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Imad Soliman Headshot

Selbst in einem Brennpunktviertel fand ich keine Wohnung - dann stieß ich auf ein ungewöhnliches Angebot

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MARXLOH
dpa
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Duisburg-Marxloh ist ein Vorzeige-Problemviertel. Ein strukturschwacher Stadtteil. Hier wohnen vor allem benachteiligte Familien, Migranten und Flüchtlinge. Jeder Fünfte ist hier arbeitslos.

2015 erklärte die Polizei, dass die öffentliche Sicherheit durch gewaltbereite Menschen akut gefährdet und langfristig nicht gesichert sei. Hinzu kommen unbewohnbare Häuser, Rattenplagen und wilde Müllkippen.

Mittendrin: Ich, Imad Soliman, 28 Jahre alt und Elektrotechnik-Student. Ich wohne in Marxloh - und das kostenlos. Dafür gebe ich Kindern aus dem Viertel Lernförderung. Denn aufgrund ihrer Herkunft haben viele von ihnen kaum eine Chance, ihre Ziele und Träume zu verwirklichen.

Tausche Bildung für Wohnen

Das Projekt nennt sich "Tausche Bildung für Wohnen" und existiert seit 2012. Anfang 2015 ist es dann mit drei Kindern gestartet. In zwei großen Wohngemeinschaften dürfen ich und einige weitere Studenten mietfrei wohnen. Im Gegenzug beschäftigen wir uns fünf bis zehn Stunden pro Woche mit benachteiligten Kindern.

Unser Zentrum, die so genannte "Tauschbar", liegt in unmittelbarer Nähe von unserem Zuhause. Dort geben wir den Kindern nicht nur Lernförderung, sondern auch einen sicheren Platz zum Spielen und Toben. Denn einige von ihnen wohnen mit ihrer 5-köpfigen Familie in einer Ein- oder Zwei-Zimmer-Wohnung. Platz ist da absolute Mangelware.

Die Kinder, die wir betreuen stammen meist aus einer bildungsfernen Schicht. Oft sind ihre Mütter alleinerziehend und haben wenig Geld. Wenn es in der Schule nicht gut läuft, bleiben sie auf der Strecke. Schließlich sind keine Mittel zur Förderung da und die Mutter kann auch nicht helfen. Genau dann greifen wir ein.

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Wir helfen unseren Schützlingen dabei, aus diesem Teufelskreis auszubrechen. Mit unserer Lernhilfe und einer kleinen Prise Selbstvertrauen können sie mehr erreichen als ihre Familien.

Wir wollen ihre Persönlichkeit stärken, geben ihnen also nicht nur Nachhilfe für die Schule, sondern auch Nachhilfe für das Leben.

Auch einige Flüchtlingsfamilien sind in den letzten Jahren nach Duisburg-Marxloh gekommen. Wir helfen ihnen beim Ausfüllen von Anträgen und bei den für sie komplizierten Behördengängen.

Wohnraum? Fehlanzeige!

Außerdem bieten wir den Kindern eine Art Grundkurs, der sie auf die deutsche Schule vorbereitet. Oft dauert es nämlich Monate, bis sie eingeschult werden. Ist es dann so weit, können sie zumindest schon ein wenig Deutsch und dem Unterricht besser folgen.

Ich selbst bin Bildungspate für sechs Kinder. Auf unseren Verein bin ich 2014 gestoßen. Damals begann ich gerade mein Studium in Duisburg und scheiterte daran, eine Wohnung zu finden.

"Tausche Bildung für Wohnen" war die perfekte Möglichkeit für mich, sozialer Arbeit nachzugehen und gleichzeitig eine günstige Bleibe zu finden. Ein Modell, das auch in anderen deutschen Großstädten erfolgreich wäre. Schließlich herrscht in jeder Studentenstadt Wohnungsnot - und genauso gibt es überall soziale Brennpunkte.

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Mit den steigenden Flüchtlingszahlen werden gemeinnützige Projekte wie unseres außerdem immer wichtiger. "Tausche Bildung für Wohnen" hat für beide Seiten Vorteile. Für uns und für die benachteiligten Mitglieder unserer Gesellschaft.

Wir Bildungspaten investieren alle nur wenige Wochenstunden dafür, ihnen zu helfen - und erreichen damit dennoch so viel.

Mir ist es wichtig, dass Kinder auch in Marxloh eine Chance haben und wissen, dass sie ihre Ziele erreichen können. Wir wollen ihnen ein Stadtteil-Wohnzimmer bieten, einen sicheren, liebevollen Ort, an dem sie sich frei entfalten und dazulernen können.

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Mittlerweile haben wir deshalb auch einige Projektpartner, die immer wieder mit den Kinder arbeiten. Künstler, Musiker, kurz gesagt Vorbilder - Menschen, die ihre Träume schon verwirklichen konnten.

Sie sollen den Kindern und Jugendlichen in Duisburg-Marxloh zeigen, dass ihre Herkunft aus dem Viertel nicht ihr ganze Leben vorherbestimmen muss. Noch ist es vielleicht ihr Zuhause. Doch das muss es nicht für immer sein.

Das Gespräch wurde von Franziska Kiefl aufgezeichnet.

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