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Igor Popialkovskii Headshot

"Ich werde euch töten": Ich werde in Russland bedroht und soll trotzdem abgeschoben werden

Veröffentlicht: Aktualisiert:
IGOR PAVEL
Privat
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Igor Popialkovskii und Pavel Tupikov sind vor drei Jahren aus Sankt Petersburg nach Bayern geflohen, weil Polizei und Nachbarn das schwule Paar drangsalierten. Doch trotz Todesdrohungen, Beschimpfungen und homophoben Gesetzen sollen sie Ende Juni nach Russland abgeschoben werden - Popialkovskii befürchtet das Schlimmste.

Ich hätte nicht glücklicher sein können, als ich Pavel vor fünf Jahren kennengelernt habe: Es war meine erste feste Beziehung. Bereits nach zwei Monaten entschieden wir uns zusammen zu ziehen in eine kleine Wohnung im Zentrum von Sankt Petersburg. Die Einraumwohnung wurde von mir gemietet.

Anfangs gab es keine Probleme mit den Nachbarn. Das änderte sich schlagartig, als sie mitbekamen, dass wir ein Paar sind.

Zuerst wurden die Hausbewohner unfreundlich, dann aggressiv. Jemand schrieb "Schwuchtel" an unsere Tür. Ein paar Tage später wurde Pavel von einem Nachbarn verprügelt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt fühlten wir uns nicht mehr sicher. Wir spürten täglich den Hass der anderen Bewohner.

Die russische Gesellschaft ist homophob

Doch umziehen? Unmöglich. In Russland ist es quasi ausgeschlossen, als homosexuelles Paar gemeinsam eine Wohnung zu mieten - selbst im sich offen gebenden Sankt Petersburg.

Zur Polizei gehen? Es ist naiv zu glauben, dass die Beamten helfen - im Gegenteil. Denn offiziell gibt es keine Diskriminierung, dennoch werden Schwule gezielt zu politischen Zwecken instrumentalisiert - beispielsweise mit dem "Gesetz gegen Homopropaganda".

Zudem ist Homophobie in der russischen Gesellschaft extrem verbreitet, viele halten Homosexualität für eine Krankheit. Bereits ein Kuss oder eine Umarmung kann zu Mord führen.

Aber erst der Vorfall Ende Februar 2014 zwang uns zur Flucht nach Deutschland:

Unser Nachbar hatte den Behörden gemeldet, dass wir ein "schlechtes Beispiel für die Kinder" seien. Ein Polizist kam zu uns und drohte: "Wenn ihr jetzt nicht abhaut, dann werde ich euch töten." Er gab uns ein Woche Zeit, aus meiner Wohnung zu verschwinden.

"Bereits ein Kuss oder eine Umarmung kann zu Mord führen."


Mein Bruder, der seit 14 Jahren in Deutschland lebt, riet mir, das Land so schnell wie möglich zu verlassen. Er ist der einzige in meiner Familie, zu dem ich noch Kontakt habe.

Seit März 2014 sind wir nun in Deutschland. Mehr als zwei Jahre mussten wir auf unsere erste richtige Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (Bamf) warten.

Allerdings waren wir nach dem Gespräch im Juli 2016 guten Mutes, dass unser Antrag bewilligt wird.

Einerseits machte uns der Bamf-Entscheider Hoffnung. Er war freundlich und sagte, er verstehe alles - fragte aber weder nach Papieren noch nach Dokumenten.

Andererseits hatte ich während des Asylverfahrens auch andere russische Schwule kennengelernt, die bereits in Nordrhein-Westfalen oder in Sachsen-Anhalt Asyl bekommen hatten.

Mein Ex-Freund wurde mit 22-Messerstichen ermordet

Aber im April kam für uns beide der Schock: Pavel und ich erhielten unsere Ablehnungsbescheide.

Für mich ist die Begründung des Bamf unfassbar: Das Gesetz gegen die sogenannte Homopropaganda sei keine Diskriminierung, in Russland gebe es kein Problem mit Schwulenrechten, die Verfolgung von Homosexuellen sei erträglich.

Vom Bamf kam auch der Vorschlag, dass wir doch in eine Großstadt ziehen könnten. Aber genau da kommen wir doch her! Und auch in Moskau oder Sankt Petersburg werden Schwule gejagt. Sie werden verprügelt, misshandelt oder gar getötet.

So wie mein Ex-Freund Dmitri. Er wurde vor einem Jahr bei einem Fake-Date in Sankt Petersburg ermordet. Der Täter stach 22 Mal zu.

Er wurde zwar festgenommen, aber vor Kurzem nur zur Minimalstrafe für einen Mord verurteilt - acht Jahre Gefängnis. Dabei hatte er offen zugegeben "die Welt von Schwulen reinigen" zu wollen. Und es gibt die Möglichkeit, dass er bereits früher entlassen wird, nach zwei oder drei Jahren. Das alles sind politische Zeichen.

"Auch in Moskau oder Sankt Petersburg werden Schwule gejagt."


Auch meine Freunde in Russland sagen mir, dass sich die Situation seit unserer Flucht drastisch verschlechtert hat. Sie müssen sich so gut wie möglich verstecken. In Tschetschenien gibt es sogar geheime Gefängnisse für Schwule. Die LGBT-Community hat Angst.

Mehr zum Thema: "Wie im Konzentrationslager": In einem russischen Gefängnis werden Schwule brutal gefoltert

Doch das alles interessiert die deutschen Behörden nicht.

Ich selbst kenne mindestens vier russische Schwule in Bayern, die Bescheide in fast demselben Wortlaut bekommen haben - mit Copy und Paste wird hier über unser Leben entschieden.

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Wir haben dagegen geklagt. Pavels Klage wurde sofort ohne Anhörung abgewiesen. Nun haben wir für ihn eine mündliche Verhandlung beantragt, um den Gerichtsentscheid zu widersprechen. Ich habe bisher noch keine Antwort vom Gericht bekommen.

Wenn der Richter die Entscheidung des Bamf bestätigt, werden wir am 26. Juni abgeschoben.

Und dann? Wir befürchten das Schlimmste.

Der Text wurde von Marco Fieber protokolliert.

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