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Unsere Adrenalin-Kultur

30/03/2016 20:55 CEST | Aktualisiert 31/03/2017 11:12 CEST
dpa

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Angst lähmt, führt dazu, dass wir erstarren, kann jedoch auch gegensätzliche Reaktionen hervorrufen. Zuallererst ist Angst evolutionsbiologisch ein Steuerungsmechanismus. Sie hat unser Überleben über Jahrmillionen gesichert. Der Körper reagiert bei Angst zum Selbstschutz mit einer hohen Ausschüttung von Adrenalin auf Gefahrensituationen.

Dabei wird der kontrollierend beobachtende Verstand ausgeschaltet, da die Abwehr der Bedrohung ganz auf die körperliche Ebene reduziert ist und man sich blitzartig zwischen Flucht oder Angriff entscheiden muss. Jede sonstige intelligente Auswahl ist dabei ausgeschaltet.

Viele von uns kennen das: Besonders Schüler oder Studenten erinnern sich wahrscheinlich, wenn man sich in einer Prüfungssituation befindet, die stark Angst besetzt ist, dass es zum sogenannten „Blackout" durch eine Adrenalinausschüttung kommt und man dadurch nicht mehr auf sein gelerntes Wissen zurückgreifen kann.

Er könnte den Prüfer jetzt körperlich angreifen, denn der Körper ist nun in dieser Situation sehr stark oder er könnte davonlaufen, wenn er sich dem Prüfer gegenüber ohnmächtig und unterlegen fühlt. Da die gesamte Blutversorgung in die Muskeln und Sehnen geht, bleibt in dieser Zeit das Gehirn von sauerstoffreicher Blutversorgung fast ausgeschlossen, und es gibt keinen Zugang zum gelernten Wissen.

Das Phänomen des Wutbürgers

Wenn wir diesen archaisch-biologischen Mechanismus nun auf die mediale Berichterstattung übertragen, wird uns das Phänomen des Wutbürgers meines Erachtens sehr schnell erklärlich. Der Wutbürger wurde so leider salonfähig. Der Adrenalinschub, der durch eine beobachtete bedrohliche Situation ausgelöst wird, ist genau auf der gleichen Ebene angesiedelt.

Der Zuschauer gerät in Rage und möchte seine Wut sofort und gleich umsetzen. Für diese auch aus dem Territorialverhalten bekannte Reaktion ist eine unmittelbare Bedrohung erforderlich. Denn für den biologischen Angstmechanismus reicht es nicht aus, wenn in anderen Weltregionen Ähnliches oder gar Gleiches passiert.

Damit der archaisch-biologische Angstmechanismus, der in Angriff oder Flucht gipfelt, unbewusst aktiviert wird, braucht es die direkte Betroffenheit, also das Bedrohungsszenario im eigenen Umfeld, ob nun in der eigenen Stadt, Region, oder im eigenen Land oder im eigenen Arbeits-, Wohnungs- oder Gesundheits- und Rentensystem.

Meiner Ansicht nach nützen populistische Bewegungen und Parteien diesen biologischen adrenalinbasierten Mechanismus zur Gewinnung von Anhängern aus

Er setzt die höheren Geistesfunktionen außer Kraft und zeigt in der Trägerwelle, die diese Grundaggression kommuniziert und zur bedingungslosen Verbrüderung Gleichgesinnter führt, dass keine höheren integrativen intelligenten Lösungen mehr zugelassen oder angestrebt werden. Die Aggressionen werden mit „bestem Wissen und Gewissen" ausgelebt.

Was im Sport sozial erwünscht ist - direkt im Stadion oder indirekt über die Medien dabei zu sein, um sportliche Erfahrungen zu teilen - kann in der Berichterstattung über Flüchtlingsbewegungen, Terroranschläge oder aggressive politische Aufmärsche als unerwünschtes Massenphänomen viele erfassen und die Gesellschaft destabilisieren.

In den Neurowissenschaften spricht man vom Wirken der Spiegelneuronen im Hirn, die durch Resonanz den Zuschauer miterleben lassen, was die beobachteten Akteure fühlen.

Die "Flucht" ergreifen

Die zweite Gruppe der Menschen, die mit angstauslösenden Horrormeldungen nicht umgehen können, entschließen sich, um ihren Frieden zu bewahren, dazu, die „Flucht" zu ergreifen und sich den Medien weitgehend zu entziehen, melden sich aus der politischen Berichterstattung ab und beziehen nur mehr selektiv etwa Filme aus Online-Datenbanken der Rubrik Unterhaltung, die sie seelisch nicht aufregen, vermeiden jedoch den Kontakt mit den Massenmedien, ob nun über Fernsehen, Radio oder Zeitung.

Wer profitiert vom Massenphänomen der Wutbürger?

Es sind mit Sicherheit politische Gruppierungen oder Parteien, denen starke Ambitionen und einfache Lösungen ins Programm geschrieben sind. Ökonomisch profitieren Selbstverteidigungs- und Waffenindustrie genauso wie private Sicherheits- und Überwachsungsfirmen, deren Umsätze dadurch steigen.

Zeitgleich sind aber auch jene Menschen, die sich in einer bedrohlichen Situation befinden, mehr dazu bereit ihre Bürgerrechte aufzugeben und den Kontroll-Behörden und Institutionen eine Erweiterung ihrer Befugnisse und Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte einzuräumen.

Im religiösen Bereich kommt es ebenfalls zu Radikalisierung, und fundamentalistische Tendenzen werden gestärkt, da Religionen Sicherheit und Halt vorgeben. Auch Massenmedien verkaufen sich über angstschürende Überschriften bei weitem besser, da es ihre Auflage bzw. Klickrate erhöht und Werbeeinschaltungen durch starke Emotionen ebenfalls begünstigt werden.

Dem biologischen Automatismus entkommen

Daher meine Lösung: Entscheiden wir uns dem biologischen Automatismus zu entkommen, dass durch Bedrohung Angst entsteht und Adrenalin ausgeschüttet wird und schließlich Wut hervorgerufen wird, die dann durch Wutbürger ausgelebt wird! Es braucht nur die Einsicht, dass jeder von uns in jeder Situation die Wahl hat: Niemals steigt Wut in dir hoch, außer du willst es, du lässt es zu.

Dieser Entschluss, diese Einsicht, hat wesentlich mit der Aufklärung zu tun, die nicht nur eine gesellschaftliche Strömung der Vergangenheit ist. Aufklärung ist hochaktuell und als von jedem einzelnen zu vollziehender Entwicklungsprozess seiner eigenen Persönlichkeits- und Bewusstseinsentwicklung zu praktizieren.

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So gilt es in den publizierten Angstszenarien innezuhalten und sich aus den massenpsychologischen Phänomenen herauszunehmen, sich der vermittelten aggressiven Grundeinstellung zu entziehen und stattdessen Selbststeuerung zu praktizieren, die auf Selbsterkenntnis, Arbeit an sich selbst, beruht. Hier kann man den Leitspruch der Aufklärung anwenden, der von Immanuel Kant wie folgt formuliert wurde: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

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