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Was Steinchen im Ohr mit Schwindel zu tun haben

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Sylvain Sonnet via Getty Images
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Der oben angeführte Zusammenhang scheint kurios, aber der Lagerungsschwindel gehört zu den häufigsten Schwindelformen überhaupt und wird doch so oft verkannt. Glücklicherweise ist sie die Harmloseste, trotzdem möchte ich diese Form der Gleichgewichtsstörung ein wenig erläutern.

Denn nahezu jeder kennt jemanden, der unter chronischem, wiederkehrenden Drehschwindel leidet. Die Kenntnis dieser Schwindelform kann bei den Betroffenen daher gegebenenfalls zu einer Heilung beitragen.

Was passiert hier mit den Steinchen im Innenohr?

In unseren Gleichgewichtsorganen befinden sich kleine Kristalle, auch Otokonien, Otolithen oder ganz trivial Sternchen (siehe Abbildung) genannt. Sie sind auf einer gelartigen Membran im Innenohr fixiert und vermitteln unserem Gleichgewichtssinn die Erdanziehung, da sie durch ihr Gewicht immer nach unten drücken (sog. Sakkulus und Utrikulus).

Manchmal lösen sich diese Steinchen jedoch von ihrer Membran ab und bewegen sich hierdurch frei in der Innenohrflüssigkeit in einem der drei Bogengänge herum.

Der am häufigsten betroffene Bogengang ist der hintere (posteriore) Bogengang. Er steht etwas tiefer, weshalb sich die Otolithen schwerkraftbedingt am ehesten in diesen Bogengang bewegen (in der unteren Abbildung links dargestellt).

Nun verursachen bereits kleinste Bewegungen des Körpers/Kopfes eine Bewegung der Flüssigkeit im Innenohr. Die verirrten Steinchen schubsen diese Flüssigkeitsbewegung jedoch zusätzlich an, so dass der entsprechende Nervenimpuls viel zu heftig ausfällt. Das Gehirn erhält falsche Messwerte - die Folge dieser Fehlinformation ist ein heftiger Drehschwindel.

Nicht jede Kopfbewegung verursacht jedoch eine Flüssigkeitsbewegung im Innenohr; nur wenn die Flüssigkeit eines bestimmten Bogengangs durch ein bestimmte Lagerung des Kopfes in Bewegung gerät entsteht dieser Schwindel. Diesem Umstand hat diese Schwindelform seine Namen zu verdanken: „Steinchenschwindel" sowie medizinisch richtig: benigner paroxysmaler Lagerungsschwindel (BPLS).

Wie äußert sich dieser Lagerungsschwindel?

Betroffene Patienten beschreiben teilweise heftigste Schwindelattacken, oft mit Übelkeit und Erbrechen. Die Beschwerden treten typischerweise bei bestimmten Bewegungen bzw. Lagewechsel auf, z.B. beim Umdrehen im Bett oder bei Überkopf-Tätigkeiten, z. B. wenn etwas aus einem Küchenschrank herausgenommen wird oder die Haare über dem Badewannenrand kopfüber gewaschen werden.

Nicht alle Patienten leiden jedoch so heftig und auf diese typische, fast schon beweisende Art. Oft sind die Beschwerden sehr viel schwächer und äußern sich z.B. nur durch eine Gangunsicherheit. Diese Patienten haben oft eine lange Ärzteodyssee hinter sich, ohne dass eine Ursache festgestellt werden konnte.

Leider bleibt er daher oft unerkannt, obwohl er so einfach zu diagnostizieren und zu behandeln ist.

Wie wird ein Lagerungsschwindel diagnostiziert?

Da Patienten mit Schwindel häufig eine HNO-Praxis konsultieren, hat der HNO-Arzt durch seine Erfahrung meist schon einen Verdacht auf einen Lagerungsschwindel, wenn die Patienten ihm von ihren Beschwerden berichten.

In der Regel erfolgt danach die Untersuchung des Patienten sowie seiner Ohren, danach werden verschiedene Funktionsprüfungen des Hör- und Gleichgewichtsorgans durchgeführt. Hierzu gehört auch die sogenannte Lagerungsprüfung, bei der der HNO-Arzt den Patienten in bestimmte Positionen bringt, die für die Provokation des Schwindels typisch sind.

Unter einer besonderen Brille, der Frenzel-Brille, welche die Augen des Patienten für den Untersucher stark vergrößert, kann der Arzt anhand unwillkürlicher Augenbewegungen, sog. Nystagmen, erkennen, ob es sich um die vermutete Schwindelform handelt.

Wie sieht die Behandlung aus?

Sobald die Diagnose gestellt und die betroffene Seite herausgefunden ist wird der HNO-Arzt auch gleich die Behandlung beginnen: er wird den Patienten einer Positionsänderung unterziehen, bei der die Zentrifugalkraft der Bewegung die Kristalle aus dem Bogengang, in den sie sich fälschlicherweise verirrt haben, wieder in den richtigen Bogengang schleudert.

Sie werden also wieder in den ursprünglichen Bogengang befördert. Diese Manöver folgen dabei einer ganz bestimmten Bewegungsabfolge, nach den Erstbeschreibern nennen sie sich Epley- oder Sémont-Manöver. Diese therapeutischen Bewegungsabläufe können manchmal kurzzeitig Schwindel verursachen, sind aber ansonsten harmlos.

Im Idealfall bleiben die Otolithen dort haften und der Patient ist anschließend beschwerdefrei (ca. 2/3 der Patienten). Bei dem Rest muss die Behandlung nochmal wiederholt werden; die meisten Patienten berichten trotzdem von einer Beschwerdebesserung nach diesem „Befreiungsmanöver". Unterstützend können zusätzlich Lagerungsübungen durchgeführt werden, die der HNO-Arzt in der Praxis demonstriert (Selbstübungen).

Bei sehr lange vorbestehendem Lagerungsschwindel dauert die Phase der Restitution länger, eine Gangunsicherheit oder Ängstlichkeit bei schnellen Bewegungen kann oft noch nach Abklingen der akuten Beschwerden andauern und bessert sich erst allmählich, wenn das Selbstvertrauen in die Raumwahrnehmung wieder aufgebaut ist.

Medikamente werden bei dieser Schwindelform nicht angewandt, da es sich um rein "mechanisches" Problem handelt, bei der eine medikamentöse Therapie, insbesondere dämpfende Schwindelmedikamente, kontraindiziert ist.

Diese dürfen höchstens in der Anfangsphase während der häuslichen Lagerungsübungen eingenommen werden oder vorrübergehend in der Phase des Abklingens. Sie beschleunigen weder den Heilungsverlauf, noch setzen sie kausal, d.h. an der Ursache an. Daher helfen auch Infusionen bei dieser Art der Gleichgewichtsstörung nicht.

Was ist die Ursache des Lagerungsschwindel und wie kann ich vorbeugen?

Die Ursache des Lagerungsschwindel ist nach wie vor unbekannt. Als klassische Auslöser sind in der Literatur ein Flüssigkeitsdefizit (also zu wenig getrunken) oder Kopfanpralltrauma in der Vorgeschichte beschrieben.

Der Flüssigkeitsmangel soll zu einer Austrocknung der Gelmembran führen, so dass die Otokonien nicht mehr richtig daran haften können.

Das Kopfanpralltrauma kann bereits mehrere Wochen im Vorfeld geschehen sein. Dabei reicht bei letzterem schon ein leichter Schlag mit dem Kofferraumdeckel auf den Hinterkopf, aufgrund dessen die Otolithen erschüttert werden und sich lösen.

Die Latenz, also die manchmal Wochen dauernde Zeit der Beschwerdefreiheit wird durch ein temporäres Hängenbleiben erklärt, bis die Steinchen dann plötzlich ohne Auslöser abfallen. In beiden Fällen muss diesen Auslösern auch eine bestimmte Kopfbewegung folgen, in der sich die Otolithen dann in den „falschen" Bogengang verirren. 

Bei der Hälfte der Patienten kann jedoch kein Auslöser eruiert werden. Aus o.g. Gründen sollte nach einem durchgemachten Lagerungsschwindel nach der Therapie auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr geachtet und Erschütterungen des Kopfes (z.B. Kopfbälle) vermieden werden.

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