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Deutschland versucht, die Betreuungskatastrophe zu verhindern - und macht dabei einen riesigen Fehler

13/06/2017 10:15 CEST | Aktualisiert 16/08/2017 17:24 CEST
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Deutschland versucht die Betreuungskatastrophe zu lösen und macht dabei einen riesigen Fehler. Deutschland steuert von einer Bildungskatastrophe in die Nächste.

Aktuell finden 300.000 Kinder keinen Kita-Platz. Wenn die steigende Geburtenrate weiter anhält, wird es wahrscheinlich noch schlimmer werden.

Augenscheinlich wird gerade viel dafür getan, um die Situation zu entspannen. Doch der derzeitige Ansatz ist von Grund auf falsch. Ich hab fast 40 Jahre lang in diversen Kindergärten gearbeitet und bin mir sicher: Die Maßnahmen gehen an den Bedürfnissen der Eltern vorbei.

Rechtsanspruch auf Kita-Plätze

Für Menschen wie mich, die schon lange Kinder haben, klingt das Problem erstmal nicht neu. Bereits vor 30 Jahren gab es riesige Wartelisten für Kindergartenplätze.

Auch ich hab meine Kinder direkt nach der Geburt für einen Kita-Platz angemeldet, weil wir damals schon wussten, dass es sonst knapp werden könnte.

Die Problematik heute ist jedoch viel verfahrener. Kindergärten für unter Dreijährige (U3) schießen wie Pilze aus dem Boden. Die Kinder können gar nicht mehr früh genug abgegeben werden.

Mehr zum Thema: Kita-Plätze um jeden Preis - der Ausbau der Kinderbetreuung geht oft zu Lasten der Qualität

Seit 2007 gibt es das Versprechen der Regierung, auch U3-Plätze für alle Eltern zur Verfügung zu stellen. Und schon vor zehn Jahren war klar, dass immer mehr Mütter arbeiten und auch früher wieder in die Arbeit gehen.

Seit 2013 gibt es sogar einen Rechtsanspruch auf diese Plätze. Doch die dazwischen liegenden sechs Jahre haben nicht gereicht, um den Kita-Ausbau so voranzutreiben, dass es genug Plätze gibt.

Und das hat auch nie funktionieren können, weil die Politik das Problem völlig falsch angeht.

Fehlendes Personal in den Kitas

Zum einen müssen U3-Gruppen viel kleiner sein, als "normale" Kita-Gruppen. Während in einer regulären Gruppe bis zu 25 Kinder passen (was eigentlich auch schon zu viel ist), sind es in U3-Gruppen maximal zehn bis 15.

Damit braucht es mehr als doppelt so viele U3-Einrichtungen wie reguläre Kindergärten. Die zu bauen, ist schon teuer genug, sie mit qualifiziertem Personal auszustatten, ist in meinen Augen unmöglich.

Wenig Erzieher wollen in Großstädten arbeiten, weil es schwer ist, dort vom Kita-Gehalt zu leben. Man muss diesen Job schon sehr lieben, viel Stress, viel Theater und das für 'nen Appel und 'nen Ei.

Es wird aktuell dermaßen händeringend nach Erzieherinnen gesucht, dass viele eingestellt werden, die zwar die Ausbildung aber nicht die Eignung für den Beruf haben.

Und wenn durch ein Wunder tatsächlich genug Einrichtungen gebaut werden und genug Personal gefunden wurde, löst das die unterschwellige Problematik trotzdem nicht. Nämlich, dass Kinder so früh in die Kitas gegeben werden.

Mehr Zeit für Kinder

Was ich von Eltern oft höre, ist, dass sie gern länger Zeit mit ihren Kindern verbringen würden. Doch - besonders hier im Ruhrgebiet - sind Arbeitsplätze einfach nicht mehr so sicher, wie sie es einmal waren.

Viele der großen Betriebe, von denen man immer gedacht hatte, dort könnte man bis zur Rente arbeiten, haben mittlerweile dicht gemacht.

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Die Leute wissen jetzt, dass auch die Großen insolvent werden können. Viel malochen, immer pünktlich und treu zu sein, reicht nicht mehr. Der Job kann trotzdem schnell weg sein.

Wenn man hier seinen Kindern eine gute Zukunft sichern will, müssen oft beide Elternteile arbeiten.

Mehr zum Thema: Das ist perfide, entwürdigend und zerstört die Bedürfnisse der Kinder

Außerdem ist alles viel teurer geworden, ohne dass die Gehälter ausreichend mitgewachsen sind. Die Mieten in den großen Städten sind explodiert, eine Wohnung für eine Familie kann nicht mehr nur mit einem Gehalt bezahlt werden.

Und: Frauen sind heute besser ausgebildet. Wer von ihnen würde ihren Traumjob einfach aufgeben und sagen: "Ich versuch es in drei Jahren noch mal von vorn."

Es wird immer so getan, als gäbe es neue Arbeitszeitmodelle, doch kaum ein Arbeitgeber vergibt drei Jahre Sabbatical. Und versichert seinen Arbeitnehmern, dass der Job dann noch da ist. Daher werden die Kinder so früh abgegeben und daher kommt auch die Problematik der fehlenden U3-Plätze.

Hier passiert einfach das gleiche, wie an den Unis, als die Schule plötzlich ein Jahr kürzer war und doppelt so viele Studienanfänger kamen. So kommen die Kinder jetzt früher in den Kindergarten und es gibt nicht genügend Plätze.

Kita-Quote für Unternehmen

Die einzige nachhaltige Lösung für den Kita-Mangel muss daher hier ansetzten. Die Eltern müssen wieder in der Lage sein, sich um ihre Kinder zu kümmern. Kinder früher abgeben oder daheim lassen, muss eine "echte" Entscheidung werden.

Dazu müssen die Arbeitgeber von der Regierung in die Pflicht genommen werden.

Es muss eine Garantie geben, dass Mütter, die für die Kinder in Teilzeit gehen, auch wieder sicher in Vollzeit wechseln können. Aktuell ist Teilzeit ein Abstellgleis für Frauen. Die Karriere endet dort.

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Auch eine Kita-Quote für Firmen würde viel helfen. Jede Firma ab einer bestimmten Größe müsste einen Betriebskindergarten haben mit dem entsprechenden flexiblen Öffnungszeiten. Das würde einerseits Eltern entlasten und wäre andererseits ein zusätzlicher Anreiz, um gute Leute an das Unternehmen zu binden.

Doch der Staat versucht es mit der Holzhammer-Methode und baut massig Kitas. Dabei ist Deutschland doch nicht einmal in der Lage, die bereits bestehenden Kitas und Schulen vor dem Verfall zu bewahren.

Statt mit Neubauten zu blenden, muss der Staat da aktiv werden, wo es ihn wirklich trifft - in der Wirtschaft. Die Betreuungskatastrophe ist nämlich in erster Linie eine arbeitsrechtliche.

Die Bedürfnisse der Eltern sind klar. Es ist Zeit, danach zu handeln.

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