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Ibo Omari Headshot

"Wir erobern unseren Kiez zurück" - Ibo Omari zieht mit Kindern durch die Straßen, um Nazi-Symbole zu übermalen

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Alles begann mit einem normalen Arbeitstag vor neun Monaten. Ich verkaufte wie immer Spraydosen und Graffitizubehör im "Legacy", einem Fachgeschäft im Berliner Stadtteil Schöneberg.

Da stand plötzlich ein Mann vor mir, der ganz anders aussah, als die anderen Kunden in meinem Laden. Meist kommen Künstler, Rapper oder andere Kreative, um sich bei mir einzudecken.

Ich wusste sofort, das ist kein typischer Sprayer.

Ich fragte ihn, was ihn herführte, und er erzählte mir von dem metergroßen Hakenkreuz, das ein Unbekannter über Nacht auf eine nahe gelegene Spielplatzmauer gemalt hatte.

Ich konnte ihm kaum glauben. In unserem Kiez war so etwas schon lange nicht mehr passiert.

Mein neuer Kunde wollte die fragwürdige Schmiererei übermalen. Ich war begeistert von seiner Idee und begleitete ihn.

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"Das Hakenkreuz blieb jedoch kein Einzelfall"

In der Zeit danach entdeckten wir das Nazi-Symbol immer öfter an Wohnhäusern oder öffentlichen Gebäuden.

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Ich frage mich oft, ob das auch Ausdruck einer gesellschaftlichen Entwicklung sein könnte, nämlich, dass sich rechtes Gedankengut in der Mitte unserer Gesellschaft etabliert.

Wie auch immer: In unseren Städten ist es allgegenwärtig.

Das wollte ich so nicht stehen lassen.

Mit dem Verein "Die kulturellen Erben" haben wir "Paint Back" gestartet - ein Projekt, mit dem wir den rechtsradikalen Sprayern etwas entgegensetzen wollen: Wir sind auch hier, wir denken anders. Für uns bedeutet Berlin Friede, Freundschaft - und vor allem Heimat.

In dem Projekt bieten wir einen Workshop für Kinder im Alter von neun bis 14 Jahren an. Dabei setzten wir ihnen die Fotos der gesichteten Hakenkreuze vor.

Daraufhin entwickeln sie selbstständig Motive, mit denen sie das Symbol später an den Wänden und Mauern Berlins unkenntlich machten.

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Kinder sind dabei gedanklich so viel freier als wir Erwachsene. Sie sind oft noch viel zu jung, um Assoziationen mit dem Zeichen zu haben. Sie sehen die Formen und zaubern etwas Schönes daraus.

Natürlich waren all ihre Werke legal. Immer wenn wir ein neues Hakenkreuz sehen, fragen wir zunächst den Hausbesitzer, ob wir loslegen dürfen. Da hat selten einer etwas gegen.

Die meisten wollen schließlich kein Nazi-Symbol auf ihrer Hauswand sehen - dann doch lieber eine Eule mit Kulleraugen oder Blumen.

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Zunächst wollten wir mit den Kindern nur die Hip-Hop Kultur auferstehen lassen, die in Berlin früher gelebt wurde. Wir wollten, dass sie sich in unserem Verein den wichtigen Werten im Leben bewusst werden und dabei noch Spaß haben.

Aber was daraus nun entstanden ist, hätten wir niemals erwartet.

In einem Video haben wir die Ergebnisse unserer kleinen Künstler zusammengefasst - schon rund 100.000 Menschen haben es sich auf Youtube abgesehen.

"Wir wollen die Menschen dazu inspirieren, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen"


Medien aus aller Welt und sogar die "New York Times" sind auf unser Projekt aufmerksam geworden und haben darüber berichtet.

Außerdem kontaktieren uns immer wieder Menschen, die irgendwo Hakenkreuze entdecken und uns auffordern, Hand anzulegen.

Doch genau hier setzt unsere Botschaft an. Wir wollen nicht nur Hakenkreuze übermalen, weil es Spaß macht. Wir wollen die Menschen dazu inspirieren, die Dinge selbst in die Hand zu nehmen.

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Selbst ein Nazi-Symbol zu übersprühen oder selbst einmal die Stimme gegen Rechtsextremismus zu erheben.

Vor allem aber sollen die Menschen selbst ihren Kindern beibringen, wie sie mit so viel Hass umgehen können. Dass sie nicht aufhören dürfen, sich dagegen zu wehren.

Und dass sie diesen Hass am besten mit Liebe bekämpfen.

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Fotos: Legacy BLN - Graffiti Culture & Art Tools

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