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Obdachlose in Deutschland: Zu viele reden, kaum einer hilft

16/02/2017 17:03 CET | Aktualisiert 16/02/2017 18:11 CET

335.000 Menschen in Deutschland haben keinen festen Wohnsitz. Viele von ihnen leben auf der Straße. Wie viele genau, das weiß keiner.

Nach einigem Zögern entschloss sich Ira Brandstetter einigen zu helfen - den Obdachlosen, die im Fußgängertunnel unter ihrem Wohnhaus in der Münchener Isarvorstadt wohnen.

Schon seit längerem sind mir die Menschen aufgefallen, ihre gemachten Betten und aufgeräumten Tische. Es sind mehrere Männer und eine Frau, die im Tunnel schlafen, bei eisigen Temperaturen und ständigem Geflacker der Lampen.

Lange Zeit habe ich mich gefragt: Was sind das für Menschen? Wo kommen sie her? Was machen sie?

Es hat etwas gedauert, bis ich mich schließlich überwand, diese Fragen für mich zu beantworten.

Nach der Silvesterfeier hatten wir Essen übrig. Ich habe meinen Mann gefragt, ob wir nicht einmal dort hinunter gehen sollten, um zu fragen, ob vielleicht jemand etwas essen möchte.

Deshalb dauerte es etwas, bis wir tatsächlich einige der Obdachlosen antrafen. Glücklicherweise reagierten die meisten sehr offen. Andere wiederum brauchten etwas Zeit, um die Hilfe anzunehmen. Ich glaube aber, dass letztlich alle froh sind, dass ihnen Unterstützung entgegengebracht wird.

Nie einfach Essen hinstellen

Später habe ich dann auch extra für die Obdachlosen gekocht. Das Problem war: Ich wusste zwar, wie viele Betten dort stehen, aber nicht, wie viele auch mitessen wollen. Ich habe aber nie Essen einfach hingestellt.

Ich konnte mir gar nicht vorstellen, dass sich in der heutigen Zeit in Deutschland überhaupt noch jemand über eine warme Speise freut. Dass sich jemand noch darüber aufrichtig freuen kann, finde ich nach wie vor erstaunlich und berührend.

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Nach einiger Zeit später habe ich auch einer Nachbarin von der Hilfe erzählt. Ich wusste schon, dass sie sehr sozial eingestellt ist und bestimmt mitmachen würde. Später haben dann weitere Nachbarn von sich aus gesagt, dass sie gerne mitmachen wollen.

Bei uns im Haus haben wir darüber geredet - jeder wusste, dass unten im Tunnel Menschen schlafen. Doch erst als jemand damit anfing, den Menschen zu helfen haben sich anderen Nachbarn auch entschlossen mitzumachen.

Mittlerweile haben wir unseren Rhythmus gefunden

Am Anfang war das natürlich noch nicht so organisiert. Wir sind heruntergelaufen und haben geschaut ob jemand da ist. Wer isst mit, wer nicht. Die erste Woche war etwas holprig, aber mittlerweile haben wir einen Rhythmus gefunden.

Jeden Tag um 20 Uhr schaue ich, Nachbarn oder eine weitere Helferin aus der Nachbarschaft vorbei. Dann gibt es Essen, Tee und Wärmflaschen. Letztere habe ich im Januar gekauft, wo es so extrem kalt war.

Wir als Hausgemeinschaft haben beschlossen, die Hilfe erstmal nur für die kalte Jahreszeit zu organisieren. Es soll vorerst keine Dauereinrichtung werden.

Zu viele reden bloß, kaum einer hilft tatsächlich

Zu viele reden bloß, kaum einer hilft tatsächlich. Es kostet Überwindung. Denn es gibt etliche, die etwas tun wollen, dass habe ich im Bekannten- und Kollegenkreis mitbekommen.

Das war bei mir genauso. Lange Zeit wollte ich zwar den Obdachlosen helfen, habe mich aber nicht getraut. Deshalb möchte ich anderen sagen, dass sie einfach auf die Menschen zugehen sollen und fragen, was gebraucht wird oder mit was man aushelfen kann. Mir wurde letztlich keine Scheu entgegengebracht.

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Wichtig ist zu fragen, was konkret gebraucht wird. Beispielsweise haben die Obdachlosen gar nicht die Möglichkeit viel Kleidung zu lagern. Sie haben eher wenig und waschen das dann lieber ein paar Mal mehr.

Die Obdachlosen geben bereitwillig Auskunft über das, was nötig ist. Das ist auch das beste, um die Menschen nicht zu bevormunden.

Zudem hilft es ungemein, wenn man den persönlichen Kontakt herstellt und mit den Menschen spricht.

Ich schaue jetzt ganz anders hinter die Kulissen der Gesellschaft. Aus anonymen Obdachlosen wurden Menschen, um die man sich sorgt und nun ebenso etwas verantwortlich fühlt.

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert.