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Flüchtlingsdebatte: Warum spricht keiner über dieses Thema?

09/08/2015 17:59 CEST | Aktualisiert 09/08/2016 11:12 CEST
dpa

Zurzeit brennt in Deutschland die Luft. Das Flüchtlingsdrama spitzt sich zu, und selten wurde es so kontrovers diskutiert, wie in den letzten Monaten.

Meine Position ist klar. Ich lebe in Berlin, mitten im Multikulti-Land, und zu meinen Freunden zählen viele ausländische Mitbürger. Gerade weil es hier in Berlin kulturell so farbenfroh ist, zog ich vor ca. 10 Jahren hier her. Zuvor lebte ich in Mecklenburg Vorpommern, - in meinem Heimatland.

Ich schaue, wie auch viele anderen Menschen, besorgt auf die Entwicklung und die Bewegung auf Grund der Flüchtlinge, die in unser Land kommen. Mit einem äußerst unguten Magengefühl habe ich vor Augen, dass es einst, - damals bei den Juden - genauso begann.

Dieser grausame Hass auf die Juden konnte nur deswegen in diesem Ausmaß gezündet werden, weil sich die Menschen in einer Depression befanden. Unzufrieden, zumeist verarmt und orientierungslos. Ich befasse mich aus der psychologischen Sicht sehr oft mit den Hintergründen der Nazizeit und mit der Frage, wie es soweit kommen konnte, dass etliche Menschen - Menschen wie „Du und Ich" - mit dem Hass infiziert wurden. Ähnliche Hintergründe sehe ich auch heute.

Doch das ist es nicht, worüber ich schreiben möchte. Natürlich gäbe es viel dazu zu sagen, und natürlich können sich nicht genug Menschen erheben, wenn es darum geht, diesen Hass, der um sich greift, zu verhindern.

Aber während das ganze Land damit beschäftigt ist, sich gegen die Hetze der „Neu-Nazis" und Mitläufer aufzulehnen, sehe ich schleichend noch eine ganz andere besorgniserregende Entwicklung.

Eine, die nur mir aufzufallen scheint. Oder aber eine, über die keiner redet. Vielleicht möchte man sie auch nur nicht hören und wahr haben. Oder aber sie ist nicht wichtig genug.

Es gibt Städte und Länder in Deutschland, wo der Fremdenhass ganz besonders groß ist. Sachsen, Hoyerswerda, Thüringen, - um nur einige Orte zu nennen.

Spricht man über diese Orte, so spricht man von „der ehemaligen DDR". Und...

Spricht man Leute direkt auf die Entwicklung in den Ortschaften an, so lautet es. „Liebe ehemalige DDR Bürger".

Hat man es vor wenigen Monaten noch human erwähnt, so ist es inzwischen schon ein lautes Poltern, wie ich auf FB mitten auf meiner Freundesliste, so aber auch in vielen Artikeln erleben musste.

Da werden die ehemaligen DDR Bürger nicht mehr mit „Liebe DDR Bürger" angesprochen, es wird geschimpft, es wird gehetzt, es wird getobt.

Korrekter Weise müsste es lauten:

„In unserem Land gibt es Ortschaften, wo der Fremdenhass ganz besonders stark ausgeprägt ist" So aber lese ich es nicht. Ich lese ausnahmslos: „In der ehemaligen DDR ist der Fremdenhass ganz besonders stark ausgeprägt."

Und noch etwas anderes lese ich. Neuerdings in fast jedem Artikel und in jedem Posting, in dem man mit den Fingern auf die ehemalige DDR zeigt. Die Worte: „Ihr ward selbst einmal Flüchtlinge!"

Waren WIR das? Ohne Frage gab es diese Flüchtlinge, aber wie nur kommt man darauf, dass WIR alle einst Flüchtlinge gewesen sind? Und wie soll ich mich, die ja aus der ehemaligen DDR stammt, nun fühlen? Als Flüchtling? Als jemand, der Fremdenhass schürt oder aber gefährdet ist, dies zu tun?

Deutschland spaltet.

Und während man sich gegen die Hetze der Nazis auflehnt, beginnt man über die ehemalige DDR zu hetzen. Ich muss scheinbar akzeptieren, dass ich einer Bevölkerungsgruppe angehöre, die zurzeit argwöhnisch und misstrauisch, teils sogar wütend im Rampenlicht steht.

Doch letztendlich geht es mir hier gar nicht um mich persönlich. Ich wollte mit der Personifizierung nur einmal kurz verdeutlichen, wie es sich für jeden Einzelnen anfühlen kann, der in der ehemaligen DDR wohnt oder daher stammt.

Im Grunde geht es mir hier darum, dass immer mehr Menschen Wasser predigen und Wein saufen, um es salopp zu formulieren. Man kann nicht einerseits die Hetze gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen verhindern wollen und anderseits selber zünden.

Es geht mir hier auch um das Thema Verantwortung.

Natürlich ist es leichter, den Finger auf die „anderen" zu richten. Natürlich ist es viel angenehmer, wenn das Böse einen Namen trägt, zu dem man selbst nicht gehört. So leicht aber sollte es sich keiner machen.

Wir sind EIN Land und wir stecken gemeinsam in einem ziemlich üblen Konflikt. In UNSEREM gemeinsamen Land verbreitet sich Fremdenhass, und wir müssen gemeinsam etwas dagegen tun!

Ist diese Formulierung wirklich so kompliziert, dass sie keiner zustande bringt?

Oder...

Kann es vielleicht sein, dass man unter dem Deckmantel „Flüchtlingsdrama und Fremdenhass" noch etwas ganz anderes ausagieren möchte? Die Mauer war nie aus den Köpfen der Menschen verschwunden. West gegen Ost, Ost gegen West, - immer wieder kam es in den letzten 25 Jahren zu wutentbrannten Debatten und Schuldzuweisungen.

Wird dieser ewig währende Machtkampf nun auf den Rücken der Flüchtlinge ausgetragen? Wenn ja, dann kann ich nur sagen:

Armes Deutschland!

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200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

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