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Flüchtlingsdebatte - Und der Mob dreht sich im Kreis!

24/08/2015 11:22 CEST | Aktualisiert 24/08/2016 11:12 CEST
ullstein bild via Getty Images

In einem meiner vorigen Beiträge deutete ich bereits an, dass sich durch das Flüchtlingsproblem ein West-Ost Konflikt zeigt, der ganz offensichtlich schon Jahrzehnte brodelt. Da sich dieser Konflikt zuspitzt, möchte ich hier noch einmal genauer darauf eingehen, und dieses Mal auch etwas deutlicher als zuvor.

„Ihr ward auch mal Flüchtlinge"...

tönt es inzwischen täglich, während der ausgestreckte Finger auf die ehemalige DDR zeigt.

„Ihr wurdet nicht zurück geschickt und nicht abgeschoben", hieß es konkret in einem aktuellen Spiegel-Bericht mit dem Titel: "Seid endlich still". (Dieser wurde knapp 6000 mal mit einem Like versehen und fast 9000(!) mal auf Facebook geteilt)

„Ihr wurdet aufgenommen und Euch wurde geholfen", schrieb man.

„Ihr bekamt sogar Begrüßungsgeld".

„Heute keine Ware"

All das sind Schlagzeilen, mit denen zurzeit ein Jeder rund um die Uhr konfrontiert wird.

Um die damalige Not der Ostdeutschen zu verdeutlichen, kam man auch auf Läden mit ausgehangenen Schildern zu sprechen, auf denen während der DDR Zeit stand: „Heute keine Ware".

Die Ostdeutschen waren also arm, und der westdeutsche Bürger hat sie mit offenen Armen empfangen... und gerettet!

War es tatsächlich so?

Es ist wohl an der Zeit für ein wenig Geschichtsunterricht, bevor der ehemalige westdeutsche Bürger Flügel bekommt, mit denen er abhebt.

Als es nur einzelne Flüchtlinge über die Grenze geschafft haben, wurden sie in der Tat freundlich aufgenommen und integriert, wobei man hier schon mit der Stirn runzeln müsste. Was bedeutet eigentlich „aufgenommen"?

Flucht ins eigene Land!

Deutsche Mitmenschen flohen nach Deutschland! Warum muss man in Anbetracht dieser Selbstverständlichkeit ständig betonen, dass man die Flüchtlinge freundlich aufnahm?

Auch wenn es die Diktatur der DDR zu verhindern versuchte, so flohen die Ostdeutschen NICHT ins Ausland, sondern in ihr eigenes Land!

Soviel erst einmal zur Realitätsherstellung!

Wie gesagt, Einzelne wurden noch freundlich empfangen. Doch als die Flut kam, da kam auch die Wut. Diese Wut zog sich durch all die Jahre, und sie hält bis heute an.

Selbstwahrnehmung

Ich selbst, die vor ca. 8 Jahren aus dem ehemaligen Osten nach „Westberlin" zog, werde noch heute in weiten Teilen damit konfrontiert, dass man in den Osten alles rein stecken musste, dass man steuerlich aufkommen musste, dass man investieren musste, dass man „das faule Pack" durchziehen musste...

und muss.

Und das wird nicht freundlich formuliert. Gerade weil man nicht weiß, dass ich aus der ehemaligen DDR stamme, nimmt man kein Blatt vor dem Mund, während man sich selbst erhebt und die Ostdeutschen - mit Verlaub - durch den Dreck zieht.

Kein Deut besser

In dieser Weise auf die Ostdeutschen zu wettern, ist kein Deut besser, als das, was Sachsen, Hoyerswerder und Co tun.

„Wir haben nicht demonstriert, als ihr rüber kamt.",

heißt es im Spiegelbericht.

Das ist allerdings wahr. Auf die Straße ging und geht man deswegen nicht. Wogegen sollte man auch demonstrieren? Dass Deutsche nach Deutschland kamen? Oder dass Deutsche in Deutschland für den Aufbau steuerlich investieren müssen?

Nein, so dumm ist dann doch keiner!

Das mindert aber nicht die Wut, die besteht. Hinter der vorgehaltenen Hand, zu Hause an den Tischen, (während die jüngere Generation mal gleich fleißig dazu lernt)... auf der offenen Straße, auf der Arbeit, - überall nutzt man die Möglichkeit, um darüber zu debattieren bzw. zu jammern, was man alles in das ostdeutsche Volk - diese Nichtsnutze, wie man sie nennt - investiert.

In Anbetracht dessen, dass das sogar noch 25 Jahre nach dem Mauerfall passiert, ist es grotesk, sich heute als wohltätiger Flüchtlingsfreund zu präsentieren.

Begrüßungsgeld?

Grotesk ist auch, die Ostdeutschen daran zu erinnern, dass sie damals sogar Begrüßungsgeld bekamen. Hat sich der westdeutsche Bürger hingestellt, und es persönlich überreicht? Nein, es kam vom Staat, genauso wie der Staat heute versucht, die Flüchtlinge mit den nötigen Mitteln zu unterstützen.

Die Tatsache, dass man sich heute damit brüstet, zeigt im ganzen Ausmaß die Überheblichkeit, die nicht erst durch die Flüchtlingsdebatte entstanden ist.

Genauso mit dem Hinweis auf das Ladenschild, auf dem in DDR Zeiten stand: „Heute keine Ware".

Wahrscheinlich handelte es sich um einen kleinen sogenannten „Tante Emma Laden", der mal einst keine Ware hatte. Daraus wird nun ein Ostdeutsches Armuts-Problem gemacht.

Noch mehr Abwertung geht nicht

Noch mehr kann eine Menschengruppe die andere nicht klein_machen. Denn nichts anderes ist es. Jeder WEIß, dass in der DDR keine Armut bestand. Bei aller politischer Destruktivität, die es gab, - Armut bestand nicht!

Ein JEDER hatte in der DDR täglich einen reichlich gedeckten Tisch. Es bestand zu keiner Zeit eine Mangel-Fehlernährung, es gab für jeden Schuldbildung und Arbeit. Jedoch möchte man uns rückblickend „arm sehen", da es das eigene, ritterliche Helfergesicht im Glanze erscheinen lässt.

Aktuelle Flüchtlingsdebatte

All das hat rein gar nichts mehr mit der gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte zu tun. Ganz im Gegenteil. Diese Flüchtlingsdebatte wird ganz offensichtlich als Deckmantel missbraucht, um eine Diskrepanz und Wut auszuagieren, die seit Jahrzehnten besteht. Und genau das kritisiere ICH.

Wenn man schon meint, mit Wut auf Wut reagieren zu müssen, was ich bereits in einem anderen Beitrag hinterfragte, dann doch bitte nicht auch noch mit so einer Scheinheiligkeit.

Vielleicht will man ja zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen:

1. Für die Flüchtlinge kämpfen, was durchaus nobel ist, und

2. mit den ehemaligen Ostdeutschen aufgrund all der unsagbar leidvollen Investitionen abrechnen.

.... man verzeihe mir den Hauch Sarkasmus!

Da wird nichts draus

Denn wenn ihr meint, dass sich gegen die 1000 Hetz-Stimmen der Flüchtlingsdemonstranten gleichermaßen 1000 erboste Stimmen erheben müssen, die wiederum gegen die ehemaligen Ostdeutschen hetzen, dann werden bald 1000 wütende Stimmen ertönen, die sich gegen Euch richten.

...Und der Mob dreht sich im Kreis!


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