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Was Kindergartenkinder jede Woche leisten müssen, wäre bei Erwachsenen verboten

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STRESS KINDERGARDEN
Juanmonino via Getty Images
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Zu große Gruppen, unrealistische Personalschlüssel und an allen Ecken und Enden fehlt das Geld: Die Bedingungen in Kindertageseinrichtungen sind miserabel.

Oft wird in dem Zusammenhang von der Situation der Erzieherinnen und Erzieher gesprochen - doch am schlimmsten trifft es meistens die Kinder. Was viele Kindergartenkinder in Deutschland jede Woche leisten müssen, wäre bei Erwachsenen verboten.

Ich habe in meinen Jahrzehnten als Erzieherin in vielen unterschiedlichen Einrichtungen gearbeitet. Vieles hat sich in den Jahren verändert.

Besonders auffällig: Eine Kindheit, wie wir sie uns immer vorstellen, die gibt es nicht mehr.

Kinder haben oft einen 12 Stunden Tag

Ein Tag in der Kita kann für manche Kinder in Deutschland zwölf Stunden dauern. In unserem Kindergarten blieben die meisten Kinder von 7 Uhr bis 16 Uhr, also 9 Stunden am Tag. In Hamburg und Berlin gibt es aber auch Kitas, die betreuen bis 18 Uhr, vereinzelt sogar bis 21 Uhr.

Dabei können Eltern bisher eigentlich nur maximal 55 Stunden Betreuung buchen - die Zahl der möglichen Betreuungsstunden wird jedoch sicherlich bald erhöht werden.

Früher waren die Kinder oft nur 25 Stunden in der Kita. Doch mittlerweile ist es normal, dass beide Elternteile arbeiten müssen, um die Familie über die Runden zu bringen. Und daher buchen 90 Prozent der Eltern die maximale Zeit. Oft wird auch nach mehr gefragt.

Wer jetzt glaubt: "45 bis 55 Stunden im Kindergarten verbringen, das ist doch keine Arbeit - die spielen doch und haben Spaß". Falsch!

Natürlich wird im Kindergarten viel gespielt. Aber wild im Kindergarten rumlaufen, Sandburgen bauen und mal ein Bilderbuch anschauen, diese Zeiten sind vorbei. Die Realität der Kindergartenkinder in Deutschland sieht ganz anders aus.

Der Tagesablauf der Kinder ist vollkommen durchgetaktet.

Eine Menge Stress - und die Kinder mittendrin

Alle Aktivitäten im Kindergarten gehören zu bestimmten Bildungsbereichen. Das Kind oder die Eltern zusammen mit den Erziehern, legen morgens fest, was das Kind an dem Tag macht.

Will es draußen rumlaufen, kommt es in den Bildungsbereich Natur. Will es Zahlen lernen, auch dafür gibt es einen Bildungsbereich. Will das Kind lieber turnen? Die Kollegin in der Turnhalle steht bereit.

Natürlich sorgt der enge Personalschlüssel dafür, dass nie alle Bildungsbereiche besetzt sind, sobald jemand krank ist oder Urlaub hat. Aber das bedeutet nur, dass die Auswahl geringer ist.

Mehr zum Thema: Moderne Eltern verlangen viel und tun selbst wenig - die Abrechnung eines Kita-Leiters

Natürlich ist auch die Anzahl der Plätze in den Bildungsbereichen begrenzt. Die Kinder sind dann eben woanders.

Einfach mal ihr Ding machen und sich zurückziehen ist aber selten möglich.

Eine halbe Stunde bis 40 Minuten Pause im Bildungsbereich Entspannung nach dem Mittagessen - das ist alles. Ansonsten sind die Kinder die ganze Zeit durchgeplant. Und das bei der enormen Lautstärke und der Hektik, die bei einer Gruppe von 25 Kindern Dauerzustand ist.

Die Lautstärke und der Stress sind oft der Grund, warum Erzieherinnen den Job verlassen oder in Teilzeit gehen. Die Kinder erleben es jeden Tag, jahrelang.

Die Kinder müssen funktionieren, Leistung bringen

In der Zeit in der Kita werden sie auch ständig überwacht. Wir kontrollieren die Lernfortschritte der Kinder sehr genau, mittlerweile auch mit Fotos und Videos. Es gibt jetzt auch Elternsprechtage. Da wird dann ganz genau über alles geredet: Was läuft gut? Was müssen wir verbessern?

Wenn die Eltern dann im Gespräch erfahren, dass ihr Kind besonderen Förderbedarf hat, bricht das ganze fragile System zusammen.

Das passt nicht ins Weltbild der Eltern. Die Kinder müssen funktionieren, Leistung bringen. Wenn Eltern hören, dass ihr Dreijähriger irgendwo Schwierigkeiten hat, haben viele direkt Angst um den tollen Abiturdurchschnitt, den sie bereits geplant haben.

Ich kann die Eltern hier völlig verstehen. Deren Leben sieht ja genauso aus. Wenn die Probleme haben, krank werden oder fachlich nicht mithalten, wird der Chef auch nicht sagen: "Alles kein Problem, mach es in deinem eigenen Tempo."

Die wissen, dass man funktionieren muss.

Die Kinder müssen ihre Eltern übertreffen

Gleichzeitig ist normal, dass man sich für die Kinder wünscht, dass es Ihnen besser geht, als einem selber. Die Kinder müssen also ihre hart arbeitenden Eltern noch übertreffen. Also werden sie von einem Bildungsbereich in den nächsten geschleppt.

Die langfristigen Folgen auf die Kinder kann ich nicht einschätzen. Was ich bemerke ist, dass die Kinder, wenn sie abgeholt werden, entweder total müde und fertig sind - oder aufgrund ihrer Müdigkeit total überdreht.

Für die Vorschulkinder geht´s dann trotzdem oft noch zur Musikschule oder zu den Minikickern oder zur Therapie, Abendbrot und dann müssen sie auch schon ins Bett.

Mehr zum Thema: Das passiert mit Kindern, die früh in die Kita kommen

Der Alltag von Kindergartenkindern ist mittlerweile so durchgetaktet, dass sie sich gar nicht mehr richtig bewegen. Wann haben sie Zeit, einfach mal draußen zu spielen? Spaß an Bewegung lernen sie nicht. Schon jetzt gibt es sehr viele Schulkinder, die nie schwimmen gelernt haben.

Wie gern würde ich jetzt eine Lösung präsentieren, einen Appell an euch richten, eure Kinder anders zu behandeln. Aber das kann ich nicht. Unsere Welt ist unsicher und es wird immer mehr verlangt.

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Genauso wie von den Eltern verlangt wird, dass beide arbeiten, sie nie krank werden, sich selbstständig Fortbilden und immer eine Top-Leistung auf der Arbeit bringen und vor allem „flexibel" sind - so wird es auch bereits von den Kleinsten erwartet.

Der Leistungsdruck hat den Kindergarten längst erreicht und nur riesige gesamtgesellschaftliche Änderungen würden hier helfen. Sichere Jobs, Sonderregelungen für Eltern, niedrigere Mieten, ein neues Bildungssystem. Wir müssten unsere Gesellschaft neu überdenken, ändern, bis sie für Familien funktioniert.

Bis das passiert, muss es wohl erstmal noch viel schlimmer werden. Und bis dahin werden wir uns daran gewöhnen müssen, dass unser Bild von Kindheit - fröhlich und ohne Zeitdruck draußen spielen und selbstständig die Welt erkunden - naiv, verklärt und vorbei ist.

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