BLOG

Eine offene Plattform fĂĽr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Igor Eidman Headshot

"Orthodoxe Dschihadisten" bedrohen Russland - nun richtet sich ihr Hass gegen einen Kinofilm

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ORTHODOXER
dpa
Drucken

In den Morgenstunden rast ein mit Gasbehältern beladenes Fahrzeug in ein beliebtes Kino in Jekaterinburg. Danach fliegen Molotowcocktails in das Gebäude. Der Fahrer will das Auto anzünden.

Es kommt GlĂĽcklicherweise nicht zu einer Explosion, auch bei dem Brand wird niemand verletzt.

Dies ist keine weitere Tat islamistischer Terroristen in Russland. Am Steuer des Fahrzeugs saß ein orthodoxer Fanatiker. Er protestierte gegen die Vorführung des Films „Matilda".

Der Filmstart des russischen Historiendramas ist zwar erst am 25. Oktober. Doch bereits seit Monaten laufen orthodoxe Christen Sturm gegen das aus ihrer Sicht „blasphemische" Werk.

Der Film erzählt die Liebe des letzten russischen Zaren Nikolai II. (gespielt vom deutschen Schaupsieler Lars Eidinger), von der Russischen Orthodoxen Kirche heilig gesprochen, und der Ballerina Matilda Kschessinskaja.

Anleihen beim Islamischen Staat

Kurz nach diesem Terrorakt äußerte sich Alexander Kalinin in der Presse. Er ist Anführer der Organisation „Christlicher Staat - Heilige Rus" - schon der Name ist eine Anleihe bei der Terrormiliz Islamischer Staat.

Kalinin bedrohte den Regisseur des Films, Alexej Utschitel. Die Orthodoxen könnten ihn seiner Meinung nach „aufspießen" und ihm „Arme und Beine brechen".

Mehr noch: Aktivisten des „Christlichen Staates" versandten russlandweit Schreiben an Kinos. Sie warnten, dass die Filmtheater bei einer Ausstrahlung von „Matilda" „brennen würden". Kalinin behauptet, seine Organisation zähle mehr als viertausend Mitglieder.

Die beiden größten Kinoketten Russlands haben bereits angekündigt, den Film wegen Sicherheitsbedenken nicht zu zeigen. Selbst Hauptdarsteller Lars Eidinger hat Angst um seine Sicherheit und reist deswegen nicht zur Premiere nach Russland.

➨ Mehr zum Thema: Wladimir der Große: Die orthodoxe Kirche in Russland will die Monarchie wiedereinführen

Der gute Osten gegen den verdorbenen Westen

Der aggressive Protest gegen den Film „Matilda" ist nur ein Teil einer wachsenden Bewegung, die man als "orthodoxen Dschihad" bezeichnen könnte: Die christlichen Fanatiker verüben Angriffe auf LGBT-Aktivisten, Ausstellungen zeitgenössischer Kunst oder liberale Kulturschaffende und Journalisten.

Ähnlich wie bei den Islamisten unterteilen sich im Weltbild der „orthodoxen Dschihadisten" alle Menschen in „rechtgläubige" (also sie selbst) und Feinde des „wahren Glaubens".

Ihnen zufolge widersetze sich die einzig wahre orthodoxe Zivilisation - Russland - der restlichen Welt. Denn diese sei "absolut geistlos" und dort grĂĽnde sich "alles auf materiellen Werten".

Nach Meinung von Führern des „orthodoxen Dschihad", darunter der ehemalige Kämpfer und spätere „Kriegsminister" im Donbass, Igor Girkin, sei zwischen der wahren „Russischen Welt" und dem verdorbenen Westen ein militärischer Zusammenstoß unausweichlich.

Zudem seien alle ehrlichen russischen Menschen dazu verpflichtet, daran teilzunehmen. Die neuen „Dschihadisten" fürchten sich auch nicht vor einem Atomkrieg.

Das Einzige wovor sich der Erzpriester Dmitrij Smirnow, einer ihrer Ideologen, fürchtet, ist, dass sich niemand findet, der „Manns genug wäre, den Atomknopf zu drücken". Das „Volk sei ja schließlich geistig verfallen".

Aufstieg der "orthodoxen Dschihadisten" unter Putin

In den 1990er Jahren befanden sich die orthodoxen Fundamentalisten in Russland am Rande des gesellschaftlichen Lebens. Doch unter Präsident Wladimir Putin begann ihr Aufstieg.

Denn mit ihm kam auch der am stärksten militärisch gestimmte Teil der russischen Elite an die Macht kam, die sogenannten „Silowiki", Vertreter der Gewaltorgane.

Viele dieser „Falken" kommen aus den Geheimdiensten. Ihnen wurde der Hass auf die westlichen, demokratischen Werte noch während des Dienstes im sowjetischen KGB eingeimpft.

Die Dienste der „orthodoxen Dschihadisten" kamen ihnen im vor allem im Konflikt mit der Ukraine sehr gelegen. Unter der Aufsicht russischer Geheimdienste schufen die Klerikalen die „Russische orthodoxe Armee des Donbass" und andere separatistische Formationen.

Der von Russland unterstĂĽtzte Krieg in der Ostukraine und die Annexion der Krim wurden zu wahren Reservaten des orthodoxen Fundamentalismus.

Folglich ist es auch wenig verwunderlich, dass die ehemalige Generalstaatsanwältin der Krim und heutige Abgeordnete Natalja Poklonskaja zu den Wortführern der Kampagne gegen "Matilda" zählt. Poklonskaja sitzt für Putins Partei "Einiges Russland" im russischen Parlament.

Aufstieg der "orthodoxen Dschihadisten" unter Putin

Parallel zur steigenden Aktivität orthodoxer Fanatiker schuf Putin Statthalter in den Regionen. So wie in Tschetschenien, wo Ramsan Kadirow die Republik faktisch in einen islamistischen Staat verwandelte.

Der Verkauf von Alkohol ist dort verboten, Frauen, die ihre Haare nicht bedecken, werden verprügelt, und Schwule landen in geheimen Foltergefängnissen und werden umgebracht.

➨ Mehr zum Thema: Ein russischer Bericht zeigt das ganze Grauen, das Homosexuelle in Tschetschenien durchmachen mussten

Vor kurzem versammelten sich Tausende von Menschen, viele von ihnen bewaffnet, in Tschetscheniens Hauptstadt Grosny, um Myanmar wegen der Verfolgung von Muslimen mit dem Dschihad zu drohen.

Warum lässt Putin das zu?

► Erstens passen die religiösen Fanatiker sehr gut in sein Regime, das eine Wende zu einem praktisch mittelalterlichen ideologischen Archaismus vollzogen hat.

â–ş Und zweitens kommt ihm die Aktivierung verschiedener Arten der klerikalen Extremisten einfach gelegen.

Denn vor ihrem Hintergrund erscheint er fast wie ein Liberaler. Im Inneren Russlands richten sich die Augen der verängstigten Mittelschicht auf ihn wie auf den einzigen Garanten von Stabilität.

Man beginnt, ihn auf diese Weise auch im Westen wahrzunehmen. Im Inneren wie auch außerhalb des Landes hört man immer häufiger Stimmen: „Wenn Putin geht, wird es noch schlimmer."

"Ohne Putin gibt es Krieg"

Im Vorfeld der nächsten Präsidentschaftswahlen beschwören die Machthaber aktiv das Land und die Welt: „Ohne Putin gibt es Krieg, nur seine harte, autoritäre Macht sei imstande, Extremisten jeglicher Couleur im Zaum zu halten."

Aber all das ist reine Propaganda.

Das Problem liegt darin, dass in Russland die Extremisten schon lange im Machtapparat sitzen.

Diejenigen, die Außen- und Verteidigungspolitik bestimmen, denken in etwa so, wie die „orthodoxen Dschihadisten". Die ideologische Weltauffassung Putins und seines Umfelds basiert auf der Theorie des ewigen Gegensatzes zwischen Russland und dem Westen.

Demzufolge ist Russland das Bollwerk der traditionellen Werte und der Moral, das auf dem orthodoxen Glauben grĂĽndet. Deshalb wolle der Westen, selbst im sĂĽndigen Humanismus und in homosexueller Unzucht versunken, diese letzte Bastion christlicher Traditionen vernichten.

Genau diese „dschihadistischen" Stimmungen verleiteten die russischen Machthaber zur Aggression gegen die Ukraine, die eine proeuropäische Revolution vollbracht hatte, und zur Intervention in Syrien.

Der Kreml befasst sich aktiv mit dem Export des „orthodoxen Dschihadismus" nach Europa.
Russische Geheimdienste und mit ihnen verbundene Strukturen der Russischen Orthodoxen Kirche unterstützen fundamentalistische Bewegungen in der globalen Orthodoxie und nutzen diese für einen verstärkten Einfluss und umstürzlerische Operationen im Ausland.

Ein besonders krasses Beispiel dafür ist der Versuch eines Umsturzes in Montenegro, den Mitarbeiter der russischen militärischen Aufklärung mit aktiver Unterstützung des bekannten Sponsors des „orthodoxen Dschihads" und Oligarchen Konstantin Malofeew zu organisieren versuchten.

Aber besonders gefährlich ist in dieser Situation nicht so sehr die umstürzlerische Tätigkeit der „neuen Dschihadisten". Viel schlimmer ist die Tatsache, dass die Verstärkung des Einflusses ihrer Ideen die russische Elite zu einem abenteuerlichen außenpolitischen Kurs verleitet, der das Risiko eines Weltkriegs steigert.

Der Text wurde von Olessia Struk aus dem Russischen ĂĽbersetzt.

____

Lesenswert:

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2017-03-08-1488965563-6721107-iStock482232067.jpg

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die HuffPost ist eine Debattenplattform fĂĽr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blog-Team unter blog@huffingtonpost.de.

googletag.pubads().setTargeting('[cnd=cld]').display('/7646/mobile_smart_us', [300, 251],'wxwidget-ad');