BLOG

Eine offene Plattform f├╝r kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Homayun Alam Headshot

Der Gebrauch und der Missbrauch des Personalpronomen Wir

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
PEOPLE STREET FULL
Robert Herhold via Getty Images
Drucken

In der heutigen Welt leben noch Tiere, die Natur und schlie├člich Wir. Wir?

Wer ist das oder sind dieses Wir?

In der traditionellen bis postmodernen, faktischen und postfaktischen Welt wird es immer schwerer und auch leichter Menschen zu finden, die eine Tatsache als wahr oder absolut betrachten. Dieser Artikel ist bestrebt einwenig den Gebrauch und den Missbrauch des Personalpronomens Wir unter die Lupe der Gegenwartsgeschichte zu halten.

Stefan Zweig. In den Annalen der Geschichte ist der 22. Februar 1941 mit dem gemeinsamen Freitod von Stefan Zweig und die seiner Ehefrau Lotte vermerkt. Es hat sicherlich viele Gr├╝nde, weshalb ein solcher brillanter Geist nach sechs Jahrzehnten Lebenszeit die Morgenr├Âte das letzte Mal schneller erreichen sollte als die seiner geliebten Freunde. Wenn man sich seine Ouvrage anschaut und seine reiche Sprache sich vergegenw├Ąrtigt, so merkt man als Leser, dass Zweig die Zeichen der Zeit im nationalsozialistischen Deutschland und die des gesamten Europas als unheilvoll deutete. Er war davon ├╝berzeugt, dass lediglich seine Sprache als das einzige Wir bei und in ihm selbst verweilen w├╝rde. In einer anderen Sprache als die Deutsche f├╝hlte er sich gefangen. Sein Wir war schlicht und einfach die Sprache, das Wort und der Ausdruck.

Nationalstaat. Seit dem Aufkommen von Nationalstaaten werden stets der Mensch und das Individuum dazu verleitet sich in eine Schicksalsgemeinschaft zu verstehen, zu erkl├Ąren und sich dadurch in Grenzen zu bewegen. In einem Nationalstaat, dass sich nach den Kriterien von Staat, Grenze und Nation konzipiert, wird das Wir durch Institutionen, Machtaufteilung und eine gemeinsame nationale Mythenidentit├Ąt aufrechterhalten. Manche helle Geister stellen sich die Frage wieviel Wir eigentlich im einzelnen Ich stecken m├Âgen. Umgekehrt gedacht, profitieren Nationalisten von diesem Wir-Konzept als eine Art Ersatz f├╝r ihre pers├Ânlichen Unzul├Ąnglichkeiten, individuellen Vers├Ąumnisse und die ├╝berst├╝rzende Vereinfachung bzw. ├ťberh├Âhung der schnelllebigen Alltagsgegenwart. So wird angegeben, dass jeder einzelne B├╝rger sich darin w├Ąhnen sollte ein bestm├Âglicher Vertreter seiner Landesgrenzen zu sein, somit soll ein Wir dar- und vorangestellt werden. Ein Mitglied einer Nation ist im Besitz eines aufgetragenen Gef├╝hls und nicht Miteigent├╝mer von staatlichem Reichtum, womit das Wir nicht durch ein Ich, sondern eher fremd gesteuert wird.

Fl├╝chtlinge. Die ├ťberwindung von staatlichen Grenzen war nicht nur in den Schriften von Stefan Zweig vorausgeschickt worden. Fl├╝chtlinge, die heute aus den Kriegs- und Krisengebieten West- und Zentralasiens zu uns nach Westeuropa gelangen, bringen ein Wir in ihren K├Âpfen und Handlungen mit sich. Aus diesen gemeinschaftlichen Kulturen haben sie meistens normative Alltagswerte, wie z. B. die Gastfreundschaft, anpassungsf├Ąhige Worte und ein nettes Entgegenkommen, als das Wir gelernt. Diese globalen Fluchtmigranten sto├čen in Deutschland, Frankreich oder Gro├čbritannien auf eine westlich lokale Ich-Kultur, die sich irgendwann nach einer ersten Orts- und Zeitver├Ąnderung zu einem Wir formen und b├╝ndeln kann. Bei einem stereotypischen Iraner, Kurden, Iraker und Syrer ist die Wir-Kultur ein Selbstverst├Ąndnis, so dass es beinahe unm├Âglich erscheint sich davon zu l├Âsen und sein eigenes Ich auch einmal zu erleben oder wom├Âglich zu hinterfragen. Ein Selbst und -eigenverst├Ąndnis f├╝r seine eigene Lebenswelt zu entdecken und selbst zu entscheiden, sind die ersten Schritte f├╝r die Losl├Âsung aus dem alten Kollektiv.

Religi├Âsit├Ąt. Gottgl├Ąubige Menschen teilen mit anderen Menschen eine scheinbare Schicksalsgemeinschaft. Sie haben das Gl├╝ck an etwas zu glauben. Ihr eigentliches Wir sollte sich ununterbrochen mit der von Gott zusammenfinden. Nicht nur Gott ist ein Wir, sondern auch die Empfindung, dass Mitmenschen, die an dasselbe glauben, Anverwandte sind. Es wird eine N├Ąhe bis zum Halsschlagader erzeugt, verst├Ąndlich gemacht und tief eingeatmet.

Reisende. Reisende Menschen soll man nicht aufhalten. Der Mensch ben├Âtigt heute keine fremden Botschaften. Als Reisender erlebt man sich im gemeinschaftlichen Wir. Der Zusammenschluss von Menschen auf einer Reise erfolgt durch die Reise an sich. Eine Reise mag in der heutigen Weltlage und glokalen Lebensstruktur oftmals eine rationale Entscheidung f├╝r das Ausruhen sein. Jedoch sieht, h├Ârt, schmeckt, f├╝hlt und riecht man ein neues, vielleicht niemals erlebtes Wir. Das Wir der Reise ist anf├Ąnglich eines ohne viel Erwartung, aber ferner mit viel ├ťberraschung, Spannung und Selbstannahme gepaart.

K├╝nstler. K├╝nstler k├Ânnen ein abgeschiedenes Leben in ihrer eigenen vielf├Ąltigen Welt f├╝hren. Dessen ungeachtet m├╝ssen K├╝nstler nicht unbedingt einsame Menschen sein. Ihr erlebtes Wir dr├╝ckt sich durch ihre Eingebungen im Anschein von Zeichnungen, Gem├Ąlden, Portr├Ąts, Filmen, Statuen, Ges├Ąngen und T├Ąnzen aus. Sie sind die wachsamen Beobachter ihres Zeitgeistes. Ihr Eindruck vom Wir erh├Ąlt Formen, Gestalten, T├Âne, Farben und Gesichter. Sie sind ungew├╝rdigte Zeitzeugen mit einem Werk des Ich f├╝r das Wir.

Ausf├╝hrungen. Nach diesen Ausf├╝hrungen stellt sich f├╝r einen Leser, also f├╝r Dich, die Frage: Bin ich nun ein Ich-Leser oder eher zu einem Wir-Teiler mit den Worten und Gedanken des Schreibenden geworden? Sei als Leser von allen ├╝blichen Bestimmungen frei und beantworte Dir diese Frage selbst. Soviel Zeit sollte in dieser Wir-Welt ├╝brig bleiben, um einmal einzukehren und sich zu fragen weshalb man sich in diesem Hier und in jenem Jetzt befinde.

Frage. Auf eine wesentliche Frage k├Ânnen sich nat├╝rlich viele andere Folgefragen anschlie├čen. Voll und ganz war wahrscheinlich Stefan Zweig mit seinen sp├Ąteren Lesern nicht vertraut. Die Gabe des schreibenden Denkers hat er sicherlich gehabt. Er hat sich f├╝r das menschliche Wir gegen das abscheuliche Nazi-Arier-Wir ge├Ąu├čert. Der Gebrauch von einem Wir obliegt in der Natur der Sache, n├Ąmlich der st├Ąndige Bezug als und zum Ich-Mensch hin. Der Mensch an sich ist nicht losgel├Âst von anderen Mit-Menschen: Hier ist ein t├Ągliches Wir zu sp├╝ren.

Zusammenk├╝nfte. Das Personalpronomen Wir wird f├╝r ├╝bergeordnete Zusammenk├╝nfte, die sich in Nationen, Religionen, Kulturen, Familien und St├Ąmmen schon lange gebildet haben, gebraucht. Selten wird nach diesem Wir innig, ernst und kritisch gefragt. Der Gebrauch des Wir scheint sich in diesen aufgez├Ąhlten Lebensbereichen zu einem Selbstl├Ąufer entwickelt zu haben. Dabei sollte man sich einmal vorstellen man sitze schlicht und einfach vor sich selbst. Anschlie├čend sollte man sich die wesentliche Frage stellen wieviel desselben Menschen man alleine durch den Augenschein als ein einsames Ich und als ein zweisames Wir wahrnimmt. Ist der Gebrauch des Wir wohl zu einem ÔÇ×un├╝berlegten" Brauch verkommen?

Missbrauch. Das Personalpronomen Wir bildet auch die Grundlage, um ├╝ber andere Menschen als das Ihr zu urteilen. Sind demnach die Menschheit, die Natur und die Tierwelt ein Wir, ein Ihr, ein Ich im Wir, ein Wir im Ich oder eine unerkl├Ąrbare, weil un├╝bersichtliches Genre? Begann Stefan Zweig seinen Selbstmord, um sich vom erzwungenen historisierenden Wir der Nazis zu entledigen? War Stefan Zweig tats├Ąchlich nicht mental in seinem getr├Ąumten Paradies ohne Rassismus und voller Zivilisation in Brasilien angelangt? ├ťber den Missbrauch des Wir kann man wahrscheinlich so viel schreiben, dass dieser quantitativ wie die vielen B├╝cher von Stefan Zweig anwachsen w├╝rde.

Zeitgeist. Eine der gern benutzten Stilmittel von Menschen in unserer erlebten Zeit ist es grundlegende Wissensl├╝cken zu irgendeinem Thema durch Schein- und Halbwissen - vor allem jedoch nicht mit Sachverstand, sondern gewagten, da einfachen und vorgefertigten Erkl├Ąrungen - durch die mediale Informationswelt ausgleichen zu wollen. In dieser Un├╝bersichtlichkeit kann u.a. die Idee von Religion einem Menschen Halt (an)bieten. Die Herbeirufung eines h├Âheren und nat├╝rlich allwissenden Wesens als der Mensch selbst ist tats├Ąchlich erw├╝nscht. Vergessen Wir nicht - auch das Ich, Du, Er, Sie, Es, Ihr und Sie sind hier angesprochen - die Vorstellungen des Menschen sind zeitlich, r├Ąumlich und ├Ąsthetisch begrenzt. Stefan Zweig erlebte in seinem sozialen Leben in Wien Spuren ethnischer, religi├Âser, geistiger, kultureller und sprachlicher Vielfalt der alten, aber schon l├Ąngst nicht mehr existierenden Habsburger. Vertieft man sich in Stefan Zweigs Gedankenwelt, so entdeckt man, dass kein bestimmter oder verherrlichender Typus von einem Wir in seinem gekannten Wien verlautbart wurde. Ein Wir entstand allm├Ąhlich aus losen, freien und sich selbst anziehenden und erg├Ąnzenden St├╝cken. Der Anspruch ein Wir zu haben, zu sein und es schlie├člich kundzutun, erfolgte erst nach einem Aufeinandertreffen mit anderen Menschen. Der Austausch als Ereignis, und umgekehrt, bewirkt immer Entscheidendes.

Kronzeuge. Wenn die Natur eine Sprache bes├Ą├če, die wir mit unserem Geist Sprache nennen w├╝rden, so h├Ątte sie uns folglich vielleicht vom Gebrauch und Missbrauch des Personalpronomens Wir berichtet. Derweil scheint der Mensch sich selbst - durch die unn├Âtigen/gewollten Kriege, der angepriesenen/religionsartigen Konsumkultur, der wirtschaftlichen Produktionsmenatlit├Ąt, der unersetzbare Raub des n├Ąchtlichen Schlafes und der Natur- und Tierzerst├Ârungen - vor den Augen des stillschweigenden Kronzeugen schlechthin, n├Ąmlich die der Geschichte, f├╝r die Nachwelt zu entlarven.

2017. Schreiben Wir tats├Ąchlich dieses Jahr?