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Der Gebrauch und der Missbrauch des Personalpronomen Wir

06/05/2017 19:02 CEST | Aktualisiert 06/05/2017 19:02 CEST
Robert Herhold via Getty Images

In der heutigen Welt leben noch Tiere, die Natur und schließlich Wir. Wir?

Wer ist das oder sind dieses Wir?

In der traditionellen bis postmodernen, faktischen und postfaktischen Welt wird es immer schwerer und auch leichter Menschen zu finden, die eine Tatsache als wahr oder absolut betrachten. Dieser Artikel ist bestrebt einwenig den Gebrauch und den Missbrauch des Personalpronomens Wir unter die Lupe der Gegenwartsgeschichte zu halten.

Stefan Zweig. In den Annalen der Geschichte ist der 22. Februar 1941 mit dem gemeinsamen Freitod von Stefan Zweig und die seiner Ehefrau Lotte vermerkt. Es hat sicherlich viele Gründe, weshalb ein solcher brillanter Geist nach sechs Jahrzehnten Lebenszeit die Morgenröte das letzte Mal schneller erreichen sollte als die seiner geliebten Freunde. Wenn man sich seine Ouvrage anschaut und seine reiche Sprache sich vergegenwärtigt, so merkt man als Leser, dass Zweig die Zeichen der Zeit im nationalsozialistischen Deutschland und die des gesamten Europas als unheilvoll deutete. Er war davon überzeugt, dass lediglich seine Sprache als das einzige Wir bei und in ihm selbst verweilen würde. In einer anderen Sprache als die Deutsche fühlte er sich gefangen. Sein Wir war schlicht und einfach die Sprache, das Wort und der Ausdruck.

Nationalstaat. Seit dem Aufkommen von Nationalstaaten werden stets der Mensch und das Individuum dazu verleitet sich in eine Schicksalsgemeinschaft zu verstehen, zu erklären und sich dadurch in Grenzen zu bewegen. In einem Nationalstaat, dass sich nach den Kriterien von Staat, Grenze und Nation konzipiert, wird das Wir durch Institutionen, Machtaufteilung und eine gemeinsame nationale Mythenidentität aufrechterhalten. Manche helle Geister stellen sich die Frage wieviel Wir eigentlich im einzelnen Ich stecken mögen. Umgekehrt gedacht, profitieren Nationalisten von diesem Wir-Konzept als eine Art Ersatz für ihre persönlichen Unzulänglichkeiten, individuellen Versäumnisse und die überstürzende Vereinfachung bzw. Überhöhung der schnelllebigen Alltagsgegenwart. So wird angegeben, dass jeder einzelne Bürger sich darin wähnen sollte ein bestmöglicher Vertreter seiner Landesgrenzen zu sein, somit soll ein Wir dar- und vorangestellt werden. Ein Mitglied einer Nation ist im Besitz eines aufgetragenen Gefühls und nicht Miteigentümer von staatlichem Reichtum, womit das Wir nicht durch ein Ich, sondern eher fremd gesteuert wird.

Flüchtlinge. Die Überwindung von staatlichen Grenzen war nicht nur in den Schriften von Stefan Zweig vorausgeschickt worden. Flüchtlinge, die heute aus den Kriegs- und Krisengebieten West- und Zentralasiens zu uns nach Westeuropa gelangen, bringen ein Wir in ihren Köpfen und Handlungen mit sich. Aus diesen gemeinschaftlichen Kulturen haben sie meistens normative Alltagswerte, wie z. B. die Gastfreundschaft, anpassungsfähige Worte und ein nettes Entgegenkommen, als das Wir gelernt. Diese globalen Fluchtmigranten stoßen in Deutschland, Frankreich oder Großbritannien auf eine westlich lokale Ich-Kultur, die sich irgendwann nach einer ersten Orts- und Zeitveränderung zu einem Wir formen und bündeln kann. Bei einem stereotypischen Iraner, Kurden, Iraker und Syrer ist die Wir-Kultur ein Selbstverständnis, so dass es beinahe unmöglich erscheint sich davon zu lösen und sein eigenes Ich auch einmal zu erleben oder womöglich zu hinterfragen. Ein Selbst und -eigenverständnis für seine eigene Lebenswelt zu entdecken und selbst zu entscheiden, sind die ersten Schritte für die Loslösung aus dem alten Kollektiv.

Religiösität. Gottgläubige Menschen teilen mit anderen Menschen eine scheinbare Schicksalsgemeinschaft. Sie haben das Glück an etwas zu glauben. Ihr eigentliches Wir sollte sich ununterbrochen mit der von Gott zusammenfinden. Nicht nur Gott ist ein Wir, sondern auch die Empfindung, dass Mitmenschen, die an dasselbe glauben, Anverwandte sind. Es wird eine Nähe bis zum Halsschlagader erzeugt, verständlich gemacht und tief eingeatmet.

Reisende. Reisende Menschen soll man nicht aufhalten. Der Mensch benötigt heute keine fremden Botschaften. Als Reisender erlebt man sich im gemeinschaftlichen Wir. Der Zusammenschluss von Menschen auf einer Reise erfolgt durch die Reise an sich. Eine Reise mag in der heutigen Weltlage und glokalen Lebensstruktur oftmals eine rationale Entscheidung für das Ausruhen sein. Jedoch sieht, hört, schmeckt, fühlt und riecht man ein neues, vielleicht niemals erlebtes Wir. Das Wir der Reise ist anfänglich eines ohne viel Erwartung, aber ferner mit viel Überraschung, Spannung und Selbstannahme gepaart.

Künstler. Künstler können ein abgeschiedenes Leben in ihrer eigenen vielfältigen Welt führen. Dessen ungeachtet müssen Künstler nicht unbedingt einsame Menschen sein. Ihr erlebtes Wir drückt sich durch ihre Eingebungen im Anschein von Zeichnungen, Gemälden, Porträts, Filmen, Statuen, Gesängen und Tänzen aus. Sie sind die wachsamen Beobachter ihres Zeitgeistes. Ihr Eindruck vom Wir erhält Formen, Gestalten, Töne, Farben und Gesichter. Sie sind ungewürdigte Zeitzeugen mit einem Werk des Ich für das Wir.

Ausführungen. Nach diesen Ausführungen stellt sich für einen Leser, also für Dich, die Frage: Bin ich nun ein Ich-Leser oder eher zu einem Wir-Teiler mit den Worten und Gedanken des Schreibenden geworden? Sei als Leser von allen üblichen Bestimmungen frei und beantworte Dir diese Frage selbst. Soviel Zeit sollte in dieser Wir-Welt übrig bleiben, um einmal einzukehren und sich zu fragen weshalb man sich in diesem Hier und in jenem Jetzt befinde.

Frage. Auf eine wesentliche Frage können sich natürlich viele andere Folgefragen anschließen. Voll und ganz war wahrscheinlich Stefan Zweig mit seinen späteren Lesern nicht vertraut. Die Gabe des schreibenden Denkers hat er sicherlich gehabt. Er hat sich für das menschliche Wir gegen das abscheuliche Nazi-Arier-Wir geäußert. Der Gebrauch von einem Wir obliegt in der Natur der Sache, nämlich der ständige Bezug als und zum Ich-Mensch hin. Der Mensch an sich ist nicht losgelöst von anderen Mit-Menschen: Hier ist ein tägliches Wir zu spüren.

Zusammenkünfte. Das Personalpronomen Wir wird für übergeordnete Zusammenkünfte, die sich in Nationen, Religionen, Kulturen, Familien und Stämmen schon lange gebildet haben, gebraucht. Selten wird nach diesem Wir innig, ernst und kritisch gefragt. Der Gebrauch des Wir scheint sich in diesen aufgezählten Lebensbereichen zu einem Selbstläufer entwickelt zu haben. Dabei sollte man sich einmal vorstellen man sitze schlicht und einfach vor sich selbst. Anschließend sollte man sich die wesentliche Frage stellen wieviel desselben Menschen man alleine durch den Augenschein als ein einsames Ich und als ein zweisames Wir wahrnimmt. Ist der Gebrauch des Wir wohl zu einem „unüberlegten" Brauch verkommen?

Missbrauch. Das Personalpronomen Wir bildet auch die Grundlage, um über andere Menschen als das Ihr zu urteilen. Sind demnach die Menschheit, die Natur und die Tierwelt ein Wir, ein Ihr, ein Ich im Wir, ein Wir im Ich oder eine unerklärbare, weil unübersichtliches Genre? Begann Stefan Zweig seinen Selbstmord, um sich vom erzwungenen historisierenden Wir der Nazis zu entledigen? War Stefan Zweig tatsächlich nicht mental in seinem geträumten Paradies ohne Rassismus und voller Zivilisation in Brasilien angelangt? Über den Missbrauch des Wir kann man wahrscheinlich so viel schreiben, dass dieser quantitativ wie die vielen Bücher von Stefan Zweig anwachsen würde.

Zeitgeist. Eine der gern benutzten Stilmittel von Menschen in unserer erlebten Zeit ist es grundlegende Wissenslücken zu irgendeinem Thema durch Schein- und Halbwissen - vor allem jedoch nicht mit Sachverstand, sondern gewagten, da einfachen und vorgefertigten Erklärungen - durch die mediale Informationswelt ausgleichen zu wollen. In dieser Unübersichtlichkeit kann u.a. die Idee von Religion einem Menschen Halt (an)bieten. Die Herbeirufung eines höheren und natürlich allwissenden Wesens als der Mensch selbst ist tatsächlich erwünscht. Vergessen Wir nicht - auch das Ich, Du, Er, Sie, Es, Ihr und Sie sind hier angesprochen - die Vorstellungen des Menschen sind zeitlich, räumlich und ästhetisch begrenzt. Stefan Zweig erlebte in seinem sozialen Leben in Wien Spuren ethnischer, religiöser, geistiger, kultureller und sprachlicher Vielfalt der alten, aber schon längst nicht mehr existierenden Habsburger. Vertieft man sich in Stefan Zweigs Gedankenwelt, so entdeckt man, dass kein bestimmter oder verherrlichender Typus von einem Wir in seinem gekannten Wien verlautbart wurde. Ein Wir entstand allmählich aus losen, freien und sich selbst anziehenden und ergänzenden Stücken. Der Anspruch ein Wir zu haben, zu sein und es schließlich kundzutun, erfolgte erst nach einem Aufeinandertreffen mit anderen Menschen. Der Austausch als Ereignis, und umgekehrt, bewirkt immer Entscheidendes.

Kronzeuge. Wenn die Natur eine Sprache besäße, die wir mit unserem Geist Sprache nennen würden, so hätte sie uns folglich vielleicht vom Gebrauch und Missbrauch des Personalpronomens Wir berichtet. Derweil scheint der Mensch sich selbst - durch die unnötigen/gewollten Kriege, der angepriesenen/religionsartigen Konsumkultur, der wirtschaftlichen Produktionsmenatlität, der unersetzbare Raub des nächtlichen Schlafes und der Natur- und Tierzerstörungen - vor den Augen des stillschweigenden Kronzeugen schlechthin, nämlich die der Geschichte, für die Nachwelt zu entlarven.

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