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Warum die Debatte um soziale Gerechtigkeit schädlich ist

27/05/2017 14:13 CEST | Aktualisiert 27/05/2017 14:13 CEST
Steffi Loos via Getty Images

Ungleichheit ist keine Frage der Moral

Das Thema Soziale Gerechtigkeit hat Konjunktur im politischen Deutschland. SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz hat es ganz oben auf die Agenda im Bundestagswahlkampf gesetzt. Institutionen wie Oxfam, der Paritätische Wohlfahrtsverband, das DIW und auch die Bundesregierung haben die ökonomische Ungleichheit aus unterschiedlichen Perspektiven und mit unterschiedlichen, zum Teil gegensätzlichen Ergebnissen thematisiert. In einem Punkt aber scheinen sich alle einig zu sein: Ökonomische Ungleichheit bedroht die Stabilität unserer Gesellschaft, ist deshalb aus moralischer Sicht nicht akzeptabel und muss irgendwie beseitigt werden. ➨ Mehr zum Thema: Martin Schulz kämpft für soziale Gerechtigkeit - aber wie schlecht geht es Deutschland wirklich? Bislang hat Schulz aus seinem vagen "Irgendwie" noch kein konkretes "Wie" gemacht. Aber dass sie unbedingt weg muss, die ökonomische Ungleichheit, und durch mehr soziale Gerechtigkeit ersetzt werden sollte, steht nicht nur für den SPD-Vorsitzenden außer Frage. Tatsächlich treibt die Forderung nach mehr sozialer Gerechtigkeit einen emotionalen Keil tief in unsere Gemeinschaft, der uns mehr schaden als nützen dürfte. So falsch es ist, ökonomische Ungleichheit zu einer Frage der Moral zu machen, so richtig ist es, dass gerade die Debatte um mehr soziale Gerechtigkeit das Klima in unserer Gesellschaft zunehmend vergiftet und uns den Blick für Wichtigeres verstellt.

Unmoralisch ist die Debatte, nicht die Ungleichheit

Nicht nur die jüngst unter anderem von US-Präsident Donald Trump gegeißelten deutschen Exportüberschüsse machen deutlich, dass die Leistungsfähigkeit unserer Wirtschaft hoch ist. Auch die Zahlen der aktuellen DIW-Frühjahrsdiagnose belegen, dass wir uns bereits im fünften Jahr in Folge über einen moderaten Aufschwung der deutschen Wirtschaft freuen könnten. Tun wir aber nicht. Stattdessen suchen wir nach einem Haar in unserer Wohlstandssuppe. Im Ergebnis sind inzwischen selbst gut situierte Mittelstandsbürgerinnen und -bürger, die ein Einfamilienhaus bewohnen, einen guten Job und zwei Autos in der Garage haben, der Auffassung, Deutschland gehe "den Bach runter und die Regierung unternimmt nichts". Wer versucht, mit Fakten die Dinge gerade zu rücken, sieht sich mit Aussagen wie "Ich weiß nicht, ob ich da mitgehe" konfrontiert - eine typische Antwort von jemandem, der zwar spürt, dass er keine guten Argumente hat, dies aber nicht zugeben möchte. Sich benachteiligt zu fühlen ist zu einer Frage des individuellen Dafürhaltens geworden. Nach der Politik als der Institution zu rufen, die es richten soll, ist einfach. Aber nicht zwingend wirkungsvoll - wie der derzeit noch hilflos wirkende Versuch der SPD, einen zutiefst subjektiven Begriff wie "soziale Gerechtigkeit" mit konkreten Aussagen zu hinterlegen, zeigt. ➨ Mehr zum Thema: Wenn Gerechtigkeit „Gleichheit" meint, bleibt das Wachstum auf der Strecke Vielmehr sollten wir uns daran erinnern, dass mehr politisch verordnete Regeln uns nicht immer Vorteile beschert haben, und uns darauf besinnen, dass es uns insbesondere ökonomisch ziemlich gut geht.

Chancengleichheit statt Ergebnisgleichheit

Auch in einer Wohlstandsgesellschaft wie unser ist Chancengleichheit zu unterscheiden von Ergebnisgleichheit. Chancengleichheit im dem Sinne, dass beispielsweise alle Mitglieder einer Gesellschaft Zugang zum Bildungssystem haben sollten, ist zu befürworten. Ergebnisgleichheit hingegen, die davon ausgeht, dass alle gleich viel haben müssen, nicht. Schon der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel hatte erkannt, dass unser Bedürfnis nach Gleichheit groß ist. Allerdings war für ihn Ungleichheit, anders als später bei seinem Schüler Karl Marx, unkritisch. Hegel stellte nüchtern fest, dass sich erst durch Eigentum die Persönlichkeit konstituiert. Für ihn war Ungleichheit, die aus Privateigentum resultiert, ein Ausdruck individueller Freiheit. Demgegenüber vertrat Marx die Position, dass durch Eigentum in erster Linie Herrschaftsverhältnisse begründet werden. Beiden Positionen ist gemein, dass sie ein Gerechtigkeitsmodell entwerfen, das uns auf unsere Eigentumsverhältnisse reduziert. Unter anderem diese Tatsache kritisiert der US-amerikanische Philosoph Harry Gordon Frankfurt in seiner überaus lesenswerten Studie "Ungleichheit. Warum wir nicht alle gleich viel haben müssen". Frankfurt wendet sich entschieden dagegen, die Beseitigung von Ungleichheit zum moralischen Prinzip zu erheben. In der Vorbemerkung schreibt er: „Ökonomische Ungleichheit als solche ist moralisch nicht verwerflich".

Armutsbekämpfung statt Gleichmacherei

Vielmehr könne Gleichverteilung den Gesamtnutzen sogar minimieren. Das wäre der Fall, wenn eine Gleichverteilung der zur Verfügung stehenden Ressourcen innerhalb einer Gemeinschaft dazu führt, dass niemand überleben kann. In einer solchen Konstellation darauf zu pochen, dass Ressourcen gleich verteilt werden sollen, statt durch Ungleichverteilung das Überleben zumindest einiger Menschen zu sichern, wäre nach Auffassung Frankfurts "moralisch grotesk". Der, wie Frankfurt es nennt, "ökonomische Egalitarismus", der Versuch, alles gleich zu machen, unterliege einer Fehleinschätzung. Er gehe fälschlicherweise davon aus, dass es moralisch relevant sei, ob ein Mensch weniger hat als ein anderer - unabhängig davon, wie viel jeder von beiden hat und unabhängig vom Nutzen, den beide aus dem ziehen können, was sie haben.

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Ursächlich für diese Fehleinschätzung ist für Frankfurt die "irrige Annahme", dass ein Mensch, der über ein geringeres Einkommen verfügt, deutlich mehr unerfüllte Wünsche habe als jemand, der ökonomisch besser gestellt ist. Frankfurt plädiert mit dem von ihm entwickelten Suffizienzprinzip dafür, dass jeder genug hat. Gleich bedeutet in diesem Sinne eben nicht nur gleich reich, sondern kann auch gleich arm bedeuten. Statt gegen Ungleichheit zu wettern, sollten wir uns für die Bekämpfung von Armut einsetzen. Die Ungleichheitsdebatte führt dazu, so Frankfurt, dass wir uns mit der irrelevanten Frage befassen, "wie unser ökonomischer Status im Vergleich zum ökonomischen Status anderer aussieht. Auf diese Weise trägt das Prinzip der Gleichheit zur moralischen Orientierungslosigkeit und Seichtigkeit unserer Zeit bei." Das wäre eine gute Antwort für den Mittelstandsbürger, der sich darüber beschwert, dass Deutschland den Bach runter geht.
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