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Die von Hass besessene Macht

11/08/2017 17:01 CEST | Aktualisiert 11/08/2017 17:03 CEST
Alessandro Garofalo / Reuters

Putins Freund und ehemaliger Leiter der Wahlkampagne, der Dollarmilliardär und Rektor der Hochschule für Bergbau, Wladimir Litwinenko, entführte das Kind seiner Tochter Olga, um es später entgegen dem Willen der Mutter illegal zu adoptieren.

Laut Olga, "fasste er den Entschluss, persönlich seine Nachfahren im Geiste der russischen patriotischen Hauswirtschaft zu erziehen". Vielleicht wollte er im Alter noch ein Kind haben. Es selbst zu zeugen war wohl zu spät, so nahm er es seiner ungeliebten Tochter weg.

Sie war zwar Abgeordnete der gesetzgebenden Versammlung in Sankt-Petersburg, gegenüber der Willkür ihres allmächtigen Vaters war sie jedoch hilflos. Vier ihrer Kollegen wurden wegen fabrizierter Straftaten hinter Gitter gesteckt. Sie selbst sah sich gezwungen, mit ihren anderen Kindern nach Polen zu ziehen.

Er schreckte vor Gewalt nicht zurück

Dort berichtete sie viel Interessantes über ihren Vater, einen typischen Vertreter herrschender Putin-Eliten. Für ihn sind Kinder eine Art "Immobilie": gefallen sie ihm, nimmt er sie einfach an sich. Olga berichtet, ihrem Vater sagte Machtdemonstration schon immer zu.

Dabei schreckte er vor Gewalt nicht zurück. Er wollte sogar Sicherheitspersonal verprügeln. Diese uneingeschränkte Macht bekam er, als er die erste Wahlkampagne Putins anführte.

Wenn ein Mensch viel Geld habe, so Olga, wendet sich der eine der Religion zu, der andere wird zum Sammler. Dies ist das ewige psychologische Syndrom. "Bei meinem Vater sublimierte sich anscheinend alles in Hass".

Litwinenko Senior gehört zu typischen Vertretern des Putinschen Machtkerns, der von Hass und Gewalt besessen ist. Man behandelt Menschen, als sei es ihr Eigentum. Jeder Lust zuliebe ist man zu Gewalttaten bereit.

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Ich habe dieses Phänomen, den psychologischen Typ der heutigen Hausherren Russlands, im Buch "Das System Putin" beschrieben. Es ist letztes Jahr in München auf deutsch erschienen. Unter russischen Herausgebern hatte niemand den Mut dazu.

Ich konnte sie nie ertragen, schon physisch nicht. Diese Männer in grauen Mänteln und grauen Anzügen. Sie haben einen harten, stechenden Blick und eine Vorliebe für dreckige Witze und Lösungen unter Zuhilfenahme von Gewalt.

Sie fürchten und achten ihre Vorgesetzten, erniedrigen jedoch gerne ihre Untergebenen und Menschen, die von ihnen abhängig sind. Sie verachten höhere Bildung, denn in ihren Augen ist sie ein Zeichen von Schwäche. In ihrem Leben gibt es keine Kreativität, keinen Forscherdrang, keine herausstechenden Aktionen.

Sie folgen unentwegt den herrschenden gesellschaftlichen Normen und akzeptieren kritiklos alles, was ihre Vorgesetzten gutheißen, was als allgemein anerkannt und üblich gilt. Sie genießen es, sich ihre Umgebung gewaltsam zu unterwerfen.

Sie hassen sexuelle Minderheiten

Diese Leute halten alle Menschen, die anders sind als sie, grundsätzlich für nicht vollwertig. Sie selbst sind patriotisch und fremdenfeindlich gesinnt. Sie hassen sexuelle Minderheiten und haben ein sexistisches, abschätziges Verhältnis zu Frauen.

Ausländer sind für sie 'komische Halbmenschen': dämliche Amis, europäische Schwuchteln, 'Gayropäer', Kanaken - so bezeichnen sie Vertreter anderer Nationalität und Herkunft.

Sie sind überzeugt von ihrer eigenen nationalen und kulturellen Überlegenheit und von der Richtigkeit ihrer Ansichten. Stolzerfüllt und dünkelhaft, weil sie das Glück haben, russisch-othodoxe, heterosexuelle, physisch gesunde Männer zu sein.

Die Psychologie bezeichnet solche Menschen als autoritäre Persönlichkeiten. Genau auf diesen Menschentyp stützt sich die Herrschaft der russischen Bürokratie. Er ist am häufigsten unter den russischen 'Staatsdienern' vertreten, unter all jenen Vorgesetzten, Militärs, Spezialkräften und Polizisten. Er bildete sich bereits im zaristischen Russland heraus und wurde während Stalins Terrorherrschaft gestählt und geschliffen.

Unter wütenden Zuckungen und Windungen überlebte er das fröhliche Chaos der Perestroika. Die Epoche Putins aber wurde sein Goldenes Zeitalter. Ich erkenne die Gesichter autoritärer Menschen auf Anhieb, ganz gleich, wo ich auf sie stoße. Ich fürchte und hasse sie. Sie riechen nach Gewalt.

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Der Polizist auf der Straße kann dich schikanieren, festhalten, verprügeln. Der Offizier oder Feldwebel der Armee will aus dir seinen rechtlosen Sklaven machen.

Der Beamte versucht dich zu demütigen und dich zu zwingen, ihm für die Möglichkeit, ihn zu schmieren, dankbar zu sein. Der Chef will deine Individualität unterdrücken und dich zum Schräubchen seiner korporativen Maschinerie machen.

Autoritäre Personen sind Feinde der Kultur. Sie ersetzen Kultur durch Gewalt, die sie unter vorgetäuschter Frömmigkeit verschleiern; zu Zeiten der Sowjetunion trugen diese Leute die gleiche aufgesetzte Ergebenheit gegenüber der kommunistischen Ideologie zur Schau. Viele von ihnen misshandeln ihre Kinder und Frauen, aber bekreuzigen sich vor jeder Kirche.

Bigotterie verbindet sich bei ihnen mit Habgier und dem Hang zu primitiven sinnlichen Genüssen. Ihre Schwächen: Schwitzbad, Wodka, Völlerei, Prostitution, Schaukelstuhl, Fußball im Fernsehen. Sie lieben Macht und Geld, denn nur diese beiden Dinge können sie vor Demütigung bewahren und geben ihnen die Möglichkeit, andere zu erniedrigen.

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Die russischen Medien bringen ständig Reportagen über Folter und Vergewaltigung, über das Verprügeln von Festgenommenen und Häftlingen durch die Polizei. Normalerweise bleiben die Täter in Uniform - vor Allem wenn sie einen hohen Rang bekleiden - von harten Strafen verschont, selbst in Fällen, die große öffentliche Aufmerksamkeit erhalten.

Ein Großindustrieller erzählte mir, was er selbst von seinen Partnern, einflussreichen Mitarbeitern des FSB, die für seinen 'Schutz' zuständig waren, über ein grauenvolles traditionelles Ritual erfahren hatte, das in der Führung des FSB üblich war.

Demnach begehen die dortigen Generäle jedes Jahr den Tag des Tschekisten mit einer Jagd auf Moskaus Straßen und der Gruppenvergewaltigung eines Mädchens.

So etwas klingt nach finsterem Fieberwahn, aber allein die Tatsache, dass solche Gerüchte kursieren, ist höchst charakteristisch. Die Russen zweifeln nicht im Geringsten an der primitiven Brutalität der 'Männer in Grau', an ihrer Bereitschaft, jegliches Verbrechen zu begehen, und vor allem an ihrer vollständigen Straffreiheit, besonders wenn sie aus der Leitung der jeweiligen Dienste stammen.

Am 31. Dezember 1999 schaltete ich den Fernseher an und erblickte auf dem Bildschirm einen 'Mann in Grau'. Es handelte sich um den neuen Präsidenten meines Landes, den ehemaligen KGB-Funktionär Wladimir Putin. Und ich begriff, dass dem Land und mir persönlich schwere Prüfungen bevorstanden.

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