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Wir lassen kein Kind leiden, nur weil die Eltern weniger Geld haben - doch wir geraten an unsere Grenzen

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KINDERGARTEN
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Es gibt Armut in Deutschland - ganz reale und existenzielle Armut. Armut, die krank macht, weil sie das alltägliche Leben so stark beeinflusst. Armut, unter der in Deutschland tausende Menschen leiden - und viel zu oft trifft es Kinder.

Wir Erzieher bekommen das im Kindergarten ungefiltert mit. In den letzten Jahren ist es schlimmer geworden, doch das heißt nicht, dass man nichts dagegen tun kann.

Es gibt keine Erzieherin, die nicht versucht zu helfen

Ob eine Familie arm ist, bemerken wir schnell. Da ist am Ende des Monats zum Beispiel kein Geld mehr da, um die Windelschublade im Kindergarten zu füllen. Feuchttücher und Windeln
müssen die Eltern nämlich selbst stellen - und das geht enorm ins Geld, wie alle Eltern wissen.

Wir merken es außerdem am Essen, das den Kindern von Zuhause mitgegeben wird. Immer mehr Kinder bekommen nur Toastbrot eingepackt. Kein frisches Obst, kein frisches Gemüse.

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Oder die Kleidung der Kinder ist richtig durchgetragen, sodass man sie eigentlich wegschmeißen müsste.

Hier helfen wir natürlich aus. Es gibt keine Erzieherin, die nicht von ihrem eigenen Gehalt Windeln kauft, Ersatzkleidung irgendwo bunkert und eine größere Portion Essen zur Pause mitbringt, um es mit den Kindern zu teilen.

Wir lassen kein Kind leiden, nur weil die Eltern weniger Geld haben.

Es handelt sich bei Armen Kindern in der KiTa nicht um Einzelfälle

Für die Kinder soll Geld noch keine Rolle spielen. Da sich die Eltern aber untereinander vergleichen und das auf ihre Kinder übertragen, mussten wir sehr harte Regeln einführen.

So erlauben wir zum Beispiel nicht, dass die Kinder ihr eigenes Spielzeug mitbringen, weil dadurch schon unter den Kleinsten Eifersucht, Neid und Ausgrenzung entsteht. Wer das coolste Spielzeug hat, ist angesehen und wer es nicht hat, ist ein Außenseiter.

Spielzeug haben wir in der Einrichtung. Das liebste Kuscheltier ist natürlich eine Ausnahme und erlaubt.

Was wir auch verbieten mussten, waren die sogenannten Serviettengeschenke. Das waren meist kleine Geschenke, die die Geburtstagskinder für alle mitbrachten und die in Servietten verpackt waren.

Die Folge war, dass die Eltern versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Jeder wollte was besonders Tolles verschenken. Auch die Eltern mit weniger Geld mussten mithalten, damit ihr Kind nicht ausgegrenzt wird.

Also haben wir auch das verboten.

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Einen Geburtstagskuchen mitzubringen, ist immer noch erlaubt. Für den Fall, dass die Eltern nichts mitbringen können, weil es zu teuer ist, haben wir Kuchen und Kekse im Schrank. Wir wollen schließlich, dass auch das ärmere Geburtstagskind einen genauso schönen Geburtstag hat, wie alle anderen.

Wer jetzt glaubt, es handelt sich hierbei um ein paar Einzelfälle, dass wir dem einen armen Kind im Jahrgang unter die Arme greifen, damit die anderen nichts bemerken, dem muss ich die Illusion nehmen.

Eine Mutter hat sogar versucht, sich Geld von uns zu leihen

Ich habe in einigen Kindergärten im Ruhrgebiet gearbeitet, auch in sozialen Brennpunkten. Nach denen muss man hier eh nicht lange suchen.

Über das Jugendamt, mit dem wir eng zusammen arbeiten, habe ich erfahren, dass dort teilweise dreiviertel der Kita-Plätze vom Amt bezahlt wurden.

Außerdem reden wir viel mit den Eltern. Die Menschen vertrauen uns ihre Kinder an, deswegen vertrauen sie uns auch mit anderen Dingen. Wir wissen also oft, wie es mit den Finanzen steht.

Das Amt zahlt zum Beispiel auch etwas dazu, wenn es um das Essen im Kindergarten geht. Das Mittagessen im Kindergarten ist nämlich nicht gerade billig. Mit Unterstützung vom Amt kostet es jedoch effektiv oft nur einen Euro pro Mahlzeit.

Viele Familien können sich aber selbst das nicht leisten. Deshalb gibt es Eltern, die dem Kind dann doch lieber das Toastbrot mitgeben, anstatt das Essen zu buchen.

Es mag verschiedene Gründe geben, warum die Eltern im Brennpunkt das Geld nicht haben. Mehr als einmal habe ich Mütter erlebt, die Meth abhängig waren. Dafür war anscheinend noch genug Kleingeld da.

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Eine Mutter hat sogar einmal versucht sich Geld von uns zu leihen. Sicher um Drogen zu kaufen, denn high war sie öfter. Windeln für ihr Kind waren allerdings nie da.

Jetzt werden Leute sagen: "Die darf doch keine Kinder bekommen." Das mag sein, sowas will ich nicht entscheiden. Darüber brauchen wir aber auch nicht mehr zu reden, wenn das Kind schon im Kindergarten ist.

Auch wir geraten irgendwann an unsere Grenzen

Das Kind kann nichts dafür, dass die Mutter süchtig ist. Also sind wir eingesprungen und haben dafür gesorgt, dass es wenigstens im Kindergarten eine normale Kindheit hat.

Windeln, Kleidung, Essen - all das haben wir besorgt und aus eigener Tasche bezahlt. Unser eigenes Geld geben wir ohne zu zögern für Kinder aus, die nichts für Ihre Situation können.

Die Kinder sind uns sehr wichtig und wir wollen ihnen den bestmöglichen Start ins Leben geben - doch eigentlich ist es eine Schande, dass wir Erzieher die sind, die die Lücke schließen müssen.

Wenn im Kindergarten der Großteil der Kinder aus ärmlichen Verhältnissen kommt, dann geraten auch wir schnell an unsere Grenzen. Ein Erziehergehalt reicht für gewöhnlich gerade, um über die Runden zu kommen. Am Ende sind es die Kinder, die auf der Strecke bleiben.

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Das Essen in Schulen und KiTas sollte kostenlos sein

Die Erfahrung mit der Mutter und andere haben mir gezeigt, dass besonders Essen immer vorrätig und kostenlos sein muss.

Sobald das etwas kostet, bestraft man am Ende nur die Kinder, die nichts dafür können. Essen muss nicht nur im Kindergarten umsonst sein, auch in der Schule.

Denn was passiert mit diesen armen Kindern, wenn sie an die Grundschule kommen? Kümmert sich da der Lehrer darum, wenn die Kleinen wieder außer Toastbrot nichts zu essen bekommen? Wer garantiert, dass es etwas zum Frühstück oder zum Abendessen gab?

Die Antwort ist klar: Niemand.

Deswegen sollte es an Kindergärten und an Schulen kostenloses Essen geben. Damit die Kinder wenigstens einmal am Tag etwas Vernünftiges bekommen.

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Ich habe schon die schlimmsten Dinge im Kindergarten erlebt. Ich weiß genau, was passiert, wenn Eltern ihr Kind über lange Zeit nicht richtig ernähren.

Und ja, das kostet den Staat Geld, dass ist mir klar. Aber wer glaubt, dass Geld wäre hier nicht gut angelegt, dem kann ich einen Tipp geben.

Wir müssen den Kindern eine Chance bieten

Ich hatte mal eine Kita-Leiterin im Brennpunkt, die hat allen, die neu angefangen haben, die Gegend gezeigt, aus der die Kinder kommen.

Wenn man sieht, wie so ein Stadtteil verkommt, die Arbeitslosen, die auf den kaputten Spielplätzen rumhängen, die verdreckten Straßen und die zerfallenen Häuser, wird einem klar, dass die Kinder hier keinen guten Start ins Leben haben. Leben tut hier gar nichts mehr, nur vegetieren.

Für viele Menschen ist in diesen Gegenden der Zug schon abgefahren. Deshalb ist es umso wichtiger, Orte zu schaffen, an denen sich die Kinder entwickeln können.

Wenigstens den Kindern müssen wir eine neue Chance bieten - dafür tun wir Erzieherinnen alles, was Menschen möglich ist. Aber wir können bald nicht mehr. Wir und die Kinder brauchen Hilfe - und zwar schnell. Jedes Jahr kommen neue Kinder an den Kindergarten, die eine Chance verdient haben.

So sieht Armut in Deutschland aus

4,4 Millionen Menschen in Deutschland beziehen Hartz IV.

Fast 2 Millionen Kinder leben in Familien, die auf Hartz IV angewiesen sind, sind.

12,9 Millionen Menschen in Deutschland sind arm, warnt der Paritätische Wohlfahrtsverband.

22,5 Prozent der Beschäftigten in Deutschland verdienen unter 10,50 € die Stunde.

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