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100 Jahre Oktoberrevolution: Wie der Völkermord am eigenen Volk begann

Veröffentlicht: Aktualisiert:
KOMMUNISMUS RUSSLAND
Oleg Nikishin via GettyImages
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Was die Ereignisse, die sich heute vor 100 Jahren in Russland zugetragen haben, und die noch fälschlich als "Oktoberrevolution" bezeichnet werden, wirklich bedeuten, wird bis heute von der offiziellen Geschichtsschreibung ignoriert. Und in den Medien verfälscht.

Der staatliche TV-Sender Rossija 1 hat dem 7. November 1917 (nach dem damals gültigen Kalender der 25. Oktober 1917) eine ganze Talkshow gewidmet. Dort sagte der Chef der Kommunistischen Partei, Gennadij Sjuganow: "Die Geschichte kennt keinen Konjunktiv. Was passiert ist, ist passiert."

Aber das stimmt nicht.

Wenn man uns verbieten will, darüber nachzudenken, was ohne Lenins Putsch passiert wäre, dann ist das klare Zensur. Und auch eine Rechtfertigung für die Verbrechen in unserer Vergangenheit.

Russland hätte sich nicht in den ersten Weltkrieg einmischen sollen, sagte der Chef-Kommunist. Dabei war es Deutschland, das Russland den Krieg erklärte. Und zwar auch deshalb, weil die Deutschen davon ausgingen, dass unser Land sich zu einem Wirtschafts-Riesen entwickeln und zu groß und zu stark werden würde.

Aber gehen wir noch weiter.

Die neue Regierung wollte sich auf die Bürger berufen

Hunderte Jahre hielt man die Macht - die Zarenkrone - für gottgegeben.

Ende des 19. Jahrhunderts ließ der Glauben an Gott nach.
Die Februar-Revolution 1917 - der Sturz des Zaren - war deshalb zeitgemäß.

Die neue Regierung wollte sich nicht mehr auf Gott berufen, sondern auf ihre Bürger.

Deshalb hatte sie für November 1917 Wahlen ausgerufen.

Gleichzeitig setzte die Provisorische Regierung unter Alexander Kerenski den Krieg fort. An der Front schaffte sie erstaunliche Erfolge.

Dann kam Lenin und die Revolution

Wladimir Uljanow, der sich Lenin nannte, hatte zur gleichen Zeit nur ein einziges Ziel: An die Macht zu kommen. Und er wusste: Dazu musste Russland erst den Krieg verlieren, denn ein Sieg hätte Kerenski zum Helden gemacht.

Russlands Position im Krieg verbesserte sich rasch. Tschechen, Slowaken und Kroaten wollten nicht mehr weiter gegen Russland kämpfen, wo es jetzt keinen Zaren mehr gab, und Wien signalisierte notgedrungen Verhandlungsbereitschaft.

Als Berlin erfuhr, dass der eigene Bündnisgenosse abtrünnig werden könnte, wandte es sich an einen alten Freund, der von Deutschland bezahlt wurde - Wladimir Uljanow alias Lenin.

Der befahl seinen Leuten, unverzüglich die Minister der Provisorischen Regierung festzunehmen - am 25. Oktober (7. November): "Jede Verzögerung wäre gleichbedeutend mit dem Tod", war damals die Parole. Einen Tag später wäre der Frieden mit Österreich unterzeichnet worden.

Massenterror gegen das eigene Volk

Am 26. Oktober erließ Lenin sein "Dekret für den Frieden" - also die Kapitulation Russlands.

Der angebliche "2. Kongress der Volksdeputierten" - in Wirklichkeit nur eine Versammlung von Abgeordneten aus den wenigen Regionen, in denen Lenins Leute wirklich eine Mehrheit hatten - "ernannte" eine bolschewistische Regierung.

Bei den Wahlen zur Verfassungsgebenden Versammlung, die diese ausrief, erhielt Lenins Partei im November 1917 nicht mal ein Viertel der Stimmen.

Im Dezember schaffen die Kommunisten hastig die WTscheKa, eine Vorgänger-Organisation des KGB, die Massenterror gegen das eigene Volk betrieb.

Lenins Kämpfer schossen auf Demonstranten

Am 18. Januar 1918 traf sich ein Teil der gewählten Abgeordneten zur verfassungsgebenden Versammlung.

Als diese die Erlasse der Sowjets für illegal erklärte, wurde sie aufgelöst. In der gleichen Nacht ließ Lenin seine Kämpfer mit Maschinengewehren auf Demonstranten schießen, die auf die Straße gingen, um ihre legitim gewählten Abgeordneten zu verteidigen. Mehr als hundert Menschen starben.

Lenins Mitstreiter Bucharin rief den Bürgerkrieg aus. Die bolschewistische Regierung hatte keine Legitimität. Sie kämpfte ausschließlich für die Interessen ihrer Anführer. Sie hatte keine soziale Basis, weder im alten noch im neuen Russland.

"Diktatur des Proletariates"

Selbst die russischen Marxisten wie Plechanow und Martow erkannten die so genannte Revolution, die in Wirklichkeit ein Putsch war, nicht an. Deshalb mussten Lenin und seine Anhänger sich von der ganzen tausendjährigen Geschichte Russlands lossagen.

Die nationale Symbolik - das Wappen, die Hymne, die Flagge, der Staatsnamen - alles wurde abgeschafft. Stattdessen schuf man die so genannte "UdSSR". An Stelle der demokratischen Republik, die sich gerade aus dem konstitutionellen Monarchie entwickelt hatte, trat eine "Diktatur des Proletariates".

Schon am 20. November 1917 erklärten die Bolschewiken das gesamte bestehende Recht für ungültig. Alle Gesetze verloren ihre Wirkung, die Gerichte und Staatsanwaltschaften wurden aufgelöst. Ganz offen wurde erklärt, dass die neue Regierung das Völkerrecht nicht anerkennt.

Auch der bestehenden Moral wurde der Kampf angesagt. Ebenso wie der Kirche.

Der radikale Bruch wird heute ignoriert

Lenins "Plan der monumentalen Propaganda" sollte die Erinnerung an alles auslöschen, was mit dem alten Russland zu tun hatte. Denkmäler wurden zerstört, Ortsnamen geändert, ebenso der Kalender und die Rechtschreibung.

1921 wurden alle humanitären Fakultäten der russischen Universitäten geschlossen. Erst Jahrzehnte später wurde das Studium von Geschichte, Soziologie, Recht und Philosophie wieder möglich.

Dieser radikale Bruch durch die Bolschewiki wird heute von der russischen Politik - und deshalb auch der Geschichtsforschung und in den Schulbüchern - ignoriert.

"UdSSR und Russland - Mörder und Mordopfer"

Ein derartiger völliger historischer Bruch ist in der Geschichte selten, aber nicht einmalig. Das sowjetische und postsowjetische Regime hat in etwa so viel gemeinsam mit dem historischen Russland wie die Bundesrepublik mit dem Dritten Reich. "Die UdSSR und Russland - das ist Mörder und Mordopfer", schrieb Solschenizyn.

Statt der russischen Idee riefen die Bolschewisten die sowjetische Idee aus: Soziale Gerechtigkeit, Verzicht auf Ausbeutung, freie Entwicklung des Individuums, usw.

Doch diese lauten Parolen waren nur ein Vorhang, mit dem die schreckliche sowjetische Realität verdeckt wurde.

In der Sowjetunion herrschte totale Zensur, die Grenzen waren geschlossen, die Menschen wurden maximal ausgebeutet, die Wirtschaft war rückständig, es herrscht Mangel selbst an Waren des täglichen Bedarfs, Hunger, Armut, ein katastrophaler Niedergang der Landwirtschaft und vieles mehr.

Es ist deshalb kein Wunder, dass die gesamte Geschichte der Sowjetunion auch eine Geschichte des Widerstands der einfachen Menschen gegen dieses System ist - und zugleich des Kampfes dieses Systems gegen die eigenen Menschen.

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Russland hatte den Anspruch, eine Weltmacht zu sein

Bolschewismus - das sind drei künstlich erzeugte Hunger-Katastrophen, GULAG - "ein Auschwitz ohne Krematorium" - der "rote Terror" und der "große Terror", die Deportation von sechs Millionen Menschen.

Russland schritt in das 20. Jahrhundert mit dem Anspruch, eine führende Weltmacht zu sein. Es beendete das Jahrhundert mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion.

In 70 Jahren Kommunismus hat Russland 5,5 Millionen Quadratkilometer Landfläche verloren - das ist zehnmal so viel wie das Territorium Frankreichs. 1917 lebten in Russland 186 Millionen Menschen, heute sind es 143 Millionen.

Fast alle Opfer von Stalins Terror gegen das eigene Volk sind, still und leise, offiziell rehabilitiert.

Das bedeutet, dass Lenin und Stalin einen Völkermord an ihrem eigenen Volk begangen haben.

Wir brauchen eine intellektuelle moralische Erneuerung

Was kann man dazu noch sagen? Um aus der 100-jährigen Sackgasse herauszukommen, in die Russland heute vor 100 Jahren eingebogen ist, brauchen wir eine gigantische intellektuelle moralische Erneuerung.

Nur, wenn wir uns von dem tief sitzenden Erbe und Denken aus der Sowjetzeit lossagen, das Geschehene juristisch aufarbeiten und endlich Vergangenheitsbewältigung beginnen, wenn wir an das alte Russland anknüpfen, und dessen Erbe reformieren und modernisieren, wenn wir uns dabei die Erfahrung der europäischen Demokratien zu Herzen nehmen, nur dann haben wir eine Chance, die russische Zivilisation wiederauferstehen zu lassen.

Nur so können wir uns aus der Rolle des Aussätzigen befreien, in die wir uns selbst manövriert haben. Und einen würdigen Platz in der Geschichte der Menschheit einzunehmen.

Der Text wurde von Boris Reitschuster aus dem Russischen übersetzt.

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