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"Die Eltern werden dir die Hölle heiß machen" - das habe ich in 40 Jahren als Erzieherin gelernt

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PRE SCHOOL TEACHER
Paul Marotta via Getty Images
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Fast 40 Jahre war ich Erzieherin. Jetzt habe ich aufgehört und du fängst gerade an, in einem Kindergarten zu arbeiten.

Ich weiß genau, was jetzt vor dir liegt. Es wird hart. So richtig hart. So hart, dass du an manchen Tagen glauben wirst, dass du alles hinwerfen musst. Dass du nicht mehr weitermachen kannst. Aber gleichzeitig ist es auch so schön, dass ich dich um diese Zeit beneide.

"Das kann ich für meine Kinder benutzen"

Du wirst lernen, mit wenig viel zu erreichen. Als Erzieherin musst du an allem sparen. Jahrzehntelang habe ich die Reste von Wachsmalstiften aufbewahrt.

Stummel, die so groß waren, dass die kleinen Kinderhände sie gerade noch halten konnten. Ich habe die letzten Fitzel des Bastelpapiers gerettet, um mit den Kindern noch etwas gestalten zu können. Niemand kann so gut Fingerfarbe strecken wie eine Erzieherin.

Das Pappstück der Toilettenpapierrollen wirst du nie wegwerfen, jeden Schuhkarton sammeln und bei größeren Paketen denken: "Das kann ich für meine Kinder benutzen."

Die Eltern werden dir die Hölle heiß machen

Du wirst mit den Eltern Probleme bekommen. Das ist leider unvermeidbar. Auch wenn du alles richtig machst, werden sie dir die Hölle heiß machen.

Ich hatte mal einen Jungen, der öfter krank war. Als wir mit den Kindern in den Hof gehen wollten, lief er mit offener Jacke raus. Das kann schon einmal passieren, wenn 25 Kinder spielen wollen. Dann geht man zu dem Kind hin und sagt: "Mach die Jacke zu."

Die Mutter hatte es aber gesehen und wenig später saß ich mit der Chefin im Elterngespräch. Dass es ja kein Wunder sei, wenn ihr Kind immer krank sei.

Die Eltern werden auch oft Kinder bringen, die eigentlich viel zu krank sind für den Kindergarten. In diesem Fall werden sie besonders nett sein und sowas sagen wie: "Ja, sie ist heute etwas durch den Wind, aber sie wollte unbedingt kommen, weil es bei euch so schön ist. Ich muss jetzt zur Arbeit, bis später."

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Wenn sich das Kind dann nach zwei Stunden in der Gruppe übergibt, sind die Eltern unerreichbar. Wenn sie doch ans Telefon gehen, hörst du Sprüche wie: "Und was soll ich jetzt machen? Ich bin doch kein Krankenpfleger."

Oft schauen die Eltern auch irgendwelche Super-Nanny-Sendungen. Dann kommen sie zu dir und fragen, wo denn die "Stille Treppe" ist.

Auch wenn Ausgrenzung überhaupt nicht dein Erziehungsstil ist, pochen sie darauf und machen dir Vorwürfe, weil du den neuesten Erziehungstrend nicht mitgehst.

Und wenn du dich weigerst, sitzt du bald wieder im Elterngespräch.

Der Papierkram wird dich nerven, aber bitter nötig sein

Am Anfang wird dich der ganze Papierkram nerven, bis du merkst, dass du jeden Schritt, den du tust, nachweisen musst.

Da gibt es das Portfolio für jedes Kind, die Bildungsmappe, die Sprachentwicklungsunterlagen, die Testergebnisse, die Gelsenkirchener Bögen, Essenslisten und in der U3 die Wickeldokumentation.

Wie oft hat das Kind Stuhlgang gemacht? Wie sah das aus? Hat es blaue Flecken am Körper? Was hast du dagegen gemacht?

Im Video: Die Wahrheit über deutsche Erzieherinnen

Das Ganze ist enorm wichtig. Den meistens bist du die Erste, die bemerkt, dass ein Kind besonderen Förderbedarf hat.

Und obwohl du zuerst mit dem gesamten Team darüber sprichst und diverse Tests machst, wirst du manche Eltern nicht überzeugen können, dass ihr Kind Hilfe braucht.

Mach dir bewusst, dass du damit die Ängste der Eltern bestätigst. Niemand mag hören, dass mit seinem Kind etwas nicht stimmt. Dabei ist es meistens gar nicht so schlimm. Es gibt viele Möglichkeiten, zu helfen - weil du es so früh erkannt hast.

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Das wollen die Eltern aber oft nicht hören. Viele denken, du willst ihren Kindern was in die Schuhe schieben. Sie haben das Gefühl, dass das die Zukunft ihrer Kinder zerstört.

Diese Gespräche sind hart und du musst professionell bleiben. Für die Kinder - damit sie die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

Noch härter wird es, wenn du Vernachlässigung oder häusliche Gewalt bemerkst.

Vernachlässigung ist durch deinen Papierkram leichter zu beweisen. Wenn ein Kind viel zu wenig wiegt. Wenn die Windel die gleiche ist, die du dem Kind am Vortag angezogen hast. Oder wenn du Wunden am Körper entdeckst.

Da wird dir das Jugendamt helfen, aber das macht es nicht weniger hart. Oft sind die Eltern nicht böse, sie können einfach nicht anders. Viele Betroffene hätten besser nie Kinder bekommen.

"Der Papa ist so stark, der kann die Mama an die Heizung werfen"

Häusliche Gewalt ist am schlimmsten.

Einmal sagte ein Kind zu mir: "Der Papa ist so stark, der kann die Mama vom Wohnzimmer bis in die Küche an die Heizung werfen."

Das ist sehr schwer zu beweisen. Du musst da mit dem ganzen Team zusammenarbeiten. Auf alle Anzeichen achten. Ist das wahr, ist das nur Fantasie? Gibt es belegbare Beweise?

Viel zu lange wirst du nichts unternehmen können. Und auch wenn du etwas für das Kind tun kannst, wird es sich nicht wie ein Sieg anfühlen.

Es wird Unfälle geben und du wirst die Nacht durch weinen

Es wird auch Unfälle geben. Ein einfacher Sturz kann reichen. Den Knall wirst du sofort hören. Die Kinder werden Dinge rufen wie: "Schau mal, der bewegt sich nicht. Der schläft."

Dann musst du funktionieren. Du wirst die ganze Zeit nur heulen und schreien wollen. Aber es geht hier nicht um dich.

Du wirst dich um das Kind kümmern, bis der Notarzt kommt. Im Rettungswagen mitfahren. Im Krankenhausflur immer wieder die Eltern des Kindes anrufen, die einfach nicht rangehen.

Du wirst dich am Telefon und später in Person von den Eltern anschreien lassen, wie du das zulassen konntest. Ob du total unfähig und besoffen bist. Die Kinder einfach machen lässt, während du draußen rauchst.

Dann wirst du im Taxi heimfahren, am ganzen Körper zittern und einfach alles hinschmeißen wollen. Spätestens daheim wirst du nicht mehr können und die ganze Nacht durch weinen. Und am nächsten Tag bist du wieder da und kümmerst dich um deine Kinder.

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Und wenn dann alles gut ausgegangen ist, wirst du nie ein Danke hören. Dass du so gut reagiert hast und alles getan hast, damit das Kind gut versorgt wird.

Anerkennung wirst du wenig bekommen. Die ganze Welt glaubt, dass dein Job aus Kaffee trinken und Memory spielen besteht.

Ein Kind aufs Leben vorbereiten kann man nicht mit Geld berechnen, also wirst du mies bezahlt werden. Wenn aus den Kindern später erfolgreiche Erwachsene werden, werden sie sich nicht an dich erinnern.

Die Kinder werden dich drücken und dir sagen, wie lieb sie dich haben

Doch all das wird es wert sein. Weil die Kinder toll sind. Weil du siehst, wie sie aufblühen, wenn du mit ihnen spielst. Weil dir auffällt, wie groß die Fortschritte sind, die sie beim Sprechen machen. Weil sich ihr Verhalten so gut entwickelt, aufgrund deiner Maßnahmen.

Weil dich die Kinder drücken, dich ansehen und dir sagen, dass sie dich ganz doll lieb haben. Dann ist es der schönste Beruf auf der Welt.

Bei der Abschlussfeier, wenn du die Kinder das letzte Mal siehst, bevor sie auf die Schule gehen, wirst du weinen. Immer wieder wird es das gleiche Gefühl sein. Jedes Jahr - auch nach Jahrzehnten. Weil du diese Kinder so liebst, mit denen du Jahre verbracht hast.

Und dann kommen neue Kinder - und alles beginnt von vorn.

(jz)

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