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Erzieherin klagt an: Ich erlebe jeden Tag, wie wenig Kinder in diesem Land wert sind

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Nach fast 40 Jahren als Erzieherin kann ich den Satz "die Kinder sind unser höchstes Gut" nicht mehr hören.

So leer klingt diese Aussage, wenn man weiß, wie die Menschen behandelt werden, die sich beruflich um die Kinder kümmern.

Wir Erzieher tun wirklich alles für die Kinder. Weil sie toll sind. Weil sie es brauchen. Weil sie es verdient haben.

(Eine Zusammenfassung des Textes seht ihr oben im Video.)

Aber wir arbeiten unter teils miserablen Bedingungen. Das schadet allen - auch den Kindern.

Wir reden hier nicht über Kleinigkeiten. Die Folge ist in jedem Fall eine schlechtere Förderung der Kinder. Und im schlimmsten Fall sogar körperliche Gewalt und sexueller Missbrauch.

Wenn jemand ausfällt, ist die Hölle los

Der Personalschlüssel in Kindergärten ist so geplant, als gäbe es keine Fortbildungen, Urlaube oder Krankheiten. Sprich: Wenn jemand ausfällt, ist die Hölle los.

In unserem Kirchenkreis gab es für 25 Kindertageseinrichtungen genau zwei Springer als Aushilfen. Wenn man eine Vertretung brauchte, bekam man fast nie jemanden.

Mehr zum Thema: Prügelnde Kinder, respektlose Väter, Deutsch spricht kaum einer: Der Hilfeschrei einer Erzieherin

So ein Personalmangel hat massive Auswirkungen auf die Kinder.

Wer sich allein um eine Gruppe Kinder kümmern muss, kann gerade so auf sie aufpassen. Sich um so etwas wie spezielle Förderung zu kümmern oder schöne Angebote zu machen, ist ausgeschlossen. Es ist ja nicht mal Zeit, um auf die Toilette zu gehen, weil die Kinder sonst unbeaufsichtigt sind.

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Wenn sich eins der Kinder in die Hose macht, wie willst du es dann sauber machen und gleichzeitig die restlichen im Blick behalten?

Immer wieder liest man von Erzieherinnen, die nach jahrelanger korrekter Arbeit ein Kind schlagen. Das ist durch nichts zu entschuldigen.

Gleichzeitig kann ich mir vorstellen, dass die Überforderung so groß sein kann, dass Kollegen falsch oder ungerecht handeln.

Oder es passiert noch Schlimmeres.

Es kommt zu schrecklichen Vorfällen, die leicht verhindert werden könnten

In Hamburg soll ein Praktikant im Kindergarten einige Kinder missbraucht haben. In der Theorie ist so etwas gar nicht möglich. Nur ausgebildete Erzieher dürfen mit den Kindern allein sein.

Aber ich kann mir vorstellen, wie so etwas passieren kann.

Die Gruppe war vielleicht unterbesetzt. 20 Kinder rennen wild herum, ein Kind fällt hin oder macht sich in die Hose. Die Erzieherin kann das allein nicht schaffen. Da übernimmt der Praktikant eine Aufgabe, die er nicht übernehmen dürfte. Er ist mit den Kindern allein und es passiert.

Eine schreckliche Vorstellung. So etwas könnte mit mehr gutem Personal leicht verhindert werden.

Mehr zum Thema: "Die Eltern werden dir die Hölle heiß machen" - das habe ich in 40 Jahren als Erzieherin gelernt

In den kommenden Jahren werden wir noch mehr solcher schlimmen Geschichten lesen. Denn gerade werden ohne Ende neue Kitas gebaut. Erzieherinnen werden händeringend gesucht. Da werden auch Leute eingestellt, die die Ausbildung, aber nicht die Eignung für den Beruf besitzen.

Als Erzieherin kämpft niemand für deine Rechte

Der Stress ist nicht das einzige Problem von uns Erzieherinnen in kirchlichen Kitas. Wir können uns nicht sicher fühlen, selbst wenn wir einen guten Job machen. Weil wir keine Lobby haben.

Eine Kollegin aus einem christlichen Kindergarten hatte ein Kind in der Gruppe, das daheim erzählte, die Kollegin würde es kneifen und in einem Raum einsperren.

Die Eltern haben das ernst genommen, obwohl es gelogen war. Das finde ich erst einmal gut. Wenn es um Kinder geht, sollte man so etwas immer prüfen.

Das Problem war, dass meine Kollegin nie mit den Vorwürfen konfrontiert wurde. Weder die Kindergartenleitung noch das Kirchenamt konnte oder wollte die Anschuldigungen prüfen. Stattdessen sollte meine Kollegin ein Schuldeingeständnis unterschreiben. Sie weigerte sich.

Am Ende hat man sie zu einer Psychiaterin geschickt, obwohl die andere Erzieherin in der Gruppe bestätigte, dass es diesen angeblichen Vorfall nie gegeben hat. So etwas kann den Ruf grundlos zerstören.

Das zeigt ein großes Problem: Es gibt keine unabhängige Vertretung, die für die Rechte der Erzieherinnen an kirchlichen Kindergärten kämpft. Das sind über 18.000 Einrichtungen in Deutschland.

Die Mitarbeitervertretung, in solchen Fällen Ansprechpartner für die Kollegen, besteht aus Mitarbeitern des Kirchenkreises, die oft auch in anderen Kindergärten arbeiten. Sie sind nur schwer zu erreichen, weil sie in Vollzeit mit den Kindern arbeiten. Und sie haben selbst Angst, als "Problemmacher" abgestempelt zu werden und ihren Job zu verlieren, wenn sie für jemanden kämpfen.

In allen Bildungsbereichen sieht es schlecht aus

Warum sollten sich studierte, gut ausgebildete junge Menschen für den Job im Kindergarten bewerben, wenn sie überlastet, auf sich allein gestellt und obendrein noch schlecht bezahlt werden?

Mehr zum Thema: "Wir arbeiten Vollzeit und können trotzdem nicht davon leben" - Appell einer Erzieherin

Ihr könnt euch vorstellen, wer da überbleibt und eure Kinder betreut.

Auch in allen anderen Bildungsbereichen fehlt es an Unterstützung. Schulen sind Ruinen, Bäder schließen und die Kinder können nicht mehr schwimmen lernen...

Wenn Eltern all das auffangen sollen, brauchen nicht wenige zwei Jobs, um das zu finanzieren. Und dann fehlt ihnen wieder Zeit für ihre Kinder.

Wenn die Regierung so mit Deutschlands "höchsten Gut" umgeht, wie muss es dann erst dem Rest gehen?

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