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Ich bin eine muslimische Mutter in Amerika und habe Angst um die Zukunft meines Sohnes

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Lieber Herr Trump,

ich habe die Wahlnacht als Wahlhelferin verbracht und die Stimmen vieler Verwaltungsbezirke ausgezählt, von denen ich bis dato nicht nicht mal was gehört hatte.

Hunderte von uns haben sich im Hauptquartier der Associated Press (AP) in West-New York in der 33sten Straße versammelt. Um sechs Uhr wurden die Wahllokale nacheinander geschlossen und die Korrespondenten machten sich daran, einen ersten Eindruck zu gewinnen. Während ich die Nummern der registrierten Wahlbezirke eingab sowie die Stimmen, die an dich und Hillary Clinton gingen, weihte ich sie in den Prozess der Auszählung ein.

Es war ein berauschendes Gefühl für mich, echte Demokratie in Aktion zu sehen - und vielleicht sogar zu erleben, wie Geschichte gemacht wird.

Wir waren vom Rest der Welt abgeschnitten und hatten keine Ahnung, wer das Rennen in der Präsidentschaftswahl gewinnen würde. Bis 22 Uhr hatte ich allerdings nur einen Sieg für Hillary eingetragen, obwohl sich dutzende Wahlbezirke zur Auswertung diese Nacht bei mir gemeldet hatten. Sie hat in Middlesex County gewonnen, passenderweise in der Stadt Clinton, Connecticut, und auch in anderen Regionen des Staates. Du hast aber in vielen Regionen mehr gewonnen.

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©LUCY NICHOLSON / REUTERS

Kurze Zeit später wurde die Euphorie darüber, die erste weibliche, gewählte Präsidentin der USA zu sehen, durch Fassungslosigkeit ersetzt. Ich verließ das Gebäude zusammen mit zwei anderen Wahlhelfern gegen ein Uhr nachts, als Pennsylvania Richtung der Republikaner schielte.

In der U-Bahn nach Hause zeigte mir einer der Wahlhelfer auf seinem Handy eine Tabelle von der Website FiveThirtyEight, auf der die roten und blauen Linien sich seit dem Morgen ziemlich verändert haben. „Diese Seite zeigt immer die richtigen Wahlergebnisse", sagte er.
Nur dieses Mal nicht.

Sobald mein Sohn die Wahlergebnisse diesen Morgen erfuhr, sagte er mir, dass wir vielleicht anfangen sollten, unsere Sachen zu packen, um dieses Land zum Anfang der Sommerferien zu verlassen.

Ich habe hart gearbeitet, um hierher zu kommen

Ich bin Türkin und kam vor ungefähr einem Jahr nach Amerika, um Journalismus zu studieren. Ich bin hergekommen, weil ich eine bessere Zukunft für mich und meine Kinder erhoffe. Die amerikanischen Werte der Meinungsfreiheit, Glaube ans Recht und Macht des Gesetzes - Werte, die Hillary Clinton gestern in ihrer Ansprache nach der Wahlniederlage erwähnte - liegen mir sehr nahe am Herzen - genauso wie ein gesetzestreuer Bürger zu sein und Steuern zu zahlen.

Ich habe hart gearbeitet, um hierher zu kommen, dennoch habe ich nun das Gefühl, dass kein Platz für mich ist in Amerika. Ich bin nur eine weitere Muslima mit einem komischen Namen.

Herr Trump, mein Sohn kannte deinen Namen, bevor wir nach Amerika kamen. Wir haben in Istanbul im Mecidiyeköy-Viertel ein Gebäude, das nach dir benannt ist. Jedes Mal, wenn wir an diesem Gebäude vorbeigingen, habe ich meinem Sohn erzählt, wo der Name herkommt.

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Als ich gegen halb zwei nachts heimkam, haben sie gerade deinen Sieg in Pennsylvania verkündet und alles war vorbei. Der einzige Gedanke, den ich im Kopf hatte, war: „Was sage ich morgen meinen Kindern?" Eine Frage, die ein sehr emotionaler Van Jones, Nachrichtenmoderator bei CNN, ebenfalls stellte.

Mein Sohn ist intelligent und fleißig. Als wir hierher kamen, musste er Extra-Klausuren schreiben, manche sogar schwieriger als die, die amerikanische Gleichaltrige schreiben mussten, nur, damit er hier überhaupt zur Schule gehen darf. Er versucht immer noch, sich dem Leben hier anzupassen, und langsam gewinnt er neue Freunde.

Mein Sohn soll seine Religion nicht verleugnen

Er ist alt genug, um die Anfeindungen in deinen Reden gegenüber bestimmten Menschen und Religionen zu verstehen - zum Beispiel, wenn du darüber sprichst, alle Muslime aus dem Land zu verbannen.

Wenn unser Sohn uns danach fragt, sagen wir ihm, dass er niemals seine Religion verleugnen, aber auch kein großes Ding daraus machen sollte. Ironischerweise verstehe ich nun, was einige schwarze oder hispanische Eltern, die ich im Rahmen eines Reporter-Seminars interviewt habe, durchmachen, wenn sie mit ihren jugendlichen Söhnen über die Polizei sprechen.

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©COURTESY OF ILGIN YORULMAZ

Vor kurzem haben sie in der Schule meines Sohnes in Manhattan die Präsidentschaftswahl simuliert. Glücklicherweise unterstützt diese Schule ihre Schüler sehr und toleriert Mobbing keineswegs, genauso wenig, wie wenn jemand versucht, den anderen zum Sündenbock zu machen oder wegen seiner Herkunft oder Religion zu beschimpfen.

Aber außerhalb der Schule, in den Straßen der USA - wer weiß, was da passieren wird? Wie sollten die Leute da wissen, dass mein Sohn ein unschuldiger Junge ist? Was wird sie davon abhalten, ihn als Außenseiter, eine Bedrohung, zu labeln?

Und wer weiß, ob die Türkei nicht eines Tages zu einem terroristischem Land ernannt wird, womit meine gesamte Familie unser neues Heimatland nicht mehr betreten dürfte, ungeachtet der Tatsache, dass unsere Vorstrafenregister sauber sind und ungeachtet der Kreativität und Kompetenz, die wir in diesem Land schenken wollen?

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Auf unserem Schulweg heute Morgen hat eine Gruppe amerikanischer Freunde meines Sohnes die Wahlergebnisse rege diskutiert. Es fielen Sätze wie „Michelle Obama wäre eine großartige Präsidentin" oder „Wann war Amerika jemals großartig?" - aber ein Kommentar eines älteren Jungen stach heraus.

Die Wut der Unzufriedenen

„Wir haben keine Demokratie, wenn der Präsident Republikaner ist und jeder weitere Bereich ebenfalls von Republikanern besetzt ist", sagte er. Er hat Recht.

Später an diesem Morgen rief mich meine Tochter an und sagte Ähnliches. Sie witzelte über die Wahl und nannte sie: „Amerika - das Staffelfinale" und betonte das nahende Ende der bisher bestehenden Diversität in diesem Land. Wie sollte ich die Frage nach Demokratie beantworten, wenn in den meisten Staaten ein Sieger alle Stimmen abräumt?

Wenn jeder Zweig eines Baumes identisch wäre, würden wir die Vielfalt genießen, die Mutter Natur uns bietet? Natürlich sollten wir auch wachsam sein und unsere Holzwürmer beseitigen, damit sie uns nicht von innen heraus zerstören. Aber alle Zweige abzuschneiden ist niemals die ideale Lösung.

Ich muss allerdings zugeben, das ist nicht das erste Mal, dass ich die Wut der Unzufriedenen erlebe. Wir hatten ähnliche Wahlergebnisse im Jahr 2002. Während der allgemeinen Wahlen dieses Jahres, schenkten die türkischen Wähler der Partei für Gerechtigkeit und Aufschwung, oder AKP, einen glorreichen Sieg und machten Weltliche und Liberale wie mich nieder. Das waren die Außenseiter, die genug hatten vom elitären Getue und dem konservativen Lebensstil.

14 Jahre später können die Liberalen die Mehrheit in den meisten Küstenstädten, wie auch meiner Heimatstadt Izmir nahe des Ägäischen Meeres und einigen weiteren Städten an der Mittelmeerküste, behaupten. Meine Freunde und ich haben uns gemeinsam die türkische Wahlkarte angesehen und Witze darüber gemacht, dass sie uns bei der nächsten Wahl wahrscheinlich ins Meer schubsen werden.

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©CARLO ALLEGRI / REUTERS

Als wir uns gestern die Wahlkarte der USA, nachdem die meisten Ergebnisse eingetrudelt waren, anschauten und ein ähnliches Muster wie in der Türkei erkannten, nämlich einen überwältigenden Anteil von Rot im Zentrum und in den ländlichen Partien des Landes versus ein bisschen Blau an den Küstenregionen, hatte ich ein unheimliches Déja-vu.

Eine Vielfalt von Meinungen macht den Reichtum eines Landes aus. Wir müssen uns nicht immer einig sein, aber wir sollten den größten gemeinsamen Nenner finden und unsere Meinungen, Glauben und Existenzen gegenseitig respektieren.

Als Mutter und Zugehörige einer Minderheit ist es schwierig für mich, euer Amerika zu verstehen. Ich will euch fragen: „Habt ihr euer Land jemals gespaltener gesehen?" Als Journalistin ist mir bewusst, dass ich objektiv sein muss und niemals die Bedenken der „anderen Seite" ignorieren sollte.

Ich will euch gerne Folgendes sagen: „Ich hoffe, euch und die ,vergessenen Männer und Frauen', die euch so wichtig sind, kennenzulernen, damit ich ihnen die Dinge besser erklären und Geschichten erzählen kann, damit wir uns gegenseitig besser verstehen lernen."

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Im April wurde mir die Ehre zuteil, den ersten schwarzen Präsidenten und seine Frau im Weißen Haus zu treffen, nur neun Monate, nachdem ich hier angekommen bin. Das zeigt, dass der amerikanische Traum tatsächlich für Immigranten wie uns wahr werden. Meine Sorge ist, dass mit diesem Wahlergebnis alle Gute, was Obama für dieses Land getan hat, den Bach runtergehen wird.

Herr Trump, bitte glaub mir, dass es Einwanderer wie mich in deinem Land gibt. Ich weiß nicht, ob ich jemals die Chance haben werde, dich zu treffen. Aber ich will glauben, dass, sobald du als der 45ste Präsident der USA vereidigt wirst, du weder mich noch meinen Sohn wegen unseres Glaubens des Landes verweisen wirst.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei der amerikanischen Ausgabe der Huffington Post.

Übersetzt wurde er von Agatha Kremplewski.

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