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Wie ich alles hinter mir ließ und nach Hawaii ging

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MAN TRAVELLING
AleksandarNakic via Getty Images
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Gibt es die Selbstfindungsreise? Neulich hatte ich mit einem Kollegen ein intensives Gespräch über das Reisen und die damit verbundene Veränderung. Dabei ist mir erstmals richtig bewusst geworden, dass meine drei Monate in Hawaii mein Leben wohl am meisten geprägt haben und es noch heute tun.

Hawaii war meine Selbstfindungsreise. Mein Schmetterlingseffekt.

"Der Schlag eines Schmetterlingsflügels in dem Amazonas-Urwald kann einen Orkan in Europa auslösen. Kleine Ursachen, große Wirkungen. Ändere eine Sache, ändere alles. Das ist der Schmetterlingseffekt."

Neues Auto oder Hawaii

Es war das Jahr 2010 und ziemlich genau ein Jahr nach meinem allerersten Flug. Damals ging's nach Prag. Dazwischen war ich noch einmal in London, verliebte mich und jetzt sollte es ganz weit, weit weg gehen.

Nach der Ausbildung habe ich etwa 15.000 Euro gespart und spielte ganz verrückt mit dem Gedanken, mir einen geilen, neuen Audi zu kaufen. Ok, zumindest anzuzahlen.

Ich habe mir durch den Autokauf versprochen, dass mein Leben mit einem teueren Auto einfach besser sein muss. Ich werde mir eine coole Sonnenbrille aufsetzten, laut die Musik aufdrehen und damit Menschen imponieren, die ich nicht mal kenne.

Mehr zum Thema: Ich war ein Top-Verdiener - trotzdem habe ich alles hingeschmissen

Falls du im letzten Satz die bescheuerte Denkweise herausgelesen hast, gratuliere ich dir herzlich. Viele tun es nicht - ich habe das zum damaligen Zeitpunkt ebenfalls nicht kapiert.

Wenn du Autofan bist und es wirklich und ganz ehrlich nur für dich machst, dann habe ich nichts gesagt.

Persönlich wollte ich neben dem schönen Auto auch ein bisschen mein Englisch verbessern. Deshalb machte ich mich auf den Weg zu Boalingua um mir ein paar Vorschläge über Sprachaufenthalte zu holen.

Zuerst sollte es nach Australien gehen. Doch da ich von Juni bis August verreisen wollte und da kein Sommer auf dem fernen Kontinent ist, habe ich mich umentschieden. Es sollte in die USA gehen.

"New York? Uff, teuer und stressig - aber bestimmt geil! Los Angeles? Geil, ich will da hin! Aber nicht zu diesem Preis!"

Dann sah ich auf der Karte weiter westlich diese kleinen Punkte, welche die Inselgruppe von Hawaii darstellen sollten. Das wird es sein!

Materialismus oder Selbstfindung

Ich war voller Euphorie. Tatsächlich habe ich mich gegen den materiellen Konsum entschieden und verreise nun für drei Monate ganz weit weg. "Drei Monate? Und das alleine? Respekt!"

Bei der Buchung habe ich mir nicht so viele Gedanken darüber gemacht, aber ja. Ich werde alleine 20 Flugstunden auf mich nehmen und mich in Hawaii einnisten.

Das war er, der wohl größte Schritt in meinem Leben.

Mit dieser Reise habe ich mich damals gegen den Konsum und für die Selbstfindungsreise entschieden. Das war mir zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst.

Für mich ohne Alkohol bitte

Hawaii war so eine verdammt geile Zeit - ich werde sie nie vergessen.

Meine Gasteltern waren die liebsten Menschen der Welt. Ein altes Ehepaar in Rente. Er, ein Japaner aus Hawaii und sie, eine Jüdin aus New York. Großartige Menschen!

Ebenfalls die Partynächte und der Spaß bleiben unvergesslich. Meine neuen Schulfreunde und ich hatten großartige Partys gemeinsam durchgefeiert.

Es floss dabei viel Alkohol!

Und genau wegen diesen großartigen Nächten mit viel Alkohol startete ich nach meiner Reise ein kleines Experiment. Ich wollte mal für eine Weile komplett auf Alkohol verzichten. Ich war nie der große Trinker. Eigentlich ziemlich der normale Durchschnitt. So wie die Leute, die man jeden Samstagabend im Nachtleben antrifft.

Nun, das Experiment hat sich etwas in die Länge gezogen.

Seit September 2010 trinke ich keinen Schluck Alkohol und lebe damit großartig. Ich habe überhaupt keinen Bedarf danach und fühle mich total gesund.

Klar wollten mich zu Beginn viele noch dazu überreden, doch noch ein Schlückchen zu nehmen. Mittlerweile hats auch der Hartnäckigste aufgegeben.

Hang Loose Lifestyle

"I'm not late - I'm on Hawaiian time!"

Dieser Spruch beschreibt das Leben in Hawaii wohl am besten. Hier gibt es keinen Stress. Es kann durchaus vorkommen, dass du auf deinen Bus mal eine halbe Stunde wartest. Oder er überhaupt nicht mehr kommt.

"Hang Loose!"

Auf Hawaii genießt man das Leben und feiert es in seiner Schönheit. Ich liebe diese Einstellung und versuche diese noch heute möglichst oft an den Tag zu legen.

Ist immer wieder lustig anzuschauen, wie sich manche Menschen aufregen, wenn der Zug ein paar Minuten Verspätung hat. Aber das ist allgemein ein Problem unserer gestressten, westlichen Welt.

Auf keinen Fall möchte ich behaupten, dass ich immer cool bleiben kann. Doch wenn es brodelt, versuche ich mich zu erinnern, wie es der Hawaiianer in mir wohl machen würde.

Es wird sich sowieso kein Problem lösen, nur weil du jetzt schlecht gelaunt bist. Das Leben ist viel zu schön, um sich unnötig aufzuregen.

Auch im Paradies wie Hawaii ist nicht alles blendend. Hier gibt es in der Stadt viele Obdachlose. Genau das zeigt mir, wie gut es mir eigentlich schon geht und dass ich nicht wegen jeder Kleinigkeit unzufrieden sein sollte.

Der innere Adrenalinjunkie

Während meines Aufenthalts in Hawaii lernte ich ganz neue Seiten an mir kennen.

Aus irgendwelchen, mir unerklärlichen Gründen meldete ich mich fürs Fallschirmspringen an. Und weil mir das nicht genügte, ging ich am nächsten Tag noch auf Tuchfühlung mit den Haifischen.

Ich hätte nie von mir gedacht, dass ich das jemals durchziehen würde. Dass ich überhaupt zu sowas fähig bin. Es waren unvergessliche Erfahrungen die mir zeigten, dass ich noch unentdeckte Eigenschaften an mir habe. Nur in solchen Situationen entkommst du deiner Komfortzone und entwickelst dich weiter.

Von diesen neuen Erfahrungen habe ich bereits bei der Nominierung zum "Liebster Award" geschrieben.

Einsamkeit ist großartig

Mit Freunden reisen ist eine unglaublich schöne Erfahrung. Und dennoch wäre ich auf der sozialen Ebene nicht so gewachsen, wenn ich in Hawaii nicht alleine gereist wäre. Klar, du lernst schnell mal neue Menschen kennen. Vorerst sind das aber alles Fremde.

Durch den Entscheid alleine in der weiten Welt zu reisen, war ich fast schon gezwungen, auf Menschen zuzugehen. Ausser es würde mir nichts ausmachen, ganz zu vereinsamen.

Ich lernte großartige neue Menschen kennen und mit manchen von ihnen habe ich immernoch guten Kontakt. Manchmal treffen wir uns, trinken was und schwärmen von den guten, alten Zeiten.

Alleine unterwegs zu sein ist nicht nur großartig um deinen Freundeskreis zu erweitern. Es ist wirklich notwendig einfach mal alleine zu sein. Einfach mal niemanden zum reden zu haben, um genau in solchen Momenten über die eigene Existenz nachzudenken. Der Hauptbestandteil einer Selbstfindungsreise.

Zeit zum Nachdenken

Es braucht im Leben Momente, in denen du fast schon vor Langeweile stirbst. Wir Menschen neigen stark dazu, uns immer abzulenken. Sobald es einen leeren Augenblick gibt, zücken wir das Smartphone um einfach etwas zu machen.

Das ist sowas von falsch!

Wie willst du dich selbst kennenlernen, wenn du deinem Geist nicht die Möglichkeit gibst einfach frei zu sein? Stattdessen pumpst du ihn mit irgendwelchen unnötigen Informationen und Ablenkungen voll, welche dich nicht wirklich im Leben weiterbringen.

Genieße die Einsamkeit. Höre den Wellen beim Rauschen zu. Schau, wie die Sonne untergeht. Beobachte die Möwen. Staune über das Kleinkind, das nicht aufgibt, bis die Mutter endlich die Süßigkeiten in den Warenkorb legt.

Nimm verdammt noch mal die Umwelt wahr!

Sucht nach Reisen

Hawaii hat mein Leben in eine völlig andere Bahn gelenkt. Seitdem bin ich süchtig nach Reisen. Ich liebe es, die Welt für mich zu entdecken und Menschen kennenzulernen, neue Erfahrungen zu machen und ständig an mir zu arbeiten. Das alles macht wirklich Spaß.

Diese Reise war mein Schmetterlingseffekt zu dem Mensch, der ich heute bin.

Klar, ich bin jemand, den die persönliche Selbstentwicklung schon immer stark interessiert hat. Nicht jeder Mensch würde mit der exakt gleichen Erfahrung die gleichen Schlüsse ziehen. Nicht jeder Mensch ist für das Thema Selbstfindung gleich empfänglich.

Ich liebe es ebenfalls, Bücher über Selbstfindung zu lesen. Die zeigen mir, dass ich nicht alleine auf der Welt bin und andere die gleichen Gedanken haben.

Yes! Ich bin nicht alleine auf diesem Planeten.

Die bestimmte Reise

Bei mir war es Hawaii. Bei dir kann es eine völlig andere Reise sein. Es gibt nicht den einzig wahren Ort für eine Selbstfindungsreise! Ich nehme mir die Freiheit zu behaupten, dass es vielmehr um die Erfahrungen während der Reise geht, als um den Ort selbst.

Bei meiner kleinen Weltreise quer durch Dubai, Australien, Fidschi und Hong Kong habe ich mindestens genau soviel Neues über mich gelernt wie auf Hawaii.

Mit dem Camper zu reisen war ebenfalls eine großartige Erfahrung über das Leben auf engstem Raum.

Unglaublich, wie wenig der Mensch braucht um einfach glücklich zu sein.

Stets auf der Suche

Ob ich immer noch auf der Suche nach mir selbst bin? Nein! Ich bin nie in ein Flugzeug gestiegen um mich selbst zu finden. Es ist vielmehr einfach ein schöner Nebeneffekt.

Reisen ist der schönste Weg zur Selbstfindung - lass es zu!

Ich werde mich auch in der Zukunft in fremde Länder begeben. Mich neuen Gefahren aussetzen. Aus meiner Komfortzone ausbrechen müssen. Es wird nicht immer alles perfekt laufen und genau das ist das großartige daran.

Fazit

Ohne Hawaii hätte ich jetzt sehr wahrscheinlich einen schönen Audi, der mittlerweile auch nicht mehr der neuste wäre. Ich liebe schöne Autos, immer noch. Das ist irgendwo tief in den Genen verankert. Aber ich kaufe mir sie nicht.

Materielle Dinge machen dich sowieso nur kurzfristig zufrieden. Bis du dich an sie gewöhnt hast - dann wirst du wieder auf die Suche gehen.

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Ich wüsste nicht, wer ich wirklich bin, sondern wäre ein Produkt meiner Umgebung und der Medien. Auf Partys würde ich immer noch Alkohol konsumieren - weil es halt alle so machen.

Wahrscheinlich würde es auch diesen Blog nicht geben und ich wäre ein ganz normaler Urlauber, der sich auf seine zwei Wochen im Sommer freut.

Auf keinen Fall möchte ich das alles schlecht heißen. Und ernsthaft - wer bringt die Wirtschaft voran, wenn alle so denken würden wie ich?

Finde für dich heraus, was du im Leben möchtest! Finde heraus, wer du wirklich bist!

Dieser Beitrag erschien zuerst auf meinem Blog 7 Kontinente.

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