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Was integrative Schulen wirklich für die Bildung unserer Kinder leisten

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asiseeit via Getty Images
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Alle Jahre wieder beschwören die Bewahrer des gegliederten Schulsystems den Untergang des Abiturs und damit der „Bildungsnation Deutschland".

Die Schuldigen für diesen Niedergang sind schnell gefunden: die Eltern, die nicht einsehen wollen, dass ihren Kindern die Begabung fehlt und die „Kuschelpädagogen", die für die „Einheitsschule" eintreten.

Beiden Gruppen gemein sind ihre Leistungsfeindlichkeit und ihre Verkennung der Realität, in der die Menschen nun einmal verschieden sind und deshalb sortiert werden müssten.

Welches Bild wird den Jugendlichen vermittelt, wenn sie nicht mit Gleichaltrigen aus verschiedenen Kulturen zusammen zu lernen können?

Dies ist auch das wichtigste Argument vom Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, gegen integrierte Schulformen, wie Gesamt- oder Gemeinschaftsschulen: Den Jugendlichen werde eine Gleichmacherei vorgespielt, anstatt ihnen die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen deutlich zu machen.

Welches Gesellschaftsbild wird jedoch den Jugendlichen an Gymnasien vermittelt, wenn sie nicht die Möglichkeit haben, mit Gleichaltrigen aus verschiedenen Kulturen, sozialen Hintergründen, mit und ohne Behinderung zusammen zu lernen?

Wann und wo sollen Demokratie und Toleranz gelernt werden?- Und sind es nicht die Lehrkräfte an den integrierten Schulformen, die tagtäglich mit der sozialen Realität, ihrer Vielfalt und ihren Herausforderungen professionell umgehen?

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Ein weiterer Vorwurf an integrierte Schulsysteme ist, dass die Kinder und Jugendlichen mit Lernproblemen die starken Lernenden behindern und selbst nicht die Förderung bekommen, die sie brauchen.

Kinder mit Lernproblemen lernen integrierten Klassen besser

Allerdings gibt es keine wissenschaftliche Studie, die diese Alltagstheorie beweist. Im Gegenteil: Kinder und Jugendliche mit Lernproblemen haben in integrierten Klassen einen deutlich höheren Lernzuwachs und die starken Lernenden lernen weder besser noch schlechter, entwickeln sich aber im sozialen Bereich stärker.

Solche Erkenntnisse werden von den Freunden des gegliederten Schulwesens schlicht ignoriert. Hierbei wird auch das zwiespältige Verhältnis zur Bildungsforschung deutlich. Wenn die Erkenntnisse der eigenen Ideologie nützen, werden sie gerne zitiert. So geschieht es auch in Bezug auf die Ergebnisse der jüngsten Ländervergleichsuntersuchungen, in denen Baden-Württemberg sich verschlechtert hat.

Dieses Ergebnis wird der Einführung der Gemeinschaftsschulen zugeschrieben. Dabei konnten zum Untersuchungszeitraum noch gar keine GemeinschaftsschülerInnen einbezogen werden, da die getesteten Fünfzehnjährigen noch das alte System durchlaufen haben.

Auch der Hinweis auf die guten Ergebnisse der stark gegliederten Schulsysteme in Bayern und Baden-Württemberg und die schlechten Ergebnisse in den Stadtstaaten wie Berlin und Bremen müssen einer näheren Betrachtung unterzogen werden.

Die integrierten Schulen leisten Großartiges

Der Anteil von Kindern und Jugendlichen, die unter prekären und psychosozial belastenden Bedingungen aufwachsen, ist ungleich höher als im vergleichsweise reichen und ländlich geprägten Bayern. Die integrierten Schulen in den Städten leisten trotz einer schlechten Personal- und Sachausstattung Großartiges.

So bestätigte eine Studie zu den Gemeinschaftsschulen in Berlin die gute und sozial ausgleichende Arbeit dieser Schulform. Dieser Erfolg ist den Lehrkräften zu verdanken, die an die Wirkungen guter Pädagogik glauben und den starren Begabungsbegriff des 19. Jahrhunderts kritisch sehen.

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"Begabung" ist indes ein Dreh- und Angelpunkt konservativer Argumentation. Diese wird als eine biologisch festgelegte Ausstattung an Geistesgaben gesehen, die nahezu unveränderbar ist. Die Frage ist: Was können Pädagogik und die Schule dann überhaupt bewirken? - Der Begabungsbegriff ist natürlich ein gutes Mittel, die soziale Realität zu verschleiern.

Nach dem Armutsbericht leben 20 % der Kinder und Jugendlichen in Deutschland in armen Verhältnissen. Hinzu kommt eine große Zahl Geflüchteter, die in das Bildungssystem zu integrieren sind.

Diese finden sich seltener am Gymnasium. Also: Um was geht es den Kämpfern für das gegliederte Schulsystem, wirklich?

Im Wesentlichen um den Erhalt ihrer heilen Welt der „Elite", die unbehelligt von der sozial sehr vielfältigen, zum Teil auch herausfordernden Realität etwas leisten soll.

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