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Wir haben die Deutschtürken Erdogan in die Arme getrieben

15/07/2017 17:32 CEST | Aktualisiert 17/07/2017 18:40 CEST
Wolfgang Rattay / Reuters

Vor einem Jahr war ich am Flughafen in Dubai. Ich war schockiert. Mein Sohn hatte angerufen und mir von dem Putschversuch in der Türkei berichtet.

Ich ahnte nicht, dass ich ein Jahr später immer noch schockiert sein würde. Über die Dimension der Rachegelüste Recep Tayyip Erdogans, der den Putschversuch als Vorwand genommen hat, sich der Opposition zu entledigen.

Erdogans Rückhalt hat vor allem emotionale Gründe

Heute ist die Türkei polarisierter denn je, die Gesellschaft voller Angst und Hass. Und dieses Gefühl hat auch die türkische Community in Deutschland erfasst.

Erdogans Rückhalt hat zwar auch rationale Gründe - unter seiner Regierung ist die Wirtschaft gewachsen. Aber vor allem hat er emotionale Gründe: Erdogan präsentiert sich als der starke Mann. Das verfängt. Auch in Deutschland.

Ab 2014 wurde sehr deutlich, dass Erdogan die Deutschtürken als Mobilisierungsmasse für sich entdeckt hat. Damals geriet seine Macht nach den Gezi-Protesten und dem Zerwürfnis mit seinem Freund Fethullah Gülen ins Wanken - und zum ersten Mal durften auch die Deutschtürken wählen.

Erdogan hat das gut vorbereitet, Ankara hat seinen Einfluss in Deutschland massiv ausgeweitet, mit neuen AKP-Netzwerken, die professionell aufgebaut wurden. Mit Ditib und der Union Europäisch-Türkischer Demokraten.

hülya özkan

Hülya Özkan. Foto: Markus Roeleke

Und damit wurde plötzlich auch türkische Innenpolitik für die türkischstämmige Community in Deutschland ein Thema. Jetzt hat Erdogan diese so angestachelt, dass die AKP-Propaganda auch hierzulande linientreu wiedergegeben wird. Dass auch sie von "äußeren Feinden" sprechen und von der "Arroganz des Westens".

Erdogan profitiert von den Fehlern, die wir gemacht haben

Die jüngste Wahl hat gezeigt, wie gut Erdogans Taktik aufging. 63 Prozent der Deutschtürken, die wählen gingen, stimmten mit einem "Ja" für sein Präsidialsystem. Und die Deutschen waren entsetzt.

Dabei war das nur der Spiegel der verfehlten Integrationspolitik der letzten Jahrzehnte. Erdogan profitiert von den Fehlern, die wir in Deutschland gemacht haben. Wir haben die Deutschtürken Erdogan in die Arme getrieben.

Mehr zum Thema: "Erdogans private Armee": Wie ein kleiner Schlägertrupp den türkischen Präsidenten an der Macht hielt

Die Diskussionen über den Doppelpass und den Islam haben die Deutschtürken enttäuscht. Die einseitigen NSU-Ermittlungen, die Tatsache, dass selbst die bestens Integrierten der drei Millionen Türkischstämmigen als Ausländer gelten. Sie fühlen sich ausgegrenzt, als Menschen zweiter Klasse.

Erdogan füllt das Vakuum. Er gibt ihnen das Gefühl von Stärke und Stolz.

Merkel hat die Bedeutung der Türkei in der Flüchtlingskrise falsch eingeschätzt

Zum Gefühl der persönlichen Ausgrenzung kommt der Umgang mit der Türkei als Staat.

Insbesondere Angela Merkel hat die Bedeutung der Türkei für Europa unterschätzt. Das gilt auch für den EU-Beitritt.

Dass die Perspektive scheiterte, hing am Ende nicht an Erdogans mangelndem Reformeifer, sondern an Vorurteilen und maßloser Heuchelei.

Merkel hat aber auch die Bedeutung der Türkei in der Flüchtlingskrise falsch eingeschätzt.

Erdogan hatte Merkel schon lange sachlich erklärt, dass er Hilfe von Deutschland braucht, weil die Türkei schon Millionen syrischer Flüchtlinge aufgenommen hat. Merkel hat sich das angehört, passiert ist nichts. Erst, als die Flüchtlinge nach Deutschland kamen, hat man sich zu einem Abkommen bequemt. So spät, dass Deutschland nun erpressbar ist.

Die deutschen Parteien müssen um die Türken kämpfen. Die parteipolitische Profilierung muss aufhören.

Wir müssen aufhören, Loyalitätsbezeugungen einzufordern

Wir müssen aufhören, immer Loyalitätsbezeugungen der Deutschtürken einzufordern. Selbst unter Erdogans Anhängern waren viele peinlich berührt davon, wie er deutsche Politiker als Nazis beschimpfte. Für seine Kritiker gilt das umso mehr.

Deswegen müssen sie aber nicht auf die Straße gehen und ihre Solidarität mit Deutschland kundtun. Sie sind Teil der deutschen Gesellschaft. Es ist selbstverständlich, dass sie das verurteilen.

Mehr zum Thema: Die Türkei wird immer mehr zur Diktatur - und tausende Türken fliehen nach Deutschland

Nebenbei: Erdogans Gepolter ist unerträglich, aber die Drohgebärden sind in erster Linie Taktik. Deutsche messen dem oft zu viel Gewicht bei.

Gleichzeitig müssen die Parteien Grenzen setzen. Die Grenze ist die Gewalt. Es geht in einem Rechtsstaat nicht, dass man wie ferngesteuert loszieht und Oppositionelle ausspioniert oder denunziert.

Wir müssen das Problem in den Griff bekommen, um des Friedens in unserer Gesellschaft willen. Denn Erdogan wird irgendwann nicht mehr Präsident sein. Aber die meisten Deutschtürken werden bleiben.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet.

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Ihre These führt Hülya Özkan in ihrem neuen Buch "Ein Erdogans Visier. Warum er die Deutschtürken radikalisieren will und was das für uns bedeutet" näher aus.

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(jg)