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Warum qualitatives Denken so wichtig ist

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NACHDENKEN
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Quantitative Denker, ob sie nun daran denken oder nicht, denken in Kategorien von Mehr oder Weniger. Sie denken, dass etwa ein größeres Gehirn mehr erbrächte, mehr Wert hätte, als ein kleineres, und damit spielen sie willentlich oder unwillentlich Eugenikern und Sexisten, Ewiggestrigen und Chauvinisten in die Hände. Sie sind damit bloß Handlanger, heimliche oder erklärte Unterstützer des Militärs, autoritärer Strukturen und letztlich "struktureller Gewalt" (Johan Galtung).

Ausgehend vom Menschenbild des Homo Oeconomicus, die als Wirtschaftsmodell nun auf alle Lebensbereiche des Menschen ausgedehnt wird, folgen quantitative Denker dabei einer Form der Herrschaft durch Zahlen bzw. der Übersetzung der Welt in Zahlen, um den Menschen, die Gesellschaft und die Natur berechenbar zu machen und erzeugen mit ihrer Art des Denkens nur allzu oft simplifizierte mechanistisch-lineare und unmenschliche Lösungen, die Maschinenwelten entstehen lassen und für "lebende Organismen" (Erwin Schrödinger - Was ist Leben?) ungeeignet sind.

Doch selbst innerhalb ihrer auf dieser Gewalt gebauten Logik denken quantitative Denker nicht schlüssig und sind auf dem Holzweg, da sie übersehen, dass nicht das Denken uns vom Tier unterscheidet, wie sie gerne behaupten - und vielleicht mag es ja in ihrem Fall tatsächlich zutreffen - sondern das Über-sich-selbst-Nachdenken, die Selbstreflexion, die damit zusammenhängende Ethik und letztlich die Selbsterkenntnis. Das sind Qualitäten des Denkens, zu denen Tiere nicht fähig sind.

Demgegenüber denken qualitative Denker in Sinnzusammenhängen. Womit letztlich - wenn man schon vom Wert des Denkens reden will - ihr Denken auch mehr Qualität hat als das der quantitativen Denker, da es etwa den Sinn für Qualität, Umweltbewusstsein, den Gemeinschaftssinn, wie auch den Sinn selbst oder auch die Ethik - alles Qualitäten - impliziert und nicht bloß das Denken in Mehr-oder-Weniger, Über-und-Unter, Sieg-oder-Niederlage.

Da quantitative Denker - oft auch in der Wissenschaft vorzufinden - jedoch die Selbstreflexion offiziell als irrelevant geringschätzen, weil sie eine Qualität und daher nicht quantifizierbar ist, und diese inoffiziell sogar verachten, weil Selbsterkenntnis mit ihnen selbst und nicht mit jemand anderem oder etwas anderem zu tun hat, glauben jene quantitativen Denker die Notwendigkeit der Selbsterkenntnis bestünde für sie nicht. Sie haben also dafür nichts übrig, nicht das Geringste Verständnis dafür, weder wenn es um ihre eigene Selbsterkenntnis geht, noch wenn sich jemand anderer um seine eigene Selbsterkenntnis bemüht.

So versuchen jene quantitativen Denker daher alles mit ihrem begrenzten Denken zu verstehen und die Welt und die Menschen in ihrer Ganzheit, die sie nur äußerst reduziert sehen und beforschen, in ihr äußerst eng gefasstes reduktionistisches Muster zu pressen. Hier würde es schon einen halben Schritt in die richtige Richtung bedeuten, wenn jene quantitativen Denker sich in ihrem Blick und ihrer Forschung der Methodik der systemischen Meta-Reflexion in Form der "Kybernetik 2. Ordnung" (Heinz von Foerster - Beobachtung des Beobachters) bedienten.

Genauso wie es unsere konstruktivistische Brille ist, die bestimmt, was wir sehen und wahrnehmen, ist es auch die spezifische Brille der quantitativen Denker, die ihren Blick auf die Welt bestimmt. Und im Falle quantitativer Denker, ist sie schlecht geputzt. Denn ihre Brille lässt sie nur äußerst eingeschränkt und begrenzt sehen und wahrnehmen, und die Erkenntnisse, die sie daraus ziehen, verallgemeinern sie anmaßenderweise auch noch für jede/n auf der Welt.



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