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Ich bin Leihoma - und schenke den Kindern, was Eltern nicht haben: Zeit und Geduld

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GRANDMA
skynesher via Getty Images
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Ich habe keine Kinder. Aber eine ganze Menge Enkel.

Ich bin: Leihoma. Eine von mehreren hundert allein im Raum München.

Wissen Sie, wie sich das anfühlt, wenn Kinder die Treppe heraufrennen, "Oma" rufen und nirgendwo lieber übernachten wollen als bei Ihnen? Wenn Sie Liebe geben und so viel Liebe zurückbekommen? Wenn Eltern anrufen, weil sie Sie dringend brauchen?

Erfüllung für mich, Rettung für die Eltern

Für mich ist das ... Erfüllung. Obwohl ich vorsichtig bin mit so einem Wort. Pathos liegt mir nicht so.

Für die Eltern sind wir Omas ... schon so etwas wie ein Rettungsanker. Heute müssen so viele Eltern arbeiten, nur in jeder fünften Familie arbeitet die Mutter nicht. Und Oma und Opa wohnen oft so weit weg. Es gibt Studien, danach muss jede vierte Familie eine Stunde oder noch länger zu den Großeltern fahren.

Wenn da die Eltern krank werden, oder wenn da der Kindergarten über die Ferien zumacht, was sollen die Eltern denn machen?

Die Mutter krebskrank, und die Oma auch

Vor acht Jahren, als ich als Leihoma angefangen hab, hab ich einen Buben betreut, der gerade einmal zwei Monate alt war, ein Frühchen. Die Mama hatte Krebs, und die Oma auch. Da musste jemand helfen, das hat damals sogar die Krankenkasse bezahlt.

Und die Mama von drei der Kinder, auf die ich aufpasse, könnte gar nicht arbeiten, wenn ich nicht immer wieder einspringen würde. Sie schickt ihre drei immer spontan zu mir. Die andere Familie mit zwei Kindern regelmäßig an zwei Tagen in der Woche, wenn die Mutter am Nachmittag arbeiten muss.

Ich brauche keine Kraft dazu

Und manchmal kommen die Kinder auch am Wochenende zu mir. Diesen Sonntag, als es so schön war, war ich mit ihnen im Schwimmbad. Mit allen fünfen.

Die Kleinste ist zwei Jahre alt, der älteste Bub schon acht. Die Kleine hab ich auf all unsere Sachen oben auf den Buggy gesetzt. Und der Große hat überlegt, ob er nicht eine Kleidung erfinden könnte, die einen automatisch mit Sonnencreme versorgt, damit man sich nicht mühsam einschmieren muss.

Wenn mich die Leute mit so vielen Kindern sehen, fragen sie, ob mir das nicht zu viel wird, mit 70 Jahren.

grandma

Nein. Ich brauche keine Kraft dazu. Für mich ist das Spielerei.

Wenn ich mit den Kindern herumhüpfe, tut mir nichts weh. Höchstens nachher dann.

Viele ehemalige Kollegen wissen nicht, wohin mit sich

Ich denke oft an die vielen Kollegen - ich war 35 Jahre lang Trambahnfahrerin -, die im Ruhestand gar nicht wissen, wohin mit sich. Das geht laut Studien vielen Senioren so, mehr und mehr arbeiten auch im höheren Alter noch, nicht aus wirtschaftlicher Not, sondern, um eine Aufgabe zu haben.

Ich hab eine solche Aufgabe, eine wunderschöne.

Und es gibt so viele Eltern, die Hilfe bräuchten. Ich kann gar nicht so viele Kinder betreuen, wie ich Anfragen bekomme: Einmal hat mich eine Frau sogar in der Tram angesprochen, ob ich nicht auch einmal auf ihr Kind aufpassen könne.

Omas sind zum Verwöhnen da

Und umgekehrt gilt doch auch: Wenn Kinder keine Oma und keinen Opa haben, dann fehlt ihnen etwas.

Eltern haben immer mal Ärger in der Arbeit und Stress. Sie können nicht so viel Geduld haben.

Omas schon. Omas sind ja zum Verwöhnen da.

Bei mir dürfen die Kinder spielen, die Seele baumeln lassen, und ich kann die Kleine auch so lange am Rücken kraulen, bis sie eingeschlafen ist. Ich kann den Kindern das geben, was Eltern nicht haben: Zeit und Geduld.

Die Kinder müssen lernen, anständig zu sein

Nur folgen müssen die Kinder. Sie müssen lernen, dass man Danke sagt, anständig gegenüber den Erwachsenen ist und nie lügen darf. Ich erkläre ihnen, dass das wichtig ist, damit etwas wird aus ihnen.

Das ist nicht schwierig, die Kinder sind von zu Hause aus gut erzogen. Ich weiß auch nicht warum, aber wenn sie bei mir und meinen Mann sind, streiten sie nicht, obwohl sie sich zu Hause fetzen.

Der Tag, vor dem ich mich fürchte

Ich fürchte mich nur vor dem Tag, an dem einem der Kinder etwas passiert, das schlimmer ist als ein aufgeschürftes Knie. Aber wenn man Kinder um sich hat, darf man keine schlechten Nerven haben.

Als Leihoma bekomme ich auch Geld, zehn Euro in der Stunde. Davon bleibt allerdings nichts übrig. Kinder haben immer Hunger. Und ich gebe ihnen Brav-Punkte. Wenn sie sich öfter gut benommen haben, dürfen sie sich ein Eis kaufen. Und wir haben so viel Spielzeug wie ein Kindergarten. Bald lade ich die Familien auch wieder ein, ich werde einen Schweinebraten machen.

Das schönste Kompliment für mich

Wissen Sie, die Kinder sagen "Oma" zu mir, obwohl sie eine leibliche Großmutter haben. Und als einmal ein Vater zu mir gesagt hat, ich sei nicht nur sowas wie Familie, sondern ich sei Familie, da war ich ... stolz.

Da ist es doch gut, dass ich das Geld wieder den Kindern zurückgebe. Eine Oma, die sich bezahlen lässt - das wäre doch gegen meine Moral.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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(ks)