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Der glokale Islam ist nun dran

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MOSQUE
Juanmonino via Getty Images
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Im Zuge der Etablierung von Lehrstühlen an deutschen Universitäten hat sich anhand der steigenden Studentenzahlen an den jeweiligen Standtorten gezeigt, dass es längst an der Zeit war, das Thema ,,Islam und Muslime" auch zu lokalisieren, glokalisieren bzw. einheimisch zu machen. Heutzutage sind z.B. soziale, wirtschaftliche und politische Ereignisse im globalen, regionalen und lokalen Maße voneinander abhängig und aufeinander aufbauend. In diesem Sinne spricht man von glokalen Phänomenen.

Der Islam wurde gerade nach der Nachkriegszeit zu einem Dauerthema. Dabei waren die Muslime - zumindest diejenigen, die sich selbst als solche bezeichnen - selten bis gar nicht ein Teil des soziopolitischen hiesigen Diskurses. Dies konnte auch nicht der Fall sein, denn wenn man mit dem rechtlichen Titel eines Gastes zum Arbeiten eingeladen wurde, konnte es nicht anders sein als außerhalb des vorgesehenen Rahmens nicht mitzumischen.

Trotz aller Unzulänglichkeiten kann langsam ein einheimischer und hoffentlich vielschichtiger, demokratischer und humaner Islam gedeihen. Innerhalb der städtischen und außerstädtischen Migrantengemeinschaften in Deutschland, die divers, komplex, hybrid und manchmal selbst undurchschaubar für die Beteiligten ist, sollte man einen näheren Blick auf die Frage der Identität und der Selbstbezeichnung der Akteure werfen.

In der breiten Diskussion, die meistens medial verläuft und sämtliche Wahrnehmungen von passiven als auch aktiven Akteuren beeinflusst, werden Menschen aus den verschiedenen afrikanischen und asiatischen Herkünften als Muslime bezeichnet und teilweise gebrandmarkt.

Der globale Islam

Der Islam entstand in Asien und verbreitete sich zunächst in lokaler und regionaler Hemisphäre. Erst die alten Zivilisationen - u.a. der Perser, Assyrer und Ägypter - bereicherten den Islam als Autoren mit ihrem Wissen, Gelehrsamkeit, Architektur, Habitus und dergleichen.

Wir überspringen einige Jahrhunderte und katapultieren das, was als Islam in all seinen Nuancen gilt in die sogenannte heutige islamische Nationalstaatswelt. In dieser Konstellation sieht man eine verschiedenartige Prägung des Islam als Religion, und natürlich als Kultur. Insbesondere ist die Kultur für seine Akteure und Rezipienten von Bedeutung.

Wir gehen hier nicht auf die Staatspolitik ein oder begründen es auch nicht mit dieser oder jenem Herrscher. An dieser Stelle stellt sich die Frage, ob der Islam als Religion zum Beispiel in einem Land wie dem Iran, wo er von der Politik dominiert, propagiert und praktiziert wird, sich von dem Nachbarland Afghanistan, mit dem es eine jahrtausendealte Geschichte, Sprache und Zivilisation teilt, erheblich unterscheidet?

Die Antwort darauf kann eine Bejahung sein. Selbst zwei Nachbarländer, die in dieser Zeitperiode im Geiste der Nationalstaatlichkeit politisch und territorial voneinander getrennt sind, pflegen in der Ausübung der Religion des Islam nicht grundsätzliche verschiedene Wege, dennoch kann man einige Unterschiede feststellen.

Diese Unterschiede sind in den beiden Konfessionen des Schiitentums und des Sunnitentums zu verorten, die jedoch für zeitgenössische muslimische Gelehrte, die meistens kein politisches Amt bekleiden, nur Nebensächlichkeiten bilden. Im Iran, der mehrheitlich schiitisch ist und in Afghanistan, das mehr sunnitisch geprägt ist, wird der Islam auf gesellschaftlichem, sozialen und generationsabhängigem Parkett anders ausgelebt und auch bewertet.

Der Islam wirkt hier, wenn man genauer hinschaut, mancherorts als eine trennende Linie. Dazu dient alleine das Beispiel des islamischen Modernisten Sayyid Jamal ad-Din Al-Afghani, so wie er in Afghanistan genannt wird, oder Seyyed Jamal ad-Din Asadabadi, so wie er im Iran heißt.

Diese erwähnte Persönlichkeit machte von einer Identität mit der Bezeichnung ,,Al-Afghani" Gebrauch, damit die mehrheitlich westasiatische, damalige osmanische und nordafrikanische Welt nicht auf seine eigentliche, somit schiitische Herkunft stoßen konnte. Soziale Identitäten besitzen natürliche, erworbene, angeborene und auch zugeschriebene Maßstäbe und schließlich Deutungsmuster.

Der regionale Islam

Der Politikwissenschaftler Volker Perthes zeichnet ein relativ nachvollziehbares Bild in seinem neuen Buch „Das Ende des Nahen Ostens, wie wir ihn kennen" und einen etwaigen chronologischen, desgleichen konfliktreichen Verlauf der letzten Jahre der Region rund um Westasien und Nordafrika. Er bezeichnet diese Gegend als unsere, d.h. Deutschland, unmittelbaren Nachbarn. Durch verschiedene Szenarien, persönlichen Gesprächen mit politischen, religiösen, tribalen und westlichen Entscheidungsträgern und auch faktenreichen Untersuchungen widmet er sich en Detail Nordafrika und Westasien.

Was man aus seiner kenntnisreichen Analysen entnehmen kann, ist die Tatsache, dass die Themen Islam, Muslime, Dürre, Krieg, Konflikte und Naturkatastrophen mittlerweile uns schneller betreffen und damit erreichen als gedacht. Der Idee der Festung Europas, was im 20. Jahrhundert unter einigen politischen Akteuren salonfähig gemacht wurde, zeigt er ein zeitnahes, realistisches und teilweise trauriges Gegenbild auf.

Natürlich spielen die Ereignisse des letztens Jahres, sprich die Fluchtmigration hunderttausender Menschen für ein neues Zuhause ins hiesige Zielland, eine immanente Rolle in Volker Perthes Essaybuch. Tatsächlich schauen unsere Westasiatischen, Nordafrikanischen, Russischen und sonstigen Nachbarn zu, wenn wieder einmal gemeldet wird, dass hier und dort ein Asylbewerberheim in Brand gesetzt wurde.

Im selben Maße beobachten und hört das Weltpublikum vor dem Fernseher und den, sagen wir mal sanft, hilfreichen sozialen Medien zu, wenn hunderttausende Syrer, Afghanen, Kurden und Somalis bei ihrer Ankunft herzlich in das stärkste Land der europäischen Wirtschaft empfangen werden.

Diese Angehörigen der erwähnten Nationen und die dazugehörigen, aber kaum bekannten Ethnien bringen ihre Traditionen, Verständnisse, Kulturen und Sprachen innerhalb der Religion des Islam mit sich. Ein Überbleibsel von einem dieser Kriterien reicht aus - sei es auch der Vor- oder der Nachname - um zu behaupten, dass man irgendwie doch noch zu einer Religion mit beinahe zwei Milliarden Gläubigen angehört.

Die aufnehmende deutsche und größtenteils säkular geprägte Gesellschaft steht sozusagen einer millionenfach größeren Glaubensgemeinschaft der Muslime gegenüber. Wie wir damit umgehen und wie unsere Volksvertreter in unseren Namen Entscheidungen treffen, das ist vor dem Hintergrund vieler erfreulicher individueller Erfolgsgeschichten seitens der Fluchtmigranteninnen und einiger nicht glücklicher Ereignisse, bisher noch nicht recht eindeutig positiv und auch nicht negativ zu bewerten.

Der glokale Islam

Die Bastion, die mehr keine ist und zunehmend zu glokalen Phänomenen und ferner realen Aushandlungsprozessen sich befindet, steht vor einer gewissen Reifeprüfung. Nehmen wir das Beispiel Lampedusa in Italien oder auch die der französischen Stadt Calais. An beiden temporären Zufluchtsorten haben nicht alle Fluchtmigrantinnen, aber auch nicht wenige, eine kleine Gebetsnische mit der Aufschrift ,,Allah-u-Akbar" als Ausdruck ihrer Religionszugehörigkeit zum Islam und ebenfalls als Akzentuierung einer künftigen Hoffnung errichtet.

In Deutschland werden die organisierten Muslime in den Moscheeverbänden - die sicherlich nicht die Mehrheit der Menschen aus islamisch geprägten Ländern aus Afrika, Asien und Südosteuropa repräsentieren - mit offenen Armen jene aufnehmen, die ihre Identität und Sein als Muslim und weniger ihre Nationszugehörigkeit angeben. Dabei sollten staatliche Stellen mehr als zuvor eine Lupe zur Hilfe beim Hinschauen benutzen.

Es stellt sich die Frage, ob ein, nennen wir ihn Ahmad, seinen Zugang zur Minderheits- und Mehrheitsgesellschaft durch eine Moschee und obendrein noch politisch motivierte Moschee findet? Oder wird der Ahmad eher einen anderen Weg anstreben? Denn seine Fluchtmigration, die die Suche nach Frieden bezweckte, sollte sich doch eher durch hiesige Institutionen vollziehen?

Gewiss kann die Moschee, wenn sie nicht einer vom Ausland bzw. Heimatland der Moscheebetreiber motivierten politischen Linie einer Staatsdoktrin und einer islamisch politisierten Strömung folgt, eine positive und sozial genuine Rolle spielen. Eine Moschee ist zugleich und an sich ein spiritueller Ort, in der man sich zurückzieht und zu seinem Schöpfer betet.

Jedoch ist der glokale Islam in Deutschland nicht mehr derjenige der 1990er und die der Jahrzehnte zuvor. Heute beeinflussen globale, regionale und glokale Ereignisse aus der islamischen und sonstigen Welt die dritte und mittlerweile vierte Generation von Türkeistämmigen, Marokkanern, Iranern, Afghanen, Albanern und Bosniern. Die Glokalisation von Religionen und Kulturen findet mit den Menschen, die es ausleben statt und nicht mit der heraufbeschworenen „Kampf der Kulturen".

Mehrsprachigkeit, multiple Identitäten, ethnische, intra- und interkulturelle, inter- und intrareligiöse Beispiele des Zusammenlebens, gibt es in Deutschland des 21. Jahrhunderts genügend. Dadurch wird sich „Deutschland nicht abschaffen", sondern im Falle des Islam neue, jedoch auch kritischere und hoffentlich inhaltsreiche Wege als die Jahrzehnte zuvor einschlagen, um alle Bewohner seines Territoriums mit dem Islam und Muslimen vertrauter zu machen.

Auch die islamische Welt und ihre Forschenden, blicken in vielen Fragen der Wissenschaft zum Islam nach Deutschland - wie man öfters von ihnen selbst zu verstehen bekommt - da hier die Lehre und Forschung anders, freier und ohne Druck verläuft.

Ein enfant terrible zu sein, verleitet jemanden in die Arme von Radikalen: das ist sicherlich nicht das Ziel eines glokalen Islam, der nun dran ist.

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