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Wir sperrten den Kindergarten nur noch zu zweit auf - weil wir jederzeit mit einem Einbruch rechnen mussten

28/09/2017 15:30 CEST | Aktualisiert 28/09/2017 16:01 CEST
dpa

Kindergärten sind anscheinend eines der beliebtesten Ziele bei Einbrechern. Anders kann ich mir nicht erklären, warum ich schon so viele Einbrüche erlebt habe.

Zum Beispiel in meinem letzten Kindergarten.

Am Anfang sah noch alles ganz normal aus. Doch als ich um Viertel vor 7 den Hintereingang des Kindergartens öffnete, viel mir sofort eine Tür auf, die normalerweise immer geschlossen war.

Nach nur wenigen Schritten sah ich das Chaos. Alle Schubladen waren durchwühlt und ihr Inhalt auf dem Boden verstreut. Die Schränke aufgebrochen und Akten, Geschirr, und Bastelmaterial war überall verteilt. Türen, die jeden Abend abgeschlossen wurden, hingen zersplittert in den Angeln.

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Überall lagen Splitter von den Gläsern, aus denen die Kinder normalerweise in einer knappen halben Stunde ihren Tee trinken würden. Lediglich die Tür ins Obergeschoss war noch so, wie wir sie hinterlassen haben.

Die Einbrecher haben die Küche leer gefressen und alles zerstört

Meine Kollegin war noch nicht da, also traute ich mich noch nicht weiter ins Gebäude. Ich hatte nach dem ersten Anblick Angst davor, dass die Täter noch da sein könnten. Als meine Kollegin dann auftauchte, gingen wir gemeinsam durch alle Räume und machten extra viel Lärm, damit die möglichen Einbrecher uns hörten und hoffentlich das Weite suchen würden.

Aber es war niemand mehr da.

Während die ersten Kinder gebracht wurden, riefen wir die Polizei und die Kita-Leitung an. Die Kinder waren aufgeregt, wollten wie immer in ihre Gruppen, spielen und frühstücken, aber das ging nicht.

Sie wieder nach Hause schicken war auch keine Option. Die Eltern mussten ja zur Arbeit.

Wir haben dann schnell eine der Gruppen einigermaßen hergerichtet, sind mit den Kindern da rein und haben versucht, so gut wie möglich den Tagesablauf aufrecht zu erhalten.

Die Einbrecher hatten zwar die Küche leer gefressen und dort alles zerstört, aber mit guten Nerven und einigen schnellen Einkäufen haben wir den Tag irgendwie überlebt.

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Monatelang war der Kindergarten nicht nutzbar

Eine Woche später passierte genau das Gleiche wieder.

Wieder am Wochenende und wieder ergab sich ein ähnliches Bild wie am Montagmorgen in der Woche zuvor.

Das Fenster, durch das die Einbrecher beim ersten Mal herein kamen, war behelfsmäßig verbarrikadiert, also kamen sie durch das daneben.

Diesmal gelangten sie auch ins Obergeschoss und wüteten dort. Ich glaube, sie haben dort das Wochenende verbracht, denn die Gardinen waren zugezogen und drinnen hatten sie alle Süßigkeiten und das ganze Eis gegessen.

Außerdem haben sie die Geschenke gestohlen, die wir für die Kleinen vorbereitet hatten. Die Kinder bekommen zu ihrem Geburtstag immer eine Kleinigkeit von uns, etwas, dass zum Alter passt. Ein Flummi, ein Yoyo, ein Kuscheltier - einfach etwas Kleines, für unter einen Euro.

Die Geschenke waren bereits in Kisten mit den Aufschriften "Geburtstag, ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre." verpackt. Doch alles war weg.

Niemand wird mit dieser "Beute" Gewinn machen können. Das Einzige was die Einbrecher hier erreichten ist, dass die Kinder keine Geschenke mehr haben.

Aber eigentlich müssten wir froh sein. Eine Kollegin aus einem anderen Kindergarten erzählte mir, dass wir noch Glück hatten. Bei ihnen hätten Einbrecher nämlich komplett zerstört. Alles kaputt geschlagen, in die Ecken uriniert und Bastel-Farbe auf den Wänden verschmiert.

Monatelang war der Kindergarten nicht nutzbar. Auch bei uns hat es Monate gedauert, bis alles wieder normal lief. Erstmal konnte alles nur provisorisch geflickt werden. Bis die Versicherung mit allem durch war, die Gelder bewilligt und die Handwerker fertig wurden, vergingen Monate. Manche Dinge blieben für immer kaputt.

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Kindergärten sind leichte Ziele für Einbrecher

Ich habe in meinen fast 40 Jahren als Erzieherin sehr viele Einbrüche erlebt - nämlich in jedem, wirklich jedem Kindergarten, in dem ich gearbeitet habe.

Der Grund dafür, liegt auf der Hand: Kindergärten sind leichte Ziele. Am Wochenende immer leer. Der Spielplatz ist meist etwas abseits von der Straße und wegen Lärmschutz oft von Bäumen umringt. Einbrecher können also ungesehen die Türen aufbrechen. Eine gute Sicherheitsanlage gibt es nämlich selten, da Kindergärten jeden Euro umdrehen müssen.

Deshalb verstehe ich auch nicht, warum so oft dort eingebrochen wird. Alles, was man dort stehlen kann, sind gestreckte Fingerfarben und Reste von Bastelpapier. Was sollte dort zu holen sein?

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Das Wertvollste wäre der Betriebs-Laptop, den wir Erzieherinnen gemeinsam nutzen. Selbst die Kinder sind technisch besser ausgestattet als wir.

Schlimmer als wenn einem der eigene Geldbeutel gestohlen wird, ist es, wenn das Geld wegkommt, das uns die Eltern geben.

Wir sammeln zum Beispiel für Ausflüge, Fotos, oder Veranstaltungen. Das Gesammelte nehmen wir immer mit nach Hause. Wahrscheinlich verstößt das gegen zig Gesetze, aber meine Erfahrung zeigt: Im Kindergarten ist nichts sicher.

Für mich gäbe es nicht schlimmeres, als Kindern sagen müssen, dass ein Ausflug, auf den sie sich seit Wochen gefreut haben, nicht stattfinden kann.

So nötig, dass man in einen Kindergarten einbricht, kann es niemand haben

Alles, was der Einbruch bezweckt, ist, die ohnehin finanziell angespannte Situation in Kindergärten noch zu verschlimmern. Doch das Schlimmste an so einem Einbruch ist, dass sich die Kinder und ihre Erzieher dort nicht mehr sicher fühlen.

Dabei brauchen Kinder dringend eine Umgebung, in der sie sich sicher entfalten können. Das ist hier nur noch schwer möglich. Stattdessen lernen schon Dreijährige, dass Menschen es Menschen gibt, die aus Langeweile oder Missgunst vor nichts halt machen. Anders kann ich mir jedenfalls nicht erklären, warum Menschen in Kindergärten einbrechen.

So nötig, dass man in einen Kindergarten einbricht, kann es doch niemand haben. Ich hab ja für vieles Verständnis, aber sowas ist einfach nur eine Schande.

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