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Ins Kanzleramt gehört ein Digitalstratege

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TOOMAS ILVES AND MERKEL
TOBIAS SCHWARZ via Getty Images
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Behörden und Regierung verschlafen den Fortschritt: Die analoge Verwaltung arbeitet quälend langsam

Die Modernisierung der öffentlichen Verwaltung ist eine der zentralen Aufgaben, die die Politik im Zuge der Digitalisierung leisten muss. Die digitalisierte Wirtschaft braucht eine digitale Verwaltung, allein der Bürokratie und der Verschlankung von Prozessen wegen. Falls dieses Projekt in den kommenden Jahren nicht erfolgreich ist, wird die analoge Verwaltung zu einem echten Standortnachteil.

Andere Länder sind bei der Modernisierung ihrer Verwaltung viel weiter - zum Beispiel Estland. Der baltische Staat befasste sich bereits Ende des vergangenen Jahrhunderts intensiv mit der Dezentralisierung und Optimierung der öffentlichen Verwaltung.

Dazu wurde eine technische Architektur aufgesetzt, die es erlaubt, schrittweise Dienstleistungen der Verwaltung zu digitalisieren. Im Zentrum steht die sogenannte X-Road. Diese stellt die technische Umgebung dar, die es erlaubt, dass verschiedene Datenbanken und Systeme sicher und kompatibel kommunizieren. Jegliche Kommunikation, die über die X-Road führt, verfügt über eine digitale Signatur und erfolgt verschlüsselt.

Zeit und Kosten sparen

Die zweite Säule ist die e-ID. Hierbei handelt es sich um ein standardisiertes nationales System zur sicheren Verifizierung von Identitäten. Dadurch kann eine eindeutige elektronische Identifizierung sichergestellt werden.

Durch das Zusammenspiel einer sicheren Infrastruktur (X-Road) und einer zuverlässigen elektronischen Identifizierung (e-ID) ist die estnische Regierung in der Lage, schrittweise immer mehr Dienstleistungen zu dezentralisieren und somit den Bürgern und Unternehmen im Land viel Zeit und Kosten zu ersparen.

Mittlerweile sind in Estland mehr als 600 Informationssysteme des öffentlichen und privaten Sektors gebündelt. Diese bieten Zugang zu mehr als 2500 Dienstleistungen. Dadurch ist es zum Beispiel seit 2007 möglich, innerhalb von nur 15 Minuten ein Unternehmen online zu gründen.

Zum Vergleich: Eine Gewerbeanmeldung in Köln dauert mindestens eine Stunde. Hinzu kommen ein Besuch beim Notar mit verbundenem Handelsregistereintrag sowie die Eröffnung eines Bankkontos. Das kostet noch einmal einen Tag.

Vielschichtiger Innovationsprozess

Für Deutschland heißt das: Digitalisierung bedeutet keineswegs nur eine Erneuerung der IT-Systeme. Es geht stattdessen um einen vielschichtigen Innovationsprozess. Technischer Wandel, Veränderungen der Organisationsstrukturen sowie ein Kulturwandel bedingen sich gegenseitig und sind alles unabdingbare Teile einer erfolgreichen Digitalisierungsstrategie.

Um die gesamte Digitalisierungsstrategie der Bundesregierung voranzubringen und alle Facetten zu koordinieren, fordern wir als Junge Unternehmer die Benennung eines Digitalisierungsbeauftragten im Bundeskanzleramt. Die Modernisierung der Verwaltung wäre eine der Hauptaufgaben eines solchen Beauftragten.

Ergänzend brauchen wir eine Startup-Initiative im Bundeskanzleramt, einen echten Innovationstreiber zur Verwaltungsmodernisierung. Wir fordern die Einrichtung eines Zukunftslabs - vergleichbar mit Initiativen von Unternehmen, die so versuchen, ihre Innovationsprozesse zu beschleunigen. Im Lab könnten neue Tools für digitale Dienstleistungen erprobt, externe Experten eingebunden und der internationale Austausch gefördert werden.

Insgesamt brauchen wir mehr Start-up-Methoden in der Verwaltung. Wir benötigen Behörden, die ausgeschlafen sind, die nicht nur reden, sondern auch machen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Focus.

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