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Klartext zur Wissensdemokratisierung

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thinsktock
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Man kann nicht auf der grĂŒnen Wiese Wissenschaft betreiben. Ja, das stimmt. Man muss erst lernen, was es heißt Wissenschaft zu betreiben. Denn sonst könnte ja jeder kommen und am GebĂ€ude der Wissenschaft sĂ€gen, an ihm rĂŒtteln, an ihm rumbasteln. So die explizite und implizite Argumentation der wissenschaftlichen Elite.

Also, man muss erst jahrelang daran gewöhnt, darauf eingeschworen werden, um in der Wissenschaft ernst genommen, zitiert zu werden.

Zu zitieren ist eines der wichtigsten Dinge in der Wissenschaft. In der Geisteswissenschaft ist es schick, besonders alte Quellen zu zitieren, welche Personen sind, die selbst nichts oder kaum zitiert haben. In der Naturwissenschaft ist es ebenfalls unumgÀnglich zu zitieren, doch dabei wird besonders darauf Wert gelegt, neue und aktuelle Literatur zu zitieren, da in der Naturwissenschaft die Forschung schnelllebiger ist.

In beiden FĂ€llen dient das Zitieren einerseits dem Strukturerhalt des wissenschaftlichen DenkgebĂ€udes, andererseits der WĂŒrdigung der alten Meister (Master) durch die jungen Gesellen (Bachelor).

Indem man angibt, zitiert, was andere geschrieben, geforscht, welche Ergebnisse sie gezeitigt haben, behaupte ich, dass das Zitieren nichts anderes ist - alles hoch offiziell und transparent, vor aller Augen natĂŒrlich - als voneinander abzuschreiben, sowie insbesondere von den ehrwĂŒrdigen Altvorderen.

Denn der Feind des Alten, ist wie immer schon das Neue, geschweige denn das Bessere oder gar das Andere. Und damit lÀsst die Wissenschaft so gut wie nichts Neues zu, nichts Anderes, als sie schon kennt.

Der wissenschaftliche Fortschritt, der Fortschritt in der Wissenschaft verlÀuft so langsam und so bescheiden, weil die Struktur und Denktradition bei jedem Einzelschritt stets mitgedacht, mitgemacht, mitgetragen werden muss, will man eine neue Karte auflegen, aufs wissenschaftliche Kartenhaus.

Die Wissenschaft hat viele StÀrken, viele QualitÀten, doch Fortschritt gehört sicher nicht dazu. Denn um Neuerungen aufzunehmen, um Anderes zu sehen und zu akzeptieren, und nicht wissenschaftlich-xenophob darauf zu reagieren, braucht es FlexibilitÀt im Denken, Frische im Geiste, was alles im eklatanten Gegensatz zur Lehre steht, die von den Altvorderen ausgeht, die noch das alte Paradigma reprÀsentieren, noch in jenem gelebt und gearbeitet haben, schalten und walten.

Genau das ist der Grund, warum in der Wissenschaft und gerade in den oberen RĂ€ngen eines militĂ€risch-hierarchisch aufgebauten Systems wie der Wissenschaft, so wenig junge Menschen, Frauen, Minderheiten und andere gesellschaftlich diskriminierte Gruppen zu finden sind, wĂ€hrend die Personen, die darin herrschen, den Ton im wissenschaftlichen Kanon angeben, ĂŒberwiegend alt, mĂ€nnlich, und bereits der herrschenden Klasse angehören, die nicht nur innerhalb der wissenschaftlichen GemĂ€uer hinter verschlossenen TĂŒren, sondern eben auch außerhalb des wissenschaftlichen DenkgebĂ€udes, und außerhalb der GebĂ€ude, in denen Wissenschaft betrieben oder vielmehr besser getrieben wird, die Dinge in der Hand haben, wĂ€hrend sie sich hinter dem, was sie fĂŒr wissenschaftlich ausgeben und fĂŒr objektiv erklĂ€ren, verstecken.

Dabei lassen jene Angehörigen der wissenschaftlichen Elite alle Menschen in der Gesellschaft glauben, was Sache ist ('Brute Facts' u.a. John Searle, wogegen es fĂŒr Edmund Husserl 'zu den Dingen selbst' vorzudingen galt). Sie schließen das Neue aus zugunsten ihrer alten Strukturen und bestimmen, diktieren und geben damit sowohl Inhalt, Richtung als auch Tempo des wissenschaftlichen Fortschritts vor.

WĂŒrde also jeder auf der grĂŒnen Wiese Wissenschaft betreiben können, sein Bild von Wissenschaft zeichnen, dann verlören jene genannten RĂŒckwertsgewandten in der Wissenschaft, die derzeit das alleinige Monopol auf Wissen innehaben, ihren Stand, ihre gesellschaftliche Vormachtstellung, bĂŒĂŸten die ehrwĂŒrdigen VertreterInnen in der Wissenschaft, jene, die den Ton angeben, ihr Monopol ein, die Einzigen zu sein, die einzigen sein zu dĂŒrfen, die eine Stimme haben dĂŒrfen, die Einzigen sein zu dĂŒrfen, deren Sicht der Dinge zĂ€hlt, wie Wissenschaft auszusehen hat.

Sie wĂ€ren dann nicht lĂ€nger die, die sich herausnehmen einzuteilen, fĂŒr alle zu bestimmen, was gilt und was nicht, was existieren darf und was nicht, was RealitĂ€t ist und was nicht, und alle, die sich dem nicht anschließen oder besser unterwerfen, auszugrenzen oder gar wegzusperren.

Andernfalls setzte sich das viablere Konzept durch, jenes welches von der Mehrheit der Menschen getragen wird, und nicht jenes der wenigen WissenschafterInnen, die bestimmen was gedacht werden darf, was Sache ist und sein darf. Dann ja dann, öffnete sich nicht nur die Gesellschaft, sondern mit ihr endlich auch die Wissenschaft.

Eine echte Wissensdemokratisierung kristallisierte sich heraus, und nicht lÀnger herrschte die Diktatur einer Wissenselite, zusammengesetzt aus einigen wenigen WissensautoritÀten, die gesellschaftlich allen Menschen vorgibt, was Sache ist, was sie zu glauben hÀtten, und die alle auf ihre Linie einschwört.

Dies geschieht vor dem Hintergrund, dass die Linie der wissenschaftlichen Elite oft nicht mehr von der Linie der Konzerne unterscheidbar ist, die der Wissenschaft im Allgemeinen und den Labors im Speziellen die AuftrÀge erteilen, den Labors, die sich groteskerweise auch noch stets darauf berufen und alle versuchen glauben zu lassen, dass sie objektiv arbeiteten und den Born der ObjektivitÀt verkörperten.

Doch nicht die nach Wissensdemokratisierung rufenden Menschen, sondern die Marktinteressen der Konzerne sind es, von denen die Gefahr fĂŒr die Wissenschaft ausgeht, welche die Werte in der Wissenschaft - wie das grĂ¶ĂŸtmögliche Wohl fĂŒr die grĂ¶ĂŸtmögliche Zahl von Menschen - so lange aushöhlen, die Wissenschaft so lange zu Markte tragen, die in der Wissenschaft agierenden Menschen so lange im Glauben lassen doch redlich zu arbeiten, bis das wissenschaftliche Kartenhaus in sich zusammenfĂ€llt, und die Wissenschaft nur mehr als Handlanger zum Vorteil des sie finanzierenden Unternehmens fungiert.

Demokratisierte sich die Wissenschaft, wĂŒrde eine der letzten großen Bastionen der alten Zeit fallen. Doch die Wissenschaft ist ihrerseits in Geiselhaft einer noch viel grĂ¶ĂŸeren Macht, fĂŒr die Ethik und Redlichkeit gĂ€nzlich nicht zu existieren scheint. Die Rede ist von der Wirtschaft.

Denn die wissenschaftlichen Erkenntnisse und Forschungsergebnisse werden vielfach von der Wirtschaft in Auftrag gegeben, um dann ĂŒber die Industrie zu Produkten und wiederum ĂŒber die Wirtschaft und ihre Vertriebswege gewinnbringend distribuiert zu werden.

Denn fĂ€llt die alte Wissenschaft, fĂ€llt auch die alte Wirtschaft, reißt die alte Form wissenschaftlichen Denkens die turbokapitalistische Form wirtschaftlichen Denkens mit in den Abgrund.

Als Schlusslichter im Prozess des gesellschaftlichen Fortschritts wĂŒrde auch die Wissenschaft und damit auch die von ihr und ihren Erkenntnissen und Forschungsergebnissen abhĂ€ngige Wirtschaft sich endlich demokratisieren, ihre Tore öffnen, die Vielfalt der Gesellschaft herein lassen, zulassen, und endlich Anschluss finden an die offene Gesellschaft.

So wĂŒrden sowohl die Wissenschaft als auch die Wirtschaft wiederum personell und inhaltlich endlich Teil der offenen Gesellschaft, und stĂŒnden ihr nicht lĂ€nger als Feind, als Vertreter einer alten Zeit, gegenĂŒber.

Mein Traum von Wissenschaft und Gesellschaft sieht eine offene, eine mutige Gesellschaft voll mĂŒndiger, mutiger BĂŒrgerInnen vor. Damit dieser Traum der offenen Gesellschaft (von der nicht nur Karl R. Popper sprach), worin die Wissenschaft fĂŒr uns nicht lĂ€nger im Auftrag der Wirtschaft bestimmt, was ĂŒberhaupt - leise wie laut - gedacht werden darf, sondern sie uns zu dienen beginnt, Wirklichkeit wird und in ErfĂŒllung geht, mĂŒssen wir uns die AnsprĂŒche der AufklĂ€rung fĂŒr unsere offene Gesellschaft, an der alle gleichberechtigt teilnehmen, zurĂŒckerobern.


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