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"Wir arbeiten Vollzeit und können trotzdem nicht davon leben" - Appell einer Erzieherin

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ERZIEHERIN
dpa
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34 Jahre habe ich als Erzieherin gearbeitet. 38, wenn man die Ausbildung mitzählt. Seit meinem 16. Lebensjahr kümmere ich mich also um die Kinder Deutschlands. Hunderten habe ich dabei geholfen, einen guten Start ins Leben zu haben. In U3 Gruppen auch schon den Allerkleinsten.

Und ich habe die Kinder immer geliebt. Wenn ein Kind dich ansieht, dich drückt und dir sagt, dass es dich ganz doll lieb hat, ist es das Schönste, was es gibt.

Aber andere Menschen werden nie verstehen, wie hart das Ganze ist. Anerkennung sehen wir Erzieherinnen dafür so gut wie nie.

Auch nach Jahrzehnten Berufserfahrung und einer Vollzeitstelle habe ich so wenig Geld dafür erhalten, dass ich davon nicht leben könnte. Wäre ich nicht verheiratet, hätte ich diesen wichtigen Beruf nicht machen können.

4 Jahre Ausbildung zur Erzieherin

Kinder aufs Leben vorbereiten kann man nicht mit Geld berechnen. Vielleicht ist das der Grund, warum wir so mies bezahlt werden. Mein Mann macht Strom. Da gibt es einen Strompreis, da kann man messen, wie viel die Arbeit wert ist. Deswegen erhält er vielleicht so viel mehr. Aber die Zukunft von Kindern sichern - da gib es kein Preisschild für.

Lasst mich euch mal erklären, was wir leisten. Dann könnt ihr ja selbst entscheiden, ob das genug Wert ist, um dafür einen Lohn zu erhalten, von dem man auch Überleben kann.

Beginnen wir ganz am Anfang, mit der Ausbildung.

4 Jahre hat es gedauert bis ich Erzieherin sein durfte. Ein Jahr lang Vor-Praktikum. Das bedeutet Vollzeit arbeiten, ohne einen Pfennig dafür zu erhalten, nix, für Lulu. Der Kindergarten damals war kirchlich unterstützt, der Pfarrer hat mir 50 Mark Taschengeld pro Monat zugesteckt, das half, kam aber auch aus seiner Tasche.

Dann folgten zwei Jahre Fachschule für Sozialpädagogik und ein weiteres Jahr Anerkennungspraktikum. Heute haben die meisten noch zusätzlich studiert. Wir sind also keine Muttis, die einen Workshop besucht haben. Wir sind sehr gut ausgebildet, wenn wir nach vier Jahren das erste Mal volles Gehalt bekommen.

Mehr zum Thema: Brief von einer Erzieherin an eine Kindergarten-Mama

Das müssen wir auch sein.

Wir müssen erkennen, was ein Kind benötigt und richtig reagieren. Wir sind die ersten, die erkennen, wenn ein Kind Hilfe braucht. Wenn es entwicklungsverzögert ist, Sprachprobleme hat, oder eine nicht diagnostizierte Behinderung.

Trotzdem hören wir von den Eltern fast nie ein Danke dafür. Wir sind diejenigen, die ihr Kind behindert genannt haben, und fast nie die, die ihrem Kind die Hilfe besorgt haben, die es benötigte.

Kinder aufs Leben vorbereiten kann man nicht mit Geld berechnen. Vielleicht ist das der Grund, warum wir so mies bezahlt werden.

Wir sind auch die, die sehen müssen, wenn ein Kind vernachlässigt wird. Wenn Kinder unterernährt in die Gruppe kommen, viel zu wenig wiegen für ihr Alter. Wenn die Kleidung nie gewaschen wurde. Wenn die Eltern über das Wochenende nicht die Windeln gewechselt haben.

Wir sammeln die Beweise. Wir holen das Jugendamt. Wir helfen dabei, die Kinder da raus zu holen. Hoffentlich früh genug, um ihnen ein gutes Leben zu sichern.

Wir sind auch die Ersten, die häusliche Gewalt entdecken. Die blauen Flecken an den Kindern. Die häufigen Knochenbrüche. Uns erzählen die Kinder, wenn der Papa die Mama immer so doll haut, dass sie weinen müssen.

Dann sammeln wir Beweise und versuchen alles, um zu helfen. Wenn wir das nicht bemerken, kann das Jahre weitergehen.

In Kindergärten fehlt es an allem

Aber es sind auch die alltäglichen Sachen.

In Kindergärten fehlt es an allem. Wir sind Meister im Strecken von Fingerfarbe und der ökonomischen Verwendung von Bastelpapier, damit alles möglichst lange hält.

Trotzdem kaufen wir alle jedes Jahr privat Material selbst. Weil das Geld im Kindergarten nie reicht.

Hinzukommen auch Windeln und Feuchttücher. Das sollten eigentlich die Eltern mitbringen, das passiert aber viel zu selten. Und was sollen wir machen. Wir lieben die Kinder und wenn sie sich nass machen, können wir sie ja nicht so lassen.

Daher kaufen wir alle einen privaten Vorrat an Windeln und Kinderkleidung. Wenn ihr hier etwas über habt, spendet es bitte. Die Kindergärten werden es euch danken.

Über pädagogisches Material fang ich hier besser gar nicht an. Da ist vielleicht einmal im Jahr etwas Geld da. Daher kauft jede Erzieherin ihr Zeug selbst.

Wir tun das, weil wir alles für die Kinder tun würden. Da übernehmen wir auch viele Aufgaben, für die wir überhaupt nicht ausgebildet sind.

Wenig Anerkennung für viele Aufgaben

Viele Kinder heutzutage brauchen besondere medizinische Betreuung. Das fängt an, darauf zu achten, dass die Kinder ihre Pillen nehmen. Kann aber auch bedeuten, das Atemgerät für einen 4-jährigen zu bedienen und neu einzustellen.

Niemand kann sich vorstellen, was es mit einem macht, wenn man einem kranken Baby in der Unter-3-Gruppe die Herzmedikamente verabreichen muss. Da kann ein Fehler tödlich sein. Da zwingst du dich nicht zu zittern, hast Schweißausbrüche und möchtest danach erstmal ne Stunde spazierengehen oder heulen.

Kannst du natürlich nicht, wer passt sonst auf die Kinder auf.

Das erklärt auch, warum wir angefressen reagieren, wenn Eltern am Freitag in der letzten Minute ihr Kind abgeben und sagen. „Heute muss sie über Mittag bleiben, wir fahren in den Urlaub und ich muss noch meinen Koffer packen."

Da zwingst du dich nicht zu zittern, hast Schweißausbrüche und möchtest danach erstmal ne Stunde spazierengehen oder heulen.

Die Mittagessen sind ja einzeln abgezählt und bezahlt. Natürlich haben wir Erzieherinnen Verständnis, wenn mal wirklich was passiert und Eltern das Kind nicht pünktlich abholen können. Wir setzen kein Kind auf die Straße, weil zum Beispiel das Auto streikt.

In solchen Fällen kaufen wir den Kindern selbst was zum Essen.

Keine Aufstiegchancen

Ihr seht also, wir tun alles, damit sich eure Kinder möglichst gut entwickeln. Und ja, wir lieben die Kinder sehr, gleichzeitig ist dieser Job viel mehr, als Kaffee trinken und im Sandkasten spielen.

Anerkennung sehen wir dafür nie, vor allem nicht finanziell. Ich hab gegen Ende, mit Jahrzehnten Erfahrung und mit einer Vollzeitstelle als verheiratete Frau knapp über 1300€ Netto erhalten.

Mehr zum Thema: "Die Eltern werden dir die Hölle heiß machen" - das habe ich in 40 Jahren als Erzieherin gelernt

Dafür kann man in einer Großstadt so grade die Miete bezahlen, jedoch keine Familie versorgen, noch nicht mal ernähren. So etwas wie Urlaube sind damit natürlich völlig ausgeschlossen.

Aufstiegschancen gibt es so gut wie keine. Kindergarten-Leitung ist hier das Höchste und auch das ist viel Arbeit für wenig Geld. Früher haben wir immer den Witz gemacht: „Wenn du im Kindergarten was verdienen willst, musst du den Pfarrer heiraten."

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Da wundern sich immer alle, warum kaum Männer Erzieher werden. Wenn mein Mann nicht mit seinem Job weit mehr verdient hätte, wir hätten keine Familie gründen können.

Jetzt frage ich euch, ist das angemessen? Dass wir uns um die Kinder Deutschlands kümmern, aber so schlecht bezahlt werden, dass wir keine eigenen haben können? Dass wir euren Kindern einen möglichst guten Start ins Leben geben, aber unser Gehalt nicht ausreicht, um selbst eines führen zu können?

Ich kenne keine Erzieherin, die den Job nicht wieder machen würde, wir lieben die Kinder einfach zu sehr. Das sollte aber kein Grund sein, es uns so schwer zu machen.

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