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Kindern sind Herkunft und Behinderung egal - das müssen wir von ihnen lernen

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INKLUSION
dpa
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Inklusion ist ein großes Reizthema. Die Eltern sind unzufrieden, weil sie glauben, die Kinder würden nicht gleich behandelt werden, die Lehrer ächzen unter den besonderen Anforderungen und auch die Schüler scheinen ihre Probleme damit zu haben.

Das gilt für alle, egal, ob es um Kinder mit Behinderung oder mit Migrationshintergrund geht.

Ich habe fast 40 Jahre als Erzieherin gearbeitet und ich muss sagen: Im Kindergarten funktioniert es. Die Kinder bemerken die Unterschiede gar nicht.

Lasst mich euch erzählen, wie es im Kindergarten aussieht.

Als ich noch als Erzieherin tätig war, habe ich öfter Kinder mit Behinderung betreut.

So hatte ich zum Beispiel mal einen Jungen mit einer halbseitigen Körperlähmung in der Gruppe.

Es gab bei seiner Geburt wohl Komplikationen und einige seiner Körperteile waren dabei eingeklemmt und schlecht durchblutet. Sein linker Arm und sein linkes Bein waren sichtbar beeinträchtigt.

Deswegen hatte er auch im Kindergarten noch Probleme mit der Koordination und lief langsamer und wackeliger als die anderen Kinder. Greifen, schneiden, kleben, malen, das alles fiel ihm etwas schwerer.

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Wenn ein Kind in den Kindergarten kam, das eine anerkannte Behinderung hatte, haben wir meist in der Gruppe vorher darüber geredet. So auch bei ihm. Da haben wir dann gesagt, er kann ein paar Dinge nicht so gut, daher braucht er manchmal etwas länger und vielleicht auch Hilfen.

Ein paar Vorschulkinder sagten dann so was wie "Der Fuß ist verdreht", aber die meisten haben uns angeguckt und gesagt: "Der hat doch gar nichts."

Im Kindergarten spielt das auch keine Rolle. Natürlich bemerken die schon, wenn ein Kind größere Probleme hat. Aber sie gehen damit ganz natürlich um.

In der Schule bekommen die Kinder dann richtig Probleme

Wir hatten zum Beispiel ein Kind mit Spina bifida. Das ist ein sogenannter offener Rücken. Dabei sammelt sich im Kopf Flüssigkeit und die wird durch einen Schlauch im Körper abgeführt. Einmal am Tag kam die Mutter in der Mittagspause und hat einen Katheter gesetzt.

Das wurde jetzt nicht an die große Glocke gehängt, aber die Kinder haben schon bemerkt, dass bei ihr etwas anders ist. Durch die Erkrankung war sie auch etwas langsamer unterwegs.

Deswegen wurde sie aber überhaupt nicht ausgegrenzt. Im Gegenteil. Sie war ein nettes und soziales Mädchen, sie hatte eine richtige Clique unter den Vorschulkindern.

Wenn sie Hilfe brauchte, waren ihre Freunde für sie da. Aber nie von oben herab, es war ganz selbstverständlich.

Sie war so gut integriert und pfiffig, dass die Eltern sich sicher waren, dass sie problemlos in die Grundschule kann.

Leider eine Fehleinschätzung. Denn dort fingen die Probleme an.

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In der Schule steht der Vergleich zwischen den Kindern im Vordergrund. Das hat zum einen mit dem Alter zu tun, wird aber zum anderen durch das Schulsystem noch verstärkt.

Hier fällt es richtig auf, wenn man manchmal Hilfe braucht und manche Dinge nicht kann.

So ging es auch ihr. Ihr wurde ständig nur gezeigt, was sie nicht kann. In der Grundschule war sie daher sehr unglücklich. Daraufhin brachten die Eltern sie auf eine Schule für Kinder mit Förderbedarf und da ist sie dann richtig aufgeblüht. Sie soll sogar die Klassenbeste gewesen sein.

Der Klassenbeste vs. der "Behindi"

Es gibt also einen Bruch. Was im Kindergarten noch völlig okay war, wird in der Schule plötzlich als falsch wahrgenommen.

Im Kindergarten haben zum Beispiel einige Kinder eine Sprachauffälligkeit entwickelt. Deshalb gab es eine Gruppe im Kindergarten die von einer Logopädin betreut wurde. Hier machen sich aber die anderen Kinder nicht drüber lustig, vielmehr sind sie interessiert und würde am liebsten auch zur "Sprachschule" gehen.

Ich habe mal eine Sprachförderungsgruppe für Kinder mit Migrationshintergrund in der Kindertageseinrichtung angeboten. Was glaubt ihr, was da los war? Da wollten alle Kinder mit. Die Kinder verstehen nicht, was ein Migrationshintergrund ist. Die merken auch nicht, wenn jemand eine andere Hautfarbe hat.

Wenn ein Kind nicht Deutsch spricht - dann verständigen sich die Kinder eben durch zeigen. Das funktioniert sehr gut.

In der Schule sieht das ganz anders aus. Hier geht es ja um Vergleichbarkeit. Es gibt hier den Klassenbesten, die Einser-Schülerin, den Problem-Schüler, die Behindis.

Noten sind besonders schlimm. Was muss es mit einem Kind machen, das die Note Ungenügend bekommt. Ein schreckliches Gefühl, "ungenügend" zu sein. Oder auch "mangelhaft" oder nur "ausreichend".

Aber auch abseits von Klausuren wird in der Schule ständig verglichen. Bei den Bundesjugendspielen zum Beispiel. Wer kann am schnellsten rennen, springen, werfen? Manche bekommen Siegerurkunden, mache sogar Ehrenurkunden und andere wiederum sind nur Teilnehmer.

Ist das wirklich der richtige Weg?

Wir müssen von den Kindern lernen

Mit den Zensuren und den Vergleichen an den Schulen hat sich seit Ewigkeiten bis auf wenige Ausnahmen nichts verändert. Alle wissen, dass das Mist ist. Eltern, Schüler und ganz sicher auch die Lehrer.

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Die individuellen Stärken zählen in der Schule oft nicht. Deshalb haben hier besonders Kinder Probleme, die nicht in das starre Raster passen.

Ab der ersten Klasse wird immer nur geschaut, was fehlt.
Fehlt die Ausbildung, um so erfolgreich zu sein wie die Leute aus den Magazinen?
Fehlt das Geld, um so glücklich zu sein wie die Stars im Fernsehen?
Fehlt das gute Aussehen?
Fehlt die Bekanntheit?

Sich zu vergleichen führt zu Leistungsdruck und Leistungsdruck sorgt dafür, dass keine Zeit bleibt, um glücklich zu sein.

Die Kindergartenkinder schauen nur auf sich. Sie fragen "Was kann ich schon?" und "Was will ich noch können?".

Sie schauen nicht, was der andere alles kann oder eben nicht kann. Deswegen sind Kinder auch so glücklich. Wenn wir von ihnen lernen, könnten wir es vielleicht auch sein.

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