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Ich wurde vergewaltigt - und meine Therapeuten gaben mir die Schuld

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In meinem Leben habe ich schon vieles erlebt, was ich niemandem wünsche, nicht mal meinem schlimmsten Feind. Durch die meisten Erlebnisse habe ich mich allein durchgekämpft, hab immer an den Silberstreifen am Horizont geglaubt.

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Nur als ich Opfer einer Sexualstraftat wurde, hab ich es nicht mehr alleine geschafft. Ich verlor jeden Glauben an mich, an das Leben und an die Menschen. Nicht nur wegen der Tat selbst, sondern auch wegen des Verhaltens der Menschen um mich herum danach.

Ob es nun Freunde, Familie, Behörden oder gar Therapeuten waren - aus jeder Reihe habe ich Sachen gehört, die mehr als erniedrigend und entmutigend waren, die den Selbsthass und die Schuldgefühle nur schürten, anstatt mir auf die Beine zu helfen.

Aber meine Geschichte zeigt nicht nur ihr Versagen, sondern auch die Vorurteile gegenüber Frauen, die im emanzipierten, ach so modernen Deutschland im Jahr 2017 immer noch kursieren.

Nein heißt Nein!


Der Täter war ein Freund einer Bekannten von mir, ich hatte ihn schon öfter gesehen und als er mich fragte, ob wir zusammen spazieren gehen wollen, weil wir im selben Viertel wohnten, habe ich mir nichts dabei gedacht. Auch nicht, als er mir währenddessen erzählte, er wäre in seiner Jugend wegen Fremd- und Eigengefährdung in einer Klinik gewesen.

Ich kannte die Hintergrunde nicht und hüte mich normalerweise davor, über jemandem zu urteilen, ehe ich die Person ganz kenne. Es war eigentlich nett, nur hatte ich ein komisches Bauchgefühl, als er mich fragte, ob ich noch mit zu ihm will. Ich konnte mir dieses Gefühl nicht erklären und entschied mich dagegen, darauf zu hören. Doch das hätte ich besser nicht getan.

Ich verlor jeden Glauben an mich, an das Leben und an die Menschen. Nicht nur wegen der Tat selbst, sondern auch wegen des Verhaltens der Menschen um mich herum danach.


Was dann geschah, möchte ich nicht wirklich ausschmücken. Nur so viel sagen, dass er Dinge mit mir tat, die ich nicht wollte. Dass ich "Nein" gesagt habe, dass ich ihm sagte, er solle aufhören.

Dass er meine Hände festhielt, viel größer und stärker war als ich, dass ich irgendwie versuchte, das Ganze möglichst unbeschadet zu überleben, dass ich es irgendwann nur noch weinend über mich habe ergehen lassen. Dass mir nichts Besseres einfiel, was ich hätte tun können.

Nachdem es vorbei war und ich endlich Zuhause und in scheinbarer Sicherheit war, schrieb er mir eine Nachricht, dass er den Abend mit mir genossen habe. Ich war fassungslos. Ich fragte mich, ob er ernsthaft gedacht hatte, ich hätte das gewollt. In mir stieg Wut auf. Ich antwortete ihm, dass Nein Nein heißt. Dass ich das nicht wollte. Dass er gefälligst meine Nummer löschen sollte.

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Ich habe zwar nie wieder etwas von ihm gehört. Allerdings dachte ich noch in derselben Nacht, er würde vor meiner Tür stehen. Die Angst, die ich in diesem Moment hatte, war unbeschreiblich groß, ich war regelrecht hysterisch und rief umgehend die Polizei. Und damit verschlimmerte sich mein Albtraum.

Selbstzweifel, Scham und Angst nach der Tat


Ich will nicht sagen, dass alle sich falsch verhalten haben. Die erste Polizistin kümmerte sich wirklich rührend um mich, legte eine Decke um mich, weil ich so sehr zitterte, legte den Arm um mich. Ich bin ihr heute noch dankbar dafür und wünschte, ich könnte mich an ihr Gesicht oder ihren Namen erinnern, um ihr zu sagen, wie gut das damals tat. Aber nicht alle waren so.

Der Kripo-Beamte, der später kam, fragte mich, ob ich sicher Nein gesagt habe. Ob ich nicht vielleicht durch mein Verhalten dafür gesorgt habe, dass der Täter dachte, ich hätte das gewollt. Seine Kollegin, die neben mir saß, sah ihn entsetzt an und schüttelte den Kopf.

Ich weinte immer noch. Ich war so am Boden, dass ich mir selbst nicht mehr sicher war, ob er Recht hatte. Ich weiß, ich hatte Nein gesagt, aber war mein Nein wirklich genug gewesen? Hätte ich nicht laut schreien und schlagen müssen?

"In den Köpfen vieler Menschen scheint immer noch das Bild vorzuherrschen, dass man mit einer Frau machen könne, was man will. Dieser Gedanke widert mich an."

Wäre das besser gewesen oder hätte es die Situation verschlimmert? Hätte der Täter dann noch gewaltsamer reagiert? Ich weiß es nicht und ich werde es nie erfahren. Sicher musste der Kripo-Beamte nachhaken, aber ich hatte ihm doch schon mehrfach erzählt, dass ich wiederholt Nein gesagt habe. Wieso musste er diese Selbstzweifel in mir schüren? Ein einfaches, schlichtes Nein muss doch ausreichen!

Eigentlich wollte ich den Täter zuerst gar nicht anzeigen und ich rief damals nur die Polizei, weil ich in meiner Panik dachte, er stünde vor meiner Tür. Zum einen fürchtete ich, dass dass man mir vielleicht nicht glauben würde, und dass immer wieder Fragen über mich ergehen lassen und somit diesen Abend dauernd wieder durchleben müsste.

Dabei wollte ich doch nur vergessen. Und zum anderen war da noch diese Angst vor seiner Rache, dieses Schamgefühl und diese Selbstzweifel.

Vergewaltigung - keine Frage der falschen Kleidung


Die ersten paar Monate habe ich es tatsächlich geschafft, mein normales Leben weiterzuführen - bis ich meine erste Panikattacke bekam. Wenn man versucht zu verdrängen, ist es oft so, dass einen das irgendwann einholt. Und zwar noch schlimmer, als wenn man sich gleich damit beschäftigt hätte.

Ich litt unter so schlimmen Angstzuständen, dass ich nicht mehr in der Lage war, meinen Nebenjob, meine Ausbildung oder gar meinen Alltag zu bewältigen. Die ambulante Therapie, die ich bereits vorher begonnen hatte, reichte nicht mehr aus. Also ging ich in eine psychosomatische Klinik, die auf Angstpatienten spezialisiert ist. Dort, so dachte ich, würde man mir helfen. Aber ich habe mich geirrt.

Die Therapeutin, die ich in den Einzelsitzungen hatte, fragte, nachdem ich ihr von der Tat erzählte, explizit nach der Anzahl meiner vorherigen Sexualpartner, ob ich Nein gesagt habe und ob ich mich oft aufreizend kleide.

Dann erzählte sie mir eine Geschichte von einer früheren Patientin, die immer kurze Röcke trug und ihrer Meinung nach mit den männlichen Patienten flirtete. Sie sagte, dass sie sich nicht wundern würde, wenn dieser Patientin etwas Ähnliches wie mir zugestoßen sei.

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Ich war zuerst fassungslos und wollte ihr sagen, wie daneben ihre Aussage war. Das Vertrauen zu ihr war zerstört. In diesem Moment sehnte ich mich furchtbar nach meinem Therapeuten, bei dem ich vor der Klinik war, weil ich wusste, er würde so etwas nie sagen oder auch nur denken.

Ich ging prompt zum Chefarzt und bat um einen Therapeutenwechsel. Der schien jedoch der gleichen Ansicht wie die Therapeutin zu sein und sagte nur, er würde ein "Ärztehopping" nicht unterstützen.

Denn kein Mann der Welt hat das Recht über euren Körper zu bestimmen und das dürfen wir uns als Frau nicht mehr einreden lassen.


Es wirkte auf mich, als sei man in der Klinik der Ansicht, ein Opfer habe sich alles selbst zuzuschreiben und müsse das endlich einsehen. Denn auch in der Gruppentherapie wurde mir immer wieder durch die Blume gesagt, ich sei einfach nicht in der Lage gewesen, meine Bedürfnisse klar zu äußern.

Als wäre eine Frau selbst schuld, weil sie das falsche trägt oder die falschen Signale sendet. In den Köpfen vieler Menschen scheint immer noch das Bild vorzuherrschen, dass man mit einer Frau machen könne, was man will. Dieser Gedanke widert mich an.

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Am Ende meines Aufenthaltes in der Klinik war ich gefühlt noch labiler. In dem Bericht wurde aus einer traumatisierten Angstpatientin eine nicht therapierbare Borderlinepatientin mit extremen Anpassungsschwierigkeiten. So schnell kann das gehen.

Gut, dass nicht alle Therapeuten, Psychologen und Psychiater so sind und viele den Patienten wirklich helfen wollen und können.

Täter anzeigen und Selbstbewusstsein stärken


Nachdem meinen Erfahrungen kann ich verstehen, warum so viele sexuelle Übergriffe nicht angezeigt werden. Ich kann verstehen, dass sich so wenige Opfer Hilfe suchen, dass manche es niemandem erzählen und manche am Ende daran sogar zerbrechen. Ich kann es verstehen, auch wenn wenn ich das für einen Fehler halte

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Trotz allem sollte man sich trauen, die Täter anzuzeigen. Denn kein Mann der Welt hat das Recht über euren Körper zu bestimmen und das dürfen wir uns als Frau nicht mehr einreden lassen. Wir haben ein Recht und wir müssen davon Gebrauch machen.

Ich habe neben all den schlechten Erfahrungen und dummen Kommentaren immer noch so viele Menschen um mich gehabt, die da waren, die mich verstanden haben. Die mir ihre Hand gereicht haben. Die mir geholfen haben. Diese Menschen gibt es immer wieder.

Liebe Frauen, lasst euch nicht einreden, dass ihr selbst schuld seid, wenn euch etwas Schreckliches geschieht, sondern tut alles, um euer Selbstbewusstsein zu stärken, sei es Kampfsport, ein Selbstverteidigungskurs oder Meditation.

Tragt ruhig kurze Röcke und hohe Schuhe, um euch sexy zu fühlen und wenn einer ein Nein nicht versteht, zeigt, dass ihr euch das nicht gefallen lasst. Seid stark und selbstbewusst und wunderbar!

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