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Zwischen Gewalt, Verzweiflung und Tod - wie ich als Priester in Aleppo den Menschen Hoffnung schenke

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ALEPPO
A man walks past damaged houses in the old city of Aleppo, Syria July 13, 2017. REUTERS/Omar Sanadiki | Omar Sanadiki / Reuters
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Pater Ibrahim Alsabagh ist Franziskaner und einer der letzten christlichen Seelsorger in Aleppo. In seinem Buch "Hoffnung in der Hölle" schildert er seine Erlebnisse im Kriegsgebiet. Der folgende Auszug ist ein Bericht vom 14. März 2015.

Mein Weg nach Aleppo

Ich wollte schon immer studieren, schon als junger Mann, seit ich die Ordensgelübde abgelegt habe. Der Herr aber hat mich den Weg des Gehorsams und der Notwendigkeit einschlagen lassen, mich von den Universitäten fortgeführt.

Nachdem ich in Rom das Lizentiat in Dogmatik erworben hatte, habe ich mich fürs Doktorat eingeschrieben. Aber noch bevor ich an meine Disputation denken konnte, eröffneten mir die Oberen, dass es schwierig für mich werden würde, meinen Doktor zu machen, weil dieKustodie des Heiligen Landes dringend Leute bräuchte, vor allem in Syrien. Und ich habe mich gefügt, denn mit der Not dieser Länder konfrontiert, war jedes weitere Wort überflüssig.

Ich begann also, mich geistlich und körperlich vorzubereiten, aber ich wusste nicht genau, worauf. Wo mein genauer Bestimmungsort sein würde, sollte ich erst später erfahren ...

Einsatzmöglichkeiten gibt es viele, der Bedarf ist groß, wir Ordensbrüder werden überall in Syrien dringend gebraucht. Es sind nie genug, man bräuchte mindestens ein Dutzend, um der drängendsten Not Herr zu werden, vor allem jetzt, wo das Leid besonders groß ist.

In jener Phase meines Lebens habe ich den Herrn in der Stille und im Gebet um zwei Dinge gebeten: mich an einen schwierigen Ort zu schicken, damit ich bis an meine Grenzen gehen kann - und nicht zuzulassen, dass ich Not sehe, aber nichts dagegen tue.

Tiefen Gehorsam des Herzens und des Verstandes beschloss ich, die Herausforderung anzunehmen

Meine Oberen haben mir also vorgeschlagen, nach Aleppo zu gehen, und mir gleichzeitig erzählt, dass die Stadt völlig verwüstet sei, die Bevölkerung unsäglich leide. Nach Jahren der Anspannung und des Kriegs waren die Kräfte des Pfarrers dort erschöpft.

Man fragte mich, was ich davon hielte, und ich antwortete, dass der Ort für mich keine Rolle spiele: "Ihr entscheidet, ich gehe!". Meine einzige Reaktion war das Gebet. Erst nach und nach wurde mir klar, dass der Wille des Herrn nicht das war, was ich dachte, auch bei meinen Reflexionen und Meditationen vor dem Allerheiligsten.

Es war etwas vollkommen anderes: Es war die Sorge des Hirten um seine Schafe. Mit einem einfachen, aber tiefen Gehorsam des Herzens und des Verstandes beschloss ich also, die Herausforderung anzunehmen und ins kalte Wasser zu springen.

Zum Doktoratsstudium wollte ich mich aber trotzdem einschreiben. Man stellte mir sogar in Aussicht, via Fernstudium weiterzumachen - falls ich die Zeit dazu finden würde. Doch dann habe ich mich von der Situation vollkommen vereinnahmen lassen und dem Herrn für die Menschen, die mir in Aleppo begegnen würden und die ich ja noch gar nicht kannte, gedankt, ja sogar gebetet.

Und jeden, den ich kenne, habe ich gebeten, für mich zu beten: Ordensmänner und -frauen, Laien, meine Eltern, meine Familie. Mein Entschluss stand fest. Und dann, ehe ich mich versah, keine zwölf Tage später, war ich auch schon hier in Aleppo, wo meine neue Mission begann ...

Der dramatische Alltag

Zurzeit haben wir nur eine halbe Stunde am Tag Strom. Letzte Woche gab es neun Tage hintereinander kein Wasser. Am vierten Tag nehmen wir immer den großen Stromgenerator in Betrieb, holen Wasser aus dem Brunnen und öffnen den Leuten unsere Türen, die sofort mit ihren Eimern kommen, um Wasser zu holen und es nach Hause zu tragen

Wer kein Wasser hat, kann auch nicht kochen. Es ist erschütternd, inmitten der Männer und jungen Frauen oft auch einsame alte Leute - ja sogar Kinder! - schwere Eimer und Behälter schleppen zu sehen: alle in Reih' und Glied, für ein paar Liter Wasser!

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Das Schlimmste aber sind die Bomben, die die Wohnhäuser unschuldiger Menschen treffen. Wir sind nur 150 Meter von bewaffneten Milizen entfernt, die, von Rachsucht oder Hass getrieben, Gasflaschen und Raketen auf die Häuser der wehrlosen Bevölkerung werfen - und auf die Kirchen.

Bei unserer Kirche sind schon viele Bomben eingeschlagen, fast als hätten sie es auf sie abgesehen - und das haben sie ja vielleicht auch. Getötet werden nicht nur die Bewohner der getroffenen Häuser - es trifft auch Jugendliche, Kinder, Passanten.

Dieses Klima von Tod und Gewalt hat eine Welle der Verzweiflung und Bitterkeit ausgelöst. Im ersten Moment wollen die Leute nur noch weg, sie versuchen, die betroffenen Gegenden zu meiden.

Nach und nach legte sich die Angst wieder

Sie gehen in andere Kirchen, andere Gegenden, die aber auch nicht immer sicher sind. Wenn die Phase der Trauer dann abgeebbt ist, kehren sie allmählich wieder zum Alltag zurück. Wie vor kurzem, als eine Gasflasche in unmittelbarer Nähe unserer Kirche explodiert ist. Die oberen Fenster des Gebäudes sind zerbrochen, die Scherben bei der Vesperfeier auf die Gläubigen gefallen.

Eine junge Frau und ein Mann, beide Christen, sind in einem Geschäft in der Nähe ums Leben gekommen. Sie wollten nur schnell etwas einkaufen gehen. Das Weinen und Klagen bei der Beerdigung war groß, der gesamte Klerus von Aleppo war da ...

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Nach und nach legt sich die Angst dann aber wieder, und die Leute kehren in ihr normales Leben zurück. Viele Mitglieder unserer Pfarrgemeinde fragen uns: "Wie lange, Pater, soll das noch weitergehen, dass man uns umbringt - einen nach dem anderen? Wie lange müssen wir noch hierbleiben? Könnt ihr uns nicht alle wegschicken? Ihr tut so viel für uns ... aber könnt ihr nicht mehr tun?"

Die Teuerung ist enorm, seit die syrische Lira dem Dollar und dem Euro gegenüber drastisch an Wert verloren hat. Die Armut steigt - und diese Not wird von manchen sogar noch ausgenutzt!

22 Unser Wohltätigkeitsverein bekommt dann immer wieder enormen Zulauf. Leute, die früher reich waren, ihre Fabriken, Geschäfte und Häuser aber inzwischen verloren haben, stehen heute mit fast nichts mehr da. In vier Jahren Krieg haben sie alles, was sie besaßen, aufgebraucht, sind von Reichen zu Armen geworden.

Die Zahl der Familien, die wir unterstützen, beläuft sich inzwischen auf etwa 300

Es ist merkwürdig, wohlhabende Menschen, die man nur in teurer Kleidung kannte, nun in derselben schäbigen Kluft an unsere Tür klopfen zu sehen, wie sie die Armen tragen. Heute brauchen selbst sie Hilfe.

Sie haben zwar Möbel, ein Haus, aber kein Essen, nichts, von dem sie leben könnten. Es war traurig, in diesen schlimmen Tagen ohne Wasser den üblen Geruch der Leute wahrzunehmen - auch bei kultivierten und gebildeten Leuten -, weil Duschen und Waschen schon seit neun Tagen nicht mehr möglich war.

Die Zahl der Familien, die wir unterstützen, beläuft sich inzwischen auf etwa 300, und es werden täglich mehr. Und dann gibt es noch viele Krankheiten, die sich gerade jetzt und hier ausbreiten, oft Lebererkrankungen, die von der verseuchten Luft voller Bakterien und Viren verursacht werden.

Mehr zum Thema: Was ich lernte, als ich in Deutschland Flüchtlinge unterrichtete

Wir hatten dieses Jahr auch eine schlimme Grippewelle. Sie hat keinen von uns verschont und sich lange hingezogen, der hartnäckige Husten war erst nach einem Monat vorbei. Dass die Leute hier so schwach sind, liegt natürlich auch daran, dass es keine Medikamente gibt. In der Stadt werden in Eigenproduktion Präparate hergestellt, damit den vielen Kranken wenigstens ein bisschen geholfen werden kann.

In letzter Zeit haben wir auch etwa ein Dutzend halb zerstörter Häuser entdeckt, in denen immer noch Menschen leben: ganze Familien mit Kindern, die nicht wissen, wohin, sind in diesen Häusern ohne Fenster, Türen, ja vielleicht sogar mit durchbohrtem Dach und ohne Wände den Bomben hilflos ausgeliefert.

Mit den wenigen Mitteln, die wir haben, versuchen wir, ihr Leid und das der Kranken zu lindern: Menschen mit chronischen Krankheiten, Krebskranke im Endstadium, die niemanden haben.

Diesen Menschen müssen wir zur Seite stehen, als wären wir ihre Eltern, ihre Familie. Wir weichen nicht von ihrer Seite, überlassen sie in keiner Phase ihrer Krankheit sich selbst.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Hoffnung in der Hölle - Als Franziskaner in Aleppo" von Ibrahim Alsbagh.

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Herder-Verlag, ISBN: 978-3-451-37863-8, 18 Euro


     
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