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Während ihr auf der Arbeit seid, sagt euer Kind sein erstes Wort

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KINDERKRIPPE
dpa
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In fast 40 Jahren als Erzieherin habe ich eine Menge Erziehungstrends mitbekommen. Ob Laissez-Faire, autoritärer oder überbehüteter Stil - ich habe schon viel gesehen und gehört.

Aktuell ist es In, auf Helikopterelten zu schimpfen. Die Eltern würden sich zu viel kümmern, die Kinder nicht allein zur Schule gehen lassen, ihnen immer bei den Hausaufgaben helfen und überhaupt zu wenig Zeit allein lassen.

Doch lasst mich euch was sagen: Zu viel kümmern gibt es gar nicht. Ein ganz anderer Erziehungstrend ist viel schlimmer, auch wenn moderne Eltern es nicht wahrhaben wollen.

Ich fang mal ganz von vorne an: Die meisten Kinder sind heutzutage Wunschkinder. Die bekommt man nicht mehr einfach so im Galopp. Wie in den Bravo-Stories, wo man auf dem Klo-Deckel schwanger geworden ist.

Heute sind die Menschen bestens aufgeklärt. Sie entscheiden sich bewusst für Nachwuchs. Also fast alles Wunschkinder. Für die gibt es meisten einen Plan. Wie ihr Leben verlaufen soll. Wie sie gefördert werden.

Auftritt der typischen Helikopter-Eltern

Für mich sind das Eltern, die genau wissen, in welchen Kindergarten und auf welche Schule die Kinder gehen sollen. Und das ist nicht unbedingt die Schule, die direkt gegenüber ist.

Also werden die Kinder gefahren. Jeden Tag. Hin und zurück. Genauso fährt man die Kinder in die musikalische Früherziehung, zum Schwimmunterricht, zum Kindertheater, zum Spieldate...

Und dann sitzen die Eltern auch oft im Kurs oder beim Spielen dabei und schauen zu. Der Papa filmt mit, die Mutter macht sich Notizen.

Und wisst ihr was? Ich finde das toll.

Mehr zum Thema: "Überleben und irgendwann zerbrechen" - ein Erzieher packt über die chaotischen Zustände in deutschen Kindergärten aus

Man muss die Zeit genießen, die man mit den Kindern hat. Die ist nämlich sehr kurz. Und diese ganze Panikmache, von wegen fehlender Abnabelung ist übertrieben.

Dieses Gerede um zu viel Kümmern ist eine Pseudodebatte

Die Kinder werden schon früh genug sagen, wenn ihnen die Eltern peinlich werden und sie allein sein wollen. Das könnt ihr mir glauben. Wenn die Mama immer im Auto singt, oder der Papa immer in der Musikschule filmt - das geht nicht lang gut.

Irgendwann kommt der Tag, da wird man am Handy weggedrückt, wenn man anruft. Das ist ganz normal. Dieses Gerede um zu viel Kümmern ist eine Pseudodebatte. Ja, es gibt Eltern, die ihre Kinder überwachen, sie verfolgen und immer panische Angst haben, dass etwas passiert.

Die sind aber sehr selten und das ist eher eine Krankheit, als ein Erziehungsstil.

Was mich beunruhigt, ist eher eine ganz andere Art von Eltern. Und die wird immer häufiger.

Diese Eltern, die zu mir kommen und sagen, was ich mit den Kindern machen soll, die in der Gruppe mithelfen wollen, die draußen auf den Hof mit auf die Kinder aufpassen wollen - ja, die können nerven - aber schlimmer sind die, die die Kinder nur weggeben wollen.

Immer mehr Eltern haben viel zu viel mit sich selbst zu tun - und haben deswegen keinen Kopf für ihre Kinder. Die sagen sich: "Die Schule und der Kindergarten werden das schon regeln."

Zu dem Bild der perfekten Familie gehört eben ein Kind

Das sind oft - aber nicht nur - die Leute, die einen tollen Job haben und viel Geld verdienen. Die besorgen sich dann ein großes Haus mit Garten und in diesem Nest fehlt dann noch ein Kind. Man muss ja heutzutage alles haben. Zu dem Bild der perfekten Familie gehört eben ein Kind.

Problem ist nur, alles haben geht eben nicht. Und dann wird das Kind von Anderen erzogen. Dann ist keine Zeit da, in der Musikgruppe zu filmen. Und wenn die Eltern es dann doch mal schaffen, ist es mit großem Stress verbunden.

Man kann die Zeit nicht am Abend oder am Wochenende nachholen. Wer Vollzeit arbeitet, braucht auch Zeit runterzukommen. Das geht nicht immer mit kleinen Kindern.

Mehr zum Thema: Ich leite eine kleine Kita - und muss zehn Eltern absagen, jeden Tag

Ich kenne Familien, wo die Kinder im Urlaub im Robinson Club untergebracht werden. Damit die Eltern sich vom Job entspannen können.

Jetzt versteht mich nicht falsch. Das ist ja vielleicht auch eine zeitlang schön für die Kinder. Sie verbringen viel Zeit mit anderen Kindern und professionellen Erziehern.

Kinder wollen am liebsten bei ihren Eltern sein

Doch was verbindet ein Kind mit den Eltern, die auch am Urlaub noch weg sind - was weiß man denn voneinander? Wo soll da die Bindung sein?

Die Kinder lernen im Kindergarten richtig sprechen, sich nicht zu hauen, wie man sich beim essen benimmt. Aber die Kinder wollen eigentlich immer am liebsten bei den Eltern sein.

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Egal wie sie drauf sind. Und wenn die Eltern einen dann immer abschieben, wie soll sich ein Kind da fühlen? Dann hat es keine Wurzeln.

Es kann dann noch so schön sein in der Betreuung - die Verbindung zu den Eltern wird leiden. So schnell ist ein weiterer Tag vorbei und man hat wieder nichts voneinander mitbekommen.

Sowas erlebe ich immer öfter. Heutzutage sind ja auch die Großeltern oft noch im Beruf und können sich nicht kümmern. Ich weiß von Eltern, die sich nicht mal einen Hund holen würden, weil sie wissen, dass sie keine Zeit finden werden. Aber Kinder haben sie trotzdem.

Ich habe lange in U3-Gruppen gearbeitet - Betreuung für unter dreijährige Kinder. Die Nachfrage nach solchen Angeboten ist enorm gestiegen. Die Kinder können mittlerweile gar nicht früh genug abgegeben werden. Noch bevor sie sprechen oder laufen können, sind sie in Betreuung.

Liebe Karriere-Eltern, ich möchte euch was sagen:

Wenn ihr schon Kinder habt, macht euch keine Sorgen. Wir Erzieher kümmern uns um eure Kinder. Egal wie früh ihr sie abgebt. Wir helfen ihnen beim Start ins Leben. Wir machen Sprachtrainings, Bewegungskurse und überhaupt können wir dafür sorgen, dass es euren Kindern an nichts mangeln wird.

Alles wird gut gehen.

Aber, liebe Karrieremenschen, wenn ihr noch keine Kinder habt, dann bitte ich euch, lasst euch nichts einreden: Ihr müsst keine Kinder haben. Man kann auch gut ohne. Ihr tut da keinem einen Gefallen. Es ist nicht schlimm, wenn euch etwas anderes erfüllt.

Ja, man kann beides machen.

Aber dann man muss sich eben bewusst sein, dass eines Tages die Erzieherin sagt: "Heute ist er das erste mal gelaufen", "Heute hat sie ihr erstes Wort gesagt" - oder ihr hört nach einem Jahr vom Lehrer: "Er war nie im Englischunterricht."

Ihr werdet viel verpassen und wenig von den kleinen Menschen wissen, die ihr in die Welt gesetzt habt.

Eure Kinder werden ihren Weg gehen, nur werdet ihr nicht die sein, die sie dabei begleiten.Wenn ihr damit klar kommt, ist das OK. Ich finde die Vorstellung todtraurig.

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Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

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