sie dazu beitragen, Schaden von Menschen, vom Unternehmen und der Gesellschaft abzuwenden.

Unsere Autonomie können wir dann bewahren, wenn wir uns nicht selbst hinter den Regeln vergessen, wenn wir uns und anderen erlauben, situationsabhängig unter sorgfältiger Abwägung der Konsequenzen deren Sinnhaftigkeit zu hinterfragen und zu einer eigenverantwortlichen, bewußten Entscheidung kommen. Aus meiner Sicht handeln wir dann auch im Sinne des Unternehmens.

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