BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Dr. phil. Immanuel Fruhmann Headshot

Zum Europäischen Traum gibt es keine Alternative

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Wir sind jetzt Ende des Sommers ein paar Wochen weiter im Prozess, dass zigtausende Flüchtlinge nach Mitteleuropa strömen.

Erstmals ist das Flüchtlingsproblem, das bisher vorwiegend Südeuropa und insbesondere Griechenland und Italien betroffen hat, auf diesem Wege auch zum unübersehbaren Problem Mittel- und Nordeuropas geworden, zu einem Problem der reicheren Länder Europas.

Doch was wir derzeit in Mitteleuropa erleben ist nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Flüchtlinge aus Syrien, die der Einladung Kanzlerin Merkels in Deutschland sicheres Asyl zu bekommen folgend es vorerst bis nach Ungarn, ins erste Schengen-Land schaffen, und eine freie Weiterfahrt über die offenen Grenzen von Ungarn, über Österreich nach Deutschland erwarten, erfahren in Ungarn eine für westliche Standards äußerst unsensible und grobe Behandlung durch die Polizei und Ordnungskräfte.

Und ja, es sind auch irakische und afghanische Flüchtlinge unter den syrischen. Doch sie alle können von abscheulichen Zuständen in ihren Herkunftsländern und menschenverachtender Behandlung durch Schlepper auf dem langen Weg ihrer Flucht berichten.

Aber nicht nur die ungarische Polizei, sondern auch die französische Polizei geht im Dschungel von Calais mit Tränengas und Schlagstöcken gegen die Flüchtlinge vor, wie Focus berichtet.

Angesichts des seit 4 Jahren andauernden syrischen Bürgerkriegs stellt der derzeitige Flüchtlingsstrom wahrscheinlich nur die Vorhut von hunderttausenden Flüchtlingen dar, die noch kommen werden, die sich von Syrien aus auf den langen Weg nach Deutschland machen.

Doch systemisch gesehen sind auch diese Hunderttausende nur ein Bruchteil der Millionen Kriegsflüchtlinge, die sich derzeit im Nahen Osten unter Lebensgefahr auf der Flucht befinden und eine neue Heimat suchen.

Was bedeutet das jetzt für Europa?

An diesem nun brisanten Thema werden die zum Teil über Jahrzehnte schwelenden innereuropäischen Konflikte, die sich aus unterschiedlichen Geschwindigkeiten, Mentalitäten und regionalen Identitäten heraus gebildet haben, mehr als deutlich sichtbar.

Die alten zugeschütteten Gräben reißen wieder auf und die Flüchtlingsfrage, inwieweit man die EU-Quoten akzeptieren soll und „Fremden" eine neue Heimat bieten kann, bringt an die Oberfläche, wie weit die Bewusstseinsbildung im Bereich humanitärer Fragen, im Sinne des Stands der kollektiven Bewusstseinsentwicklung in den einzelnen EU-Staaten fortgeschritten ist oder die Umsetzung der Menschenrechte hinterherhinkt.

Obwohl alle Länder Europas dem Europäischen Traum eines Friedensprojekts und eines gemeinsamen Wirtschaftsraumes in Wohlstand folgen, mit den vier Grundfreiheiten: Dienstleistungsfreiheit, Kapitalverkehrsfreiheit, Freier Personenverkehr und freier Warenverkehr, und sich dazu verpflichtet haben, diese in den derzeit 28 Staaten mit ca. 500 Million EU-BürgerInnen umzusetzen und einzuhalten, zeigen sich gerade in der Asylpolitik der einzelnen EU-Mitgliedsstaaten tiefe Ängste und Sorgen.

Dazu möchte ich einen serbischen Wirtschaftsstudenten in meinem Wiener Bekanntenkreis, der sich auf sein weiterführendes Studium in NRW vorbereitet, erwähnen, der auf meine Frage hin, wie denn viele Serben über den durch ihr Land führenden Flüchtlingsstrom nach Deutschland denken, meinte, dass viele Menschen in Serbien dem mit gemischten Gefühlen gegenüber stehen, da in den Augen vieler Serben die Flüchtlinge den Serben in Deutschland potentiell die Arbeitsplätze wegnehmen würden.

Die zeigt nur auf wie unterschiedlich die Flüchtlingsthematik bis hin zur Konkurrenz gesehen werden kann.

Auch Heiner Geißler wurde neulich in der Sendung „Das Duell" (7. September 2015) weder von seinem Kontrahenten Alexander Gauland noch vom Moderator Heiner Bremer darin widersprochen, dass sich Serbien und Ungarn ja beide in der EU befänden und schon deshalb der Grenzzaun zwischen beiden Ländern keinen Sinn mache.

So zeigte auch diese Diskussion streckenweise den mangelnden Informationsstand bei deutscher Politik- und Medienprominenz.

Der durch u.a. Bloomberg kolportierte Vorwurf, Deutschland würde nur um seine Arbeitsmarktsituation langfristig zu stabilisieren und seiner schrumpfenden Bevölkerung entgegenzuwirken, all diese Flüchtlinge aufnehmen, wirkt da regelrecht zynisch und klingt nach einem äußerst billigen Argument anderer Staaten, sich selbst und ihr Land aus der humanitären Verantwortung zu entlassen, gerade wenn man bedenkt, dass ein Land mit der Größe der USA weit mehr Flüchtlinge aufnehmen könnte, sich bisher nur zur Zusage durchringen konnte, 10.000 syrische Flüchtlinge im kommenden Jahr aufzunehmen.

Denn auch andere Länder - in ähnlicher demographischer Lage wie Deutschland - setzen sich - anders als Deutschland - nicht der Durchmischung, die mit der Aufnahme einer großen Zahl von Flüchtlingen einher geht, aus.

In die gleiche Kerbe schlagen die Golfstaaten, die so gut wie keine Flüchtlinge aufnehmen, um eine mögliche Destabilisierung ihrer Länder durch die Aufnahme von Flüchtlingen abzuwehren, und sich stattdessen mit bizarren Vorschlägen, wie einem Bericht der Britischen Zeitung „Independent" zufolge, den Bau von 200 Moscheen in Deutschland für Flüchtlinge finanzieren zu wollen, aus der Affäre ziehen.

Auch die Zugeständnisse Frankreichs 24.000 syrische Flüchtlinge in den nächsten zwei Jahren und des Vereinten Königsreichs 20.000 syrische Flüchtlinge bis 2020 aufzunehmen, wirken ob der geringen Zahl und der Erfordernisse, die es bräuchte, äußerst bescheiden.

Was bedeutet das für Deutschland?

Mit den derzeit in Deutschland angekommenen syrischen Flüchtlingen sind sicher viele (aus)gebildete Flüchtlinge ins Land gekommen, die beruflich oder studientechnisch leichter Anschluss finden, als Flüchtlinge etwa aus Afghanistan, wo die Alphabetisierungsrate weit unter der von Syrien liegt.

Nicht unterschätzt werden darf dabei, dass die Traumata der Flüchtlinge einer Behandlung bedürfen, da diese Menschen unter Posttraumatischem Stress (PTSD) leiden. Die Betreuung und Behandlung sind dabei am effektivsten, wenn sie in der Muttersprache der Flüchtlinge erfolgen, um den Stresslevel zu senken und eine gelingende Integration zu ermöglichen.

Die Integrationsprozesse müssen dabei von Anfang an explizit den Schwerpunkt auf Kurse in den Europäischen Menschenrechten legen, und darin besonders auf Frauenrechte und Kinderrechte, um anhand der Gleichwertigkeit aller Menschen die Verständigung zwischen den Kulturen zu ermöglichen und auszubauen.

Die Ansiedlung der neuankommenden Flüchtlinge hat dabei nach nationalem Verteilungsschlüssel zu erfolgen, um die Bildung von Ghettos oder gar Parallelgesellschaften, die auf anderem als dem deutschen Recht beruhen, zu verhindern.

Die Verständigung zwischen Einheimischen und Neuankömmlingen kann durch gemeinsame Sportveranstaltungen, Kultur- und Bildungsprogramme verbessert werden. Dabei ist interkulturelle Kompetenz und Sensibilität gleichermaßen gefragt wie gefordert.

Denn die unterschiedliche Behandlung von Männern und Frauen in den Köpfen der Neuankömmlinge aufzulösen hin zur Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit der Geschlechter ist sicher eine der ersten Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Auch das Argument, die Flüchtlinge gehören überwiegend dem muslimischen Glauben an und hätten daher religiöse Vorschriften, die eine unterschiedliche Behandlung der Geschlechter rechtfertigten, ist in Europa ohne Bedeutung, da die Ausübung einer jeden Religion durch das Prinzip der Trennung von Kirche und Staat nicht über dem Rechtsstaat und den europäischen Menschenrechten steht.

Gerade die derzeitige Krise stellt sich als abermalige Bewährungsprobe einer EU dar, die droht, ihre Grundwerte zu verraten, wenn sie sich jetzt nicht solidarisch mit den Menschen in Not zeigt. Denn Solidarität ist nur ein anderes Wort für: Eine Beziehung ist nur so viel wert, wie sehr sie sich unter Belastung bewährt.

Der Europäische Traum, der von ca. 500 Millionen EU-BürgerInnen geteilt wird, und damit die 4 Grundfreiheiten in Europa als Gemeinsamkeit hat, wird durch die Herausforderungen mit hunderttausenden Flüchtlingen umzugehen nicht in Frage gestellt.

Alle anderen Behauptungen „die EU sei in Gefahr" steht in keiner Relation zu den Wünschen von ca. 500 Millionen BürgerInnen der Europäischen Union und ist nichts anderes als nationalistisch gefärbtes politisches Kalkül und Polemik, lanciert von Interessensgruppen, die einem starken europäischen Wirtschaftsraum und dem europäischen Integrationsprojekt feindlich gegenüberstehen.

Doch gerade Deutschland besitzt intellektuell und wirtschaftlich genug Kapazitäten, um sich dieser Flüchtlingsherausforderung mit anschließender Integration positiv zu stellen und den europäischen Traum auf der Basis uneingeschränkter Menschenrechte weiter gemeinsam zu verwirklichen.

2015-08-06-1438870629-2559366-10000.png

200 Menschen aus Deutschland, darunter Politiker, Schauspieler, Musiker, Studenten und andere Menschen haben in der Huffington Post ein wichtiges Zeichen gesetzt: Sie haben den Flüchtlingen in Deutschland zugerufen: "Willkommen, gut, dass ihr hier seid, weil..."

Seit dieser Aktion erreichen uns täglich weitere Dutzende Beiträge zu diesem Thema. Wenn Sie sich an der Diskussion mit einem eigenen Artikel beteiligen wollen, schreiben Sie an blog@huffingtonpost.de.

Es ist Zeit, dass wir in Deutschland ein Zeichen setzen. FÜR Weltoffenheit, FÜR Toleranz und FÜR Menschen in Not

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter
blog@huffingtonpost.de
.

Hier geht es zurück zur Startseite