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Über Gurus und Professoren

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GURU
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Alle, die gerne hinters Licht geführt werden, muss ich enttäuschen. Ich bin dafür nicht zu haben. Nur bitte ich sie auch in ihrem Interesse das Wort Guru nicht länger leichtfertig, abschätzig und missbräuchlich zu verwenden und damit ihre überbordende Ahnungslosigkeit zur Schau zu stellen und sich, ohne dass sie es merken, der allgemeinen Lächerlichkeit Preis zu geben. Gemeint ist die blanke Unkenntnis über die Etymologie und den eigentlichen Gebrauch des Wortes Guru. Ein Guru ist jemand, der, weil er schon gewisse Einsichten und Erkenntnisse gemacht hat, die weit über den Erkenntnisstand der Mehrheit hinausgehen, den zu ihm kommenden Ratsuchenden aus der Dunkelheit (Sanskrit: Gu) ins Licht (Ru, die Vertreibung der Dunkelheit) führt, also aus dem Dunkel der Unkenntnis, des Unwissens, in das Licht der Selbst-Erkenntnis führt.

So orte ich bei so manchem und seiner Antipathie gegenüber dem Guru an sich nichts anderes als ein Ressentiment gegenüber dem Fremden, gegenüber anderen Kulturen, und letztlich blanke, wenn auch latente und durch Bildung und Eloquenz kaschierte Fremdenfeindlichkeit. Gerne wird auch das Argument vorgebracht, dass ja ein Guru nichts weiter als eine religiöse Autorität ist, der einer Kaste angehört, die sich auf unüberprüfbare Begriffe zurückzieht und genau darauf seine Autorität aufbaut, dass sie unüberprüfbar sind.

Nun denken sich sicher manche: 'Ja, genau so ist es. Und wer sagt uns, garantiert uns eigentlich, dass der Guru kompetent und lauter ist, und uns nicht nur willentlich oder unwillentlich, wissentlich oder unwissentlich hinters Licht führt?' Die Antwort darauf ist denkbar simpel: Niemand! Genauso, wie uns niemand sagen kann, uns niemand letztlich garantieren kann, dass das, was uns unsere vertrauten Wissensautoritäten, die VertreterInnen unserer Wissenskaste, unsere ProfessorInnen, die gleich dem Guru vorgeben uns in Erkenntnis voraus zu sein, berichten, auch tatsächlich die Wahrheit ist. Denn auch die westlichen Wissensautoritäten könnten uns willentlich oder unwillentlich, wissentlich oder unwissentlich in die Irre führen, auf dem Holzweg sein.

Somit sind unsere ProfessorInnen nichts anderes als Gurus, nur eben Gurus, die uns vertraut sind, die unserer kulturellen Prägung entsprechen, die wir unhinterfragt als legitime Wissensautoritäten annehmen, vertrauter als manchem die Gurus aus Indien. In ihrem Autoritäts- und Machtanspruch sind jedoch ProfessorInnen und Gurus vergleichbar.

Kommen wir also noch zum Punkt der Überprüfbarkeit dessen, was die Gurus lehren. Es basiert darauf, dass man sich auf das einlässt, was sie lehren. Nur dann kann man beurteilen, ob es stimmig ist oder nicht. Jedoch liegt das Problem darin, dass man, je weiter man sich auf ihr System und ihre Begriffe einlässt, umso weniger beurteilen kann, was man sieht und hört, da man immer weiter Teil des Systems wird, das man zu analysieren versucht.

In all dem unterscheidet sich der Guru nur in der Terminologie von dem Professor westlichen Hintergrunds. Denn auch auf den Professor muss ich mich einlassen, auf seine Begriffe, auf sein System, und ich muss das blinde Vertrauen in ihn legen, dass das, was er mich lehrt, stimmt. Und was gibt mir diese Zuversicht ihm, dem Professor, dieses mein Vertrauen zu schenken? Es ist das weitere blinde Vertrauen in andere ProfessorInnen, in ein weltweites System von ProfessorInnen, die ich großteils alle nicht kenne, mir kein Urteil über sie bilden kann; und dennoch vertraue ich ihnen und ihrem Urteil, dass dieser Professor, dieser westliche Guru, mit dem ich zu tun habe, weiß, was er tut, weiß, wovon er spricht, mir die Welt erklären darf, mich aus dem Dunkel ins Licht führen darf und kann. Dass das stimmt, was er sagt, was er tut, was er lehrt, beruht auf einer reinen Annahme, die wiederum selbst auf blankem und blinden Vertrauen basiert in ein System und seine VertreterInnen, die ja schon wissen müssen, was sie sagen, tun und lehren. Und doch ist es nichts als eine Annahme.

Wie können also Menschen, die scheinbar gebildet sind und sich sehr viel auf ihre Bildung einbilden, kaum hören sie das Wort 'Guru', diesem reflexartig reaktionär misstrauen und den ProfessorInnen vorauseilend und blind vertrauen, wenn nicht, ja wenn sie nicht die Schule der ProfessorInnen, durch die sie gegangen sind, unhinterfragt durchlaufen haben und dabei nichts realisiert haben außer nichts zu hinterfragen, was sie gewohnt sind und alles, was ihnen ungewohnt ist. Und das haben ihnen ihre gewohnten Wissensautoritäten mit aller ihnen zu Gebote stehenden Autorität vermittelt, eingetrichtert, blind an das eigene System zu glauben und es gegen scheinbar Fremdes zu verteidigen und zu schützen.

Wie könnte sonst das eigene System unhinterfragt bleiben und die Wissensautoritäten ihre Machtstellung behalten, wenn es nicht ausreichend viele blinde Gläubige an das System gäbe, die gelehrt wurden ihren Intellekt auch hyperkritisch zu benutzen, für und gegen alles, nur nicht dafür, um das eigene System zu hinterfragen. Sie haben gelernt zu fragen, zu reflektieren, alles, nur nicht sich selbst, ihren eigenen Stand, auf dem sie scheinbar so sicher ruhen, und ihre eigenen Wissensautoritäten zu hinterfragen. Sie haben scheinbar alles gelernt über die Welt, wie sie funktioniert, woraus sie sich zusammensetzt, und wie man sie in ihre Bestandteile zerlegt, und letztlich wie man sie zerstört. In ihrem intellektuellen Überlegenheitsgefühl maßen sie sich dennoch an auf andere Kulturen mit ihren Gurus und Schamanen herunterzublicken, da jene in ihren Augen 'Rückständige' es anders als die westliche Wissenschaft nicht vermögen die Welt in Stücke zu reißen, sondern sich mit Selbstreflexion befassen. Jene Hochtrabenden der westlichen Welt sind jedoch empört, wenn man beschreibt, was sie an den Tag legen: latenten Rassismus.

Oft fahren AnhängerInnen dieser Glaubenssysteme des Westens, die durch Universitäten repräsentiert sind, zu Schamanen, geben vor ein Problem zu haben, nur um den Schamanen des Betrugs zu überführen und das andere Glaubenssystem als lächerlich und unwahr darzustellen, alles natürlich unter der Flagge der Objektivität oder dessen, was sie dafür halten. Wie die Entwicklung der Wissenschaften zeigt, haben zu jeder Zeit viele Repräsentanten der Wissenschaft vertreten, es handle sich bei Ihrem Stand der Erkenntnis um verabsolutierbare und universelle Wahrheiten, bis das darauffolgende Paradigma den Wahrheitsanspruch des vorangegangenen Paradigmas relativiert oder sogar ins Gegenteil verkehrt hat. Daher handelt es sich bei den Wissenschaften um temporär gültige Glaubenssysteme und ihre Anhänger.

Offen gesagt haben diese Menschen, die zu Schamanen fahren und vortäuschen ein Problem zu haben, nur um den Schamanen der Lüge und des Betrugs zu überführen, die sie ihm unterstellen, tatsächlich ein Problem. Es ist jedoch nicht physischer, sondern psychischer Natur. Es handelt sich dabei zumeist um Fixierungen, und Neurosen mit starkem Ausbaupotential zu Psychosen, in jedem Fall jedoch um Besessenheit in der Form, dass sie besessen sind von der Überzeugung, dass es neben ihrer Welt nur Lügner, Betrüger, und Verbrecher gibt. Sie verweigern in Kontakt mit dem Schamanen jegliche Kooperation, verschließen sich vom Zweifel am Fürmöglichhalten anderer Lösungen als der wissenschaftlichen bestimmt und gestützt durch wissenschaftliche Überheblichkeit schlicht allem, und nehmen ihr durch Verifikation ihrer Annahme erbrachtes Ergebnis, dass es bei ihnen nicht funktioniert hat, als Beweis dafür, dass der 'Zauber' des Schamanen generell nicht funktionieren kann. Zufrieden ziehen sie von dannen, mit dem Lächeln auf den Lippen wieder einen Ketzer am Scheiterhaufen verbrannt zu haben, diesmal jedoch mit medialen Mitteln.

Vergleichsweise stelle man sich vor, welche Chance ein Professor hätte - nun stellvertretend für den Guru oder Schamanen - durch die Ignoranz und Überzeugungen einer von der Straße in den Hörsaal kommenden Person zu dringen und etwas bewirken zu können - bei einer Person, die verhaltensauffällig und querulant, mit einer erkennbaren psychischen Störung versucht den Professor der Lüge zu überführen, das Ganze mit Kamera filmt und sich dabei sehr schlau vorkommt den Professor vorgeführt zu haben. Im Übrigen wird für gewöhnlich diese als Querulant geltende Person, sollte sie zur Prüfung antreten, diese nicht positiv abschließen, da sie sich nicht auf die Lehrinhalte eingelassen hat.

Es handelt sich somit um nichts anderes als um einen interkulturellen Schulenstreit zwischen nicht-westlichen Schulen und westlicher Schule mit ihren jeweiligen Erklärungsversuchen, Terminologien und Methodiken und dem niemals zu unterschätzenden Anspruch auf Deutungshoheit seitens der ProfessorInnen und ihrer AnhängerInnen, die beanspruchen im Besitz der Wahrheit zu sein oder auf dem besten Weg dorthin. Allerdings erheben sie bei dem, was sie Wissen nennen, seitdem der Begriff der Wahrheit in der Neuzeit in die Jahre gekommen ist, keinen Wahrheitsanspruch mehr, sondern seit geraumer Zeit einen Objektivitätsanspruch. Letztlich handelt es sich bei beiden um ein und denselben Anspruch. Es ist nur ein 'Renaming' erfolgt.

Wer von den Ewiggestrigen der westlichen Welt nun noch immer versucht Gurus, Schamanismus und Esoterik generell, also die innere Wissenschaft und ihre VertreterInnen, zu diffamieren, leistet sich nicht nur einen latenten Rassismus, sondern gehört auch noch zu allem Überfluss zumeist dem Personenkreis an, der panische Angst vor Psychologie und Psychotherapie hegt, auch wenn er gerade der Psychotherapie näher ist, als ihm lieb ist und er sich eingestehen müsste, dass er sie doch so dringend nötig hätte.

Denn die inneren Wissenschaften würden ihn, der voll der Reflexion ist, endlich auch zu Selbstreflexion führen. So würde er um den Grad des Fortschrittes in seiner Selbstreflexion weniger oft versuchen die Welt aus den Angeln zu heben und unseren blauen Planeten oder seine Mitmenschen zu ruinieren.

Würde er Selbstreflexion zulassen und sein Selbst nicht länger in der Verdrängung leben, nicht länger in der Negierung seines Innenlebens und in der manischen Flucht nach außen alles mit Ausnahme seiner selbst zu reflektieren versuchen, dann, ja dann würde er nicht länger als Shiva der Weltenzerstörer auftreten, den er ja so sehr geringschätzt.

Und deshalb misstraue ich allen ProfessorInnen oder Gurus, die die Menschen nicht zur Selbsterkenntnis, nicht zur Selbstreflexion aufrufen, da sie unter Vorgabe der Reflexion und Vortäuschung falscher Tatsachen nur nach Studierenden, SchülerInnen und JüngerInnen gieren, deren Zuwendung sie zum weiteren Machterhalt durch ihre beanspruchte Wissensautorität benötigen für ihr machtverliebtes Spiel der Blendung der Öffentlichkeit.

Dabei geht es schon seit der griechischen Antike um nichts anderes als Selbstreflexion, die sich schon im Fundament unserer abendländischen Philosophie findet, ausgedrückt durch den mit Sokrates assoziierten Spruch am Eingang des Orakels von Delphi: 'Erkenne dich selbst!'


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