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Ich stand kurz vor dem Selbstmord - wie ich es geschafft habe, mich aus der Missbrauchshölle zu befreien

18/11/2017 09:41 CET | Aktualisiert 18/11/2017 10:12 CET
kitzcorner via Getty Images

So viele Menschen sind unglücklich - in Deutschland, einem der reichsten Länder der Welt. Ich glaube nicht, dass das Zufall ist, sondern, dass die meisten Glück und Erfolg falsch definieren.

Ich bin mehrmals sexuell missbraucht worden, das letzte Mal liegt erst ein Jahr zurück. Ich hab eine Angststörung entwickelt, stand kurz vor dem Selbstmord. Kurz: Ich bin durch die Hölle gegangen.

Und doch bin ich heute an den meisten Tagen ein glücklicher Mensch, der das Leben liebt. Ich denke, dass viele Menschen glücklicher sein könnten, wenn sie nur ein paar Kleinigkeiten an ihrer Einstellung ändern würden.

Trinken, Rauchen und Selbstverletzung

Ich war noch ein Kind, als sich ein Mann aus meiner Familie an mir vergangen hat. Als Elfjährige habe ich deswegen begonnen, zu trinken und zu rauchen. Später verletzte ich mich selbst, fing an, nach dem Essen zu brechen. Zwischendurch spielte ich immer wieder mit dem Gedanken, mich umzubringen.

Als ich mit 14 meine Mutter um Hilfe bat, weil mir klar war, dass etwas nicht mit mir stimmte, sagte sie, ich müsse stark sein und könne das alleine schaffen. Schließlich sei ich ihre Tochter.

Mit 17 war ich so depressiv, dass ich es selbst nicht mehr aushielt und mich selbst um einen Therapieplatz kümmerte. Die Therapie war am Anfang sehr schlimm, weil mir bewusst wurde, wie viel in meinem Leben bis dahin falsch gelaufen war.

"Ich war noch ein Kind, als sich ein Mann aus meiner Familie an mir vergangen hat."

Das waren Dinge, die ich für völlig normal gehalten hatte. Gewalt gehörte für mich zum Alltag, genauso wie die Angst davor, meine Meinung und meine Gefühle zu äußern.

Es war für mich normal, dass jedes "falsche Wort" von mir mit Liebesentzug bestraft wurde, dass ich nicht wütend sein durfte und immer alle Schuld auf mich nehmen musste. Dass ich nie stolz auf mich sein durfte.

Aber zum ersten Mal in meinem Leben war da jemand, der mein Selbstvertrauen aufbaute und mir Wege zeigte, wie ich die Krisen meistern konnte. Zumindest bis zum nächsten Schicksalsschlag.

Vergewaltigung und Panikattacken

Vor einem Jahr hat mich ein Bekannter vergewaltigt.

Meine Panikattacken waren danach so schlimm, dass ich mich kaum traute, alleine das Haus zu verlassen. Noch mehr Angst hatte ich davor, alleine in meiner Wohnung zu sein.

Ich musste meine Ausbildung abbrechen, meinen Nebenjob kündigen.

Ich wollte mein Leben beenden. So viele Träume und Hoffnungen waren geplatzt, dass ich sie nicht mal mehr aufzählen konnte.

Mehr zum Thema: Ich wurde vergewaltigt - und meine Therapeuten gaben mir die Schuld

Ich erinnere mich noch genau, wie ich bei meinem Exfreund am geöffneten Fenster im siebten Stock auf der Fensterbank saß, eine Zigarette rauchte und überlegte, einfach zu springen.

Aber dann war da so etwas wie Trotz: Dass es kein Happy End für mich gab, wollte ich einfach nicht einsehen. Nicht nach all dem, was ich bisher durchgemacht hatte.

"So viele Träume und Hoffnungen waren geplatzt, dass ich sie nicht mal mehr aufzählen könnte."

In diesem Moment begriff ich etwas Entscheidendes: All das lag bereits hinter mir! Die Gewalt, die Demütigungen, die Verletzungen, all das war längst vorbei.

Sie hatten meine Vergangenheit zur Hölle gemacht. Wollte ich wirklich zulassen, dass mir diese Erfahrungen auch meine Gegenwart und - noch schlimmer - meine Zukunft ruiniert?

Nein, ich wollte das Schlechte einfach nicht gewinnen lassen!

Telefonseelsorge, Selbsthilfegruppen,

Notruf - nicht auf Therapie verzichten

Ich fing an, mich und das, was ich bisher getan hatte, zu hinterfragen. Mir fiel auf, dass ich mich mit Menschen umgab, die schlichtweg nicht gut für mich waren. Dass ich zum Beispiel auf medikamentöse Therapie verzichtete, weil mir diese Menschen einredeten, das müsse ich auch so schaffen - allein. Musste ich nicht.

Für viele ist es sicher schwer, jemanden zu finden, mit dem sie reden können. Jemanden, der einfach da ist. Aber es gibt diese Menschen überall, da bin ich mir sicher. Selbst wenn man niemanden in seinem persönlichen Umfeld hat, ist es wichtig, sich jemandem anzuvertrauen. Es gibt viele Telefonseelsorgen, Foren im Internet, Selbsthilfegruppen.

Mehr zum Thema: Wie einfach es ist, ein Leben zu retten, lernte ich, als ich meines beenden wollte

Sollte jemand von euch ernsthaft mit den Gedanken spielen, sich umzubringen, dann geht bitte zum nächsten psychiatrischen Notdienst oder ruft den Notruf, damit euch geholfen werden kann. Ihr müsst das nicht alleine schaffen.

"geht bitte zum nächsten psychiatrischen Notdienst oder ruft den Notruf, damit euch geholfen werden kann."

Im Lauf der Zeit begriff ich endlich, wie viel Zeit und Energie ich dafür verwendet hatte, mich über meine Vergangenheit zu beklagen, anstatt die Gegenwart zu ändern.

Ich begriff, dass es die kleinen Dinge im Leben sind, die das Leben schön machen. Sei es ein schöner Spaziergang, der Kaffeeklatsch mit der besten Freundin, ein gutes Buch, eine warme Dusche, ein leckerer Tee oder was auch immer euch glücklich macht - genießt es einfach!

Unsere persönliche Definition von Glück

Ich will nicht behaupten, ich sei völlig gesund und immer absolut positiv. Ich habe immer noch schlechte Tage.

Heute zum Beispiel war einer davon. I ging mit meinem Hund Happy spazieren und auf einmal fing es an, stark zu regnen. Ich war genervt und wollte nur schnell nach Hause. Happy aber hatte seinen Spaß, rannte über eine Wiese und versuchte, die Regentropfen zu fangen.

Da habe ich mich daran erinnert, dass nicht die Umstände darüber entscheiden, wie wir uns fühlen, sondern unsere Sicht auf die Dinge.

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Also rannte ich einfach mit Happy über diese Wiese und hatte mit ihm Spaß. Ich habe mich dazu entschieden, glücklich zu sein.

Wenn ich das kann, warum sollen andere es nicht auch können?

"Ich habe mich dazu entschieden, glücklich zu sein."

Entscheidend ist, was wir unter Glück verstehen. Von unserer persönlichen Definition hängt es ab, ob wir unser Leben als Segen oder Fluch empfinden.

Wenn wir so unmenschlich sind, uns selbst in Muster zu pressen und pressen zu lassen, die nicht zu uns passen, dann werden wir unglücklich sein, auch wenn es uns objektiv gesehen noch so gut geht in Deutschland. Wenn wir nach Idealen streben, die kein Mensch erreichen kann.

Wir sollten uns so akzeptieren, wie wir sind. Wir sollten ganz entspannt versuchen, jeden Tag eine bessere Version von uns selbst zu werden, als wir gestern waren, und uns dabei immer wieder ins Ohr flüstern "Macht nichts", wenn es mal nicht klappt.

Meine Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es immer weiter geht, auch wenn das Leben nicht schön, nicht einfach ist. Aber jetzt sitze ich hier, schreibe das, zu meinen Füßen liegt Happy und ich freue mich auf meine Zukunft. Das ist Glück.

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