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"Ich habe weder Privatsphäre, noch Besitz und doch war mein Leben nie besser": So könnte unsere Welt in naher Zukunft aussehen

21/05/2017 13:09 CEST | Aktualisiert 21/05/2017 13:22 CEST
TommL via Getty Images

Willkommen im Jahr 2030. Willkommen in meiner Stadt - oder besser "in unserer Stadt".

Ich besitze überhaupt nichts. Ich habe kein Auto, kein Haus. Ich habe keine Einrichtung und keine Kleidung.

Das wird euch jetzt eigenartig vorkommen, aber in unserer Stadt ist das vollkommen einleuchtend. Jedes Produkt ist jetzt vielmehr eine Dienstleistung. Wir haben Zugang zu Verkehrsmitteln, Unterkünften, Nahrung und allem, was wir so jeden Tag brauchen.

Eins nach dem anderen wurden all diese Dinge kostenlos, also macht es nicht viel Sinn für uns, noch Eigentum zu haben.

Wir mieten uns einfach ein füherloses Taxi oder ein fliegendes Auto

Zuerst wurde jegliche Kommunikation digitalisiert - und kostenfrei für jedermann. Dann, als die "saubere Energie" kostenlos wurde, ging alles ganz schnell.

Die Beförderungsmittel sanken drastisch in ihrem Preis. Es hat macht keinen Sinn mehr, ein Auto zu fahren - für längere Wege rufen wir uns einfach in wenigen Minuten ein führerloses Taxi oder ein fliegendes Auto.

Öffentlicher Verkehr funktioniert jetzt viel organisierter und koordinierter. Es ist viel einfacher, schneller und praktischer, wie mit dem Auto zu fahren.

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Ich kann es kaum mehr glauben, dass wir früher im Stau standen - die Luftverschmutzung muss ich gar nicht erst erwähnen. Was haben wir uns dabei bloß gedacht?

Manchmal benutze ich noch mein Fahrrad, wenn ich mich mit Freunden treffe. Ich genieße es dabei, mich zu bewegen. Das erfasst doch den Kern des Fortbewegens. Einige Dinge verlieren wohl nie ihren Reiz - Laufen, Fahrradfahren, Kochen, Malen und Pflanzen anbauen. Das alles erinnert uns daran, dass unsere Kultur aus einer engen Beziehung zur Natur entstand.

Wir haben aufgehört, viele Dinge bei uns zuhause zu haben

In unserer Stadt zahlen wir keine Miete, weil jemand anderes unsere Wohnung nutzt, wenn wir sie mal nicht brauchen. Mein Wohnzimmer wird für Geschäfts-Meetings genutzt, wenn ich nicht da bin.

Manchmal koche ich für mich selbst. Das geht ganz einfach - die nötige Küchenausstattung wird mir auf Bestellung in wenigen Minuten in meine Wohnung gebracht.

Seitdem Transport nichts mehr kostet, haben wir aufgehört, all dieses Dinge bei uns zuhause zu haben. Wieso eine Nudelmaschine und ein Crepe-Platte in unseren Schränken lagern? Das nimmt nur Platz weg. So bestellen wir einfach alles, was wir in dem Moment brauchen.

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Das machte auch den Durchbruch der Kreislaufwirtschft um einiges einfacher. Wenn Produkte in Dienstleistungen umgewandelt werden, interessiert sich niemand für Dinge von kurzer Lebensdauer.

Alles ist darauf ausgelegt, lange zu halten, leicht reparier- und recyclebar zu sein. Umweltprobleme sind kein Thema mehr, seitdem wir erneuerbare Energien und saubere Produktionsmethoden nutzen.

Die Luft und das Wasser sind rein und niemand würde es wagen, die Naturschutzgebiete anzutasten, da sie großen Wert für unser Wohlbefinden haben. In den Städten gibt es einige Grünflächen - Büsche und Bäume, wo man auch hinsieht. Ich verstehe immer noch nicht, warum wir früher immer jede freie Fläche zubetoniert haben.

Was "Einkaufen" ist, das weiß ich schon gar nicht mehr

Einkaufen? Ich weiß gar nicht mehr, was das ist. Für die meisten von uns geht es nur noch darum, auszusuchen, was wir benutzen wollen. Manchmal macht es mir Spaß, das zu tun, manchmal erledigt es der Algorithmus für mich. Der kennt meinen Geschmack mittlerweile besser als ich selbst.

Seitdem der Algorithmus und Roboter uns so viel Arbeit abnehmen, haben wir auf einmal Zeit, gesund zu kochen, mehr zu schlafen und Zeit mit anderen zu verbringen. Wir müssen uns dabei nicht mehr an den "Feierabend" halten, weil wir unsere Arbeit eigentlich zu jeder Tageszeit erledigen können.

Ich weiß nicht mal mehr, ob man es noch Arbeit nennen kann. Es ist vielmehr eine Zeit, in der man nachdenkt und neue Gedanken entwickelt.

Vorübergehend wurde die neue freie Zeit von vielen nur dafür genutzt, Spaß zu haben und sich abzulenken. Keiner wollte sich mehr mit schwierigeren Themen beschäftigen. Dann jedoch fanden wir heraus, dass wir die neuen Technologien auch für mehr nutzen können, als uns damit nur die Zeit zu vertreiben.

Ich sorge mich um die Menschen,

die wir auf dem Weg verloren haben

Am meisten sorge ich mich um all die Menschen, die nicht in unserer Stadt leben. Die, die wir auf dem Weg verloren haben.

Die, die entschieden haben, dass ihnen alles zu viel wird, all die neue Technologie. Die, die sich obsolet und nutzlos gefühlt haben, als Roboter und Algorithmen große Teile unserer Arbeit weggenommen haben. Die, die sich über das neue politische System aufgeregt und sich dagegen gewehrt haben.

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Diese Menschen leben anders - außerhalb der Stadt. Manche haben kleine Selbstversorger-Gemeinden gegründet. Andere blieben einfach in den leeren, verlassenen Häusern der vergangenen Jahrzehnte.

Manchmal nervt es mich, keine Privatsphäre zu haben. Ich kann nirgendwo hingehen ohne registriert zu werden. Ich weiß, dass alles, was ich tue, alles was ich denke und träume, aufgenommen wird. Ich kann nur hoffen, dass es niemand gegen mich verwendet.

Alles in allem ist es ein gutes Leben. Viel besser als der Weg, auf dem wir gingen, als deutlich wurde: So können wir nicht weitermachen.

Als all die schrecklichen Dinge passierten: Klimawandel, Flüchtlingskrise, Umweltkatastrophe, komplett überfüllte Städte, Wasserverschmutzung, soziale Unruhe und Arbeitslosigkeit.

Wir haben viel zu viele Menschen verloren, bevor wir erkannt haben, dass wir die Probleme auch anders lösen können.

Anmerkung der Autorin: Einige Leser denken bestimmt, dieser Blog sei meine Utopie oder mein Traum für die Zukunft. Das stimmt nicht. Es ist ein Szenario, das zeigen möchte, wo wir uns hinbewegen. Ich habe das geschrieben, um eine Diskussion anzuregen - über die Vor- und Nachteile technologischer Entwicklungen. Wenn es um die Zukunft geht, dann sollten wir nicht nur Berichte über die Entwicklungen lesen. Wir sollten anfangen, zu diskutieren und neue Wege zu überdenken. Das war meine Intention beim Schreiben dieses Stücks.

Der Beitrag erschien zuerst bei World Ecomomic Forum und wurde von Franziska Kiefl aus dem Englischen übersetzt.

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