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Verbotene Heimatgefühle - ausradierte DDR

14/08/2015 17:44 CEST | Aktualisiert 14/08/2016 11:12 CEST
Mike Kemp via Getty Images

Ich stamme aus der DDR und gehe nun mittlerweile auf das 50ste Lebensjahr zu. Das bedeutet, ich habe meine Kindheit und Jugend in der ehemaligen DDR verbracht.

Die DDR ist meine Heimat.

Als Kritikerin war ich natürlich, genauso wie alle, gegen eine Diktatur, wie wir sie erlebten. Es gäbe viel zu berichten über die Missstände, die ich teils hautnah miterlebte. Ganz zu schweigen von all den Opfern an der Grenze oder all den politisch Gefangenen, die die Hölle und den schieren Wahnsinn erlebten.

All das darf niemals wieder geschehen.

Die DDR ist Geschichte, was ich sehr befürworte.

Doch an der Stelle möchte ich gerne einen Punkt setzen, um dann darüber zu berichten, worüber kaum noch einer redet, ja nicht einmal mehr reden darf.

Über Heimatgefühle!

Wenn ich nun schreibe, dass die DDR meine geliebte Heimat war, so würde ich Kritik ernten. Der erhobene Zeigefinger würde mich Lügen strafen oder gar als dumm bezeichnen. Wie kann ich eine Heimat lieben, die so voller Gewalt und Diktatur war?

Ich müsste mich schämen, wenn ich von Liebe rede, denn es würde bedeuten, dass ich oberflächlich über all die Opfer hinweg sehe, dass ich die Missetaten verharmlose, dass ich „nicht mehr alle Latten am Zaun habe".

Ich bin weder dumm, noch verleugne bzw. verharmlose ich die Opfer und die Diktatur. Und doch habe ich sie geliebt. Meine Heimat.

Wie passt das zusammen?

Die DDR war keine Diktatur, in der das gesamte Volk zu leiden hatte. Der Alltag der Ostdeutschen war nicht voller Angst vor Krieg und Sanktionen. Natürlich gab es die Stasi, aber selbst diese war damals keine allgemeine Bedrohung, da kaum einer etwas über deren Machenschaften erfuhr.

Was an Missetaten ablief, geschah im Dunkeln und Verborgenen. Das waren keine Taten auf dem Jahrmarkt, und erst recht keine, über die die Medien berichteten.

Wir wuchsen also ganz normal, ja, teils sogar sehr glücklich auf. Wir hatten immer einen reichlich gedeckten Tisch, wir konnten ganz normal zur Schule gehen, lernen und in der Freizeit mit unseren Freunden spielen.

Und WIE wir spielten...

Kein Baum-Ast, kein Gemäuer, keine Straße war vor uns wilden, ungezügelten Kindern sicher. Zuhause sah man uns am Tage fast nur, wenn es was zu essen gab.

Und dann die Jugend!

Wir gingen in Diskotheken, wir verliebten uns, und wir durchzechten manche Nacht voller guter Laune und Spaß. Gewalt gab es selten. Arbeitslosigkeit gab es nie, somit hatte auch kein junger Mensch Probleme, eine Ausbildung zu finden.

Wir liebten die Familien und den engen Zusammenhalt. Wir mochten unsere Nachbarn und schlossen nicht die Türen zu, damit auch ja keiner hinein schauen kann. Wir suchten die Kontakte in allen Himmelsrichtungen, und wir fanden sie.

Freundschaften bestanden aus Loyalität, keiner neidete dem anderen etwas, außer, die Freundin hatte einen Lover, der gut küssen konnte. ;-)

In unserer Kindheit und Jugend gab es eine gewisse Ordnung und Orientierung. Und auch wenn die Basis dafür hinterfragungswürdig war/ist, so tat sie uns in der Kindheit und Jugend gut. Wir hatten eine feste Struktur, an der wir uns sicher und geborgen durchs Leben schlängeln konnten.

Wir hatten einen festen Boden unter den Füßen.

Ja, einen heimatlichen Boden.

All das gab es nicht trotz, sondern NEBEN der Diktatur. Und genau das macht es so schwierig.

Ich fühle Scham, wenn ich in den wunderschönen Erinnerungen schwelge.

Darf ich überhaupt schwelgen?

Menschen, die aus den Altbundesländern stammen, sehen in meinen Erinnerung eine Verblendung. Vielleicht auch eine Gehirnwäsche seitens des diktatorischen Staates.

Das Tragische ist, dass es tatsächlich so etwas wie subtile Gehirnwäsche gab. Aber das, was ich aufzählte, ist davon in keiner Weise betroffen.

Ich hatte dieselbe glückliche und freie Kindheit, wie sie Kinder aus den Altbundesländern aufweisen konnten, und doch dürfen diese heute in der Erinnerung kramen, sie dürfen sich begeistert die Frage stellen: „Weißt du noch....?"

Während man bei mir sagt: „Wie kannst du nur!"

Meine Gefühle zur Heimat unterliegen einem Verbot und meine Heimat an sich ist verschwunden, so, wie Vineta, die versunkene Stadt. Es gibt sie nicht mehr, diese Heimat.

Nicht, dass ich das Ende der Diktatur bedaure, nein, ich bedaure nur, dass meine Heimat wie „Erloschen" scheint. Das löst ein Gefühl der Trauer aus.

Hört man heute den Medien und den Menschen aus den ehemaligen Altbundesländern zu, dann gab es bei uns niemals etwas Positives. Alles war ganz schrecklich und wir müssen dankbar sein, dass es vorbei ist.

Oh ja, ich bin dankbar, ...

aber ich trauere auch.

Beides nebeneinander. Fast so, als wäre ich schizophren.

Ja, und ein bisschen schizophren ist das Ganze auch.

Gegensätzliche Extreme reichen sich die Hand, kaum, dass man an die Heimat denkt, und damit müssen wir nun den Rest unseres Lebens zurechtkommen.

Wenn man mich fragt, ob ich einen Wunsch habe, würde ich dies sofort bejahen.

Obwohl... so bescheiden bin ich gar nicht mehr. Inzwischen ist es kein Wunsch mehr, sondern ein Traum.

In diesem Traum fragen Menschen nach meiner Kindheit und hören leise zu, wenn ich mit glänzenden Augen darüber berichte, ohne, dass sie mir das Bewusstsein für die Gräueltaten absprechen, die es daneben gab. In meinem Traum darf ich meine Gefühle glücklich nach außen krempeln, wenn ich Bilderalben durchgehe, ohne, dass ich Scham empfinde. In meinem Traum gibt es keinen erhobenen Zeigefinger, kaum, dass ich von „MEINER guten alten Zeit" rede, sondern Verständnis und das Wissen, dass „meine gute alte Zeit" ein großer Teil von mir ist.

Wenn wir alt werden, was bleibt uns dann?

Wenn wir keine Träume und keine Zukunftspläne mehr haben, wovon ernähren wir uns seelisch?

Wir alle, und zwar ausnahmslos, haben dann nur noch die Erinnerung.

Wenn diese Erinnerungen positiv sind, so zerredet sie uns bitte nicht.

Sprecht uns nicht das Positive ab und verurteilt uns auch nicht, weil wir sagen, dass wir eine rundum schöne Kindheit und Jugend hatten.

Wenn unsere Heimat schon, wie Vineta, verschwunden ist, wenn man alles, was je zur DDR gehörte auszuradieren versucht, so lasst uns doch wenigstens DAS. Wenigstens die Erinnerung.

Wir wissen trotzdem jederzeit, was die DDR den Menschen antat und was man an Leid erfuhr.


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