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Offenbach hat viele Probleme - und doch ist hier die Geburtenrate so hoch wie nirgendwo sonst in Deutschland

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OFFENBACH
dpa
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Wenn Menschen Offenbach hören, denken viele an Ausländer, Industrie und hohe Kriminalität. Dabei haben wir eine unterdurchschnittliche Kriminalitätsrate, der Großteil der Migranten hat sich integriert und rauchende Fabrikschlote gehören schon lange der Vergangenheit an.

In keiner anderen Stadt werden prozentual so viele Kinder geboren wie in Offenbach am Main. Im Jahr 2015 kamen hier über 3300 Kinder zur Welt - bei 133.000 Einwohnern.

Das führt zu einem ständig steigenden Bedarf an Kita- und Schulplätzen und an bezahlbaren Wohnraum. Wir haben folglich die gleichen Probleme wie große Metropolen - Frankfurt, München oder Leipzig. Städte, die ähnlich hohe Geburtenraten haben.

Mehr zum Thema: Wie der Babyboom Städte wie München, Hamburg und Berlin an ihre Grenzen bringt

Doch meine Heimatstadt hat sich den Herausforderungen gestellt - und profitiert heute von den vielen neuen Bürgerinnen und Bürgern.

60 Prozent unserer Einwohner haben einen Migrationshintergrund

Die hohe Geburtenrate hat letztlich vor allem zwei Gründe:

Wir haben tatsächlich viele Migranten. 60 Prozent unserer Einwohner haben einen Migrationshintergrund. Üblicherweise haben diese Familien mehr Kinder als deutsche. Aber anders als etwa in Berlin haben sich bei uns keine mono-ethnischen Viertel entwickelt. Alltägliche Begegnungen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft sind hier selbstverständlich. Die Akzeptanz unterschiedlicher persönlicher Lebensweisen ist in Offenbach sicher höher als anderswo. Das versuchen wir noch durch unzählige Projekte und Initiativen zu verstärken, die Religionen und Nationen verbinden.

Zum anderen befinden wir uns in einer Ballungsregion. Wir liegen an der Eastside von Frankfurt am Main, im Zentrum einer prosperierenden Region. Viele junge Familien mit Kinderwunsch ziehen hierher. Auch weil Offenbach bodenständiger und schneller begreifbar ist als etwa Frankfurt. Und wegen der perfekten geografischen Lage: Von Offenbach ist man schneller im Bankenviertel als von Frankfurt-Höchst. Das Durchschnittsalter unserer Stadtbewohner ist mit knapp über 40 Jahren eines der niedrigsten in Deutschland.

Rasander Strukturwandel seit den 1970er Jahren

Wir waren eine Arbeiter- und Industriestadt.

Ich habe den rasanten Strukturwandel und den Verlust vieler Jobs seit den 1970er Jahren hautnah miterlebt. Dennoch haben wir heute wieder fast 50.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in der Stadt, etwa im Gesundheitswesen, in Dienstleistungen und im Maschinen- und Fahrzeugbau.

Sowohl den Rückgang der Industrie als auch die hohe Geburtenrate sehe ich als Chance für Offenbach.

Wir gestalten derzeit die alten Industriebrachen zu Wohnvierteln um. So wie am Hafen: Wo lange Zeit Lagerhallen, Kräne und Container vor sich hin rosteten, sind eine neue Schule, eine Kita und viele Wohnungen entstanden.

Anderswo entstehen aus alten Baracken moderne Wohnungen in S-Bahn-Nähe oder am Fluss.

Das lockt viele Familien aus Frankfurt nach Offenbach. Sie bekommen hier die gleiche Lebensqualität, doch die Mieten sind ein Viertel bis ein Drittel niedriger als in der Hessen-Metropole.

Integrationsarbeit beginnt schon in den Krabbelstuben

Die Zuzüge und die vielen Geburten treffen uns nicht unvorbereitet:

Bereits 2006 haben wir ein umfangreiches Programm für die Schulen gestartet. Zahlreiche Gebäude wurden saniert, erweitert und sie wurden ganztagsfähig machen. Dazu begannen wir schon früh mit speziellen Deutschkursen für Migrantenkinder.

Wir haben auch viel Geld in die Sozialarbeit gesteckt. Die Integrationsarbeit begann schon in den Krabbelstuben. Und wir haben in Mitarbeiter und Weiterbildungen investiert.

Doch wir sehen auch Probleme auf uns zukommen:

Bisher fehlt für den öffentlichen Nahverkehr ein gemeinsames Tarifgebiet mit Frankfurt.

Wir müssen in den kommenden Jahren weitere Schulen und Kitas bauen, um den Raumbedarf zu decken und allen Kindern die gleichen Bildungschancen zu sichern. Wir bezahlen Erzieher bereits über Tarif, dennoch suchen wir händeringend nach Fachpersonal.

Um künftig das Wachstum stemmen zu können, muss der Bund mehr Finanzen bereitstellen. Denn bisher gab es zwar das Recht auf einen Kita-Platz. Allerdings mussten die Kommunen die Kosten alleine stemmen.

Wir müssen Milliarden für unsere Zukunft investieren

Zudem gehört Wolfgang Schäubles Ideologie der schwarzen Null abgeschafft:

Wir müssen Milliarden in Infrastruktur, Bildung und Erziehung stecken, wenn wir unsere Zukunft sichern wollen. Da haben wir in ganz Deutschland erheblichen Nachholbedarf, den wir gerade jetzt in Zeiten guter Konjunktur anpacken müssen.

Ich habe in Offenbach gemerkt: Schon mit wenig Mitteln kann man viel erreichen. Doch die großen Infrastrukturprojekte können wir nicht stemmen. Ohne Förderung durch Land und Bund drohen hohe soziale Folgekosten in vielen Städten.

Der Text wurde von Marco Fieber aufgezeichnet.

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