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Warum das Mama-Sein für uns Introvertierte so viel schwerer ist

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HOLLY
Holly Klaassen
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Als unsere neuen Nachbarn zwei Häuser weiter einzogen, habe ich mich unglaublich für meinen 7-jährigen Sohn gefreut. Nachdem wir sie ein paar Mal heimlich beim Kommen und Gehen beobachtet hatten, wussten wir, dass sie einen kleinen Jungen hatten, der etwa in Sammys Alter war.

Und da wir seit fast fünf Jahren in einer Gegend wohnten, in der es vor kleinen Mädchen nur so wimmelte, war diese Tatsache für uns definitiv ein Grund zum Feiern. Endlich würde Sam einen Freund haben - einen echten, lebendigen Kumpel aus der Nachbarschaft!

Das Witzige war jedoch, dass er in den kommenden Wochen nicht ein einziges Mal erwähnte, dass er ja vielleicht einmal mit dem kleinen Jungen spielen könnte. "Ist er denn einfach nur schüchtern?", fragte ich mich. Nein, das passte so gar nicht zu Sammy.

Eines Tages fragte ich ihn nach der Schule vorsichtig: "Sollen wir vielleicht zusammen zu den Nachbarn rüber gehen und den kleinen Jungen fragen, ob er mit dir spielen will? Vielleicht mag er Hockey ja auch so gern wie du."

Mein Sohn ist mir ähnlicher als ich dachte

Die Antwort meines Sohnes lautete: "Nein danke, Mama. Ich bin gar nicht so sehr darauf aus, Freunde zu haben. Ich spiele viel lieber alleine."

Puh ... Ich glaube, dass mein Sohn mir in manchen Dingen ähnlicher ist, als ich dachte.

Versteht mich jetzt nicht falsch: Es ist nicht so, dass ich soziale Kontakte komplett vermeide oder dass ich mich im Umgang mit anderen Menschen unwohl fühle. Ich bin gerne in Gesellschaft und ich glaube, dass man sich mit mir auch ganz gut unterhalten kann.

Und dennoch gibt es ein paar Charaktereigenschaften an mir, die ich selbst erst einmal akzeptieren musste. Mittlerweile kann ich sagen, dass ich mich in 90 Prozent aller Umstände und Situationen in meiner Haut wohl fühle.

Diese drei Dinge muss man über mich wissen:

1. Ich bin gerne in Gesellschaft und ich unternehme auch gerne etwas. Doch einmal am Tag reicht mir.

Mich mit Menschen zu umgeben, die nicht zu meiner Familie gehören, ist für mich tatsächlich eine größere Sache. Ich treffe mich gern mit meinen Freunden ... aber immer nur für einen gewissen Zeitraum.

Ich gehe auch gern zu Grillfesten, auf Partys und in die Kirche oder zu einem Abendessen mit Freunden. Doch im Allgemeinen reicht mir eine Aktivität am Tag voll und ganz aus. Okay, wenn ich ehrlich bin, würde mir eigentlich sogar eine Unternehmung pro Woche reichen.

2. Eigentlich geht es mir am besten, wenn ich alleine bin.

Bedeutet das, dass ich kein sozialer Mensch bin? Ich weiß es nicht. Ich könnte auf gar keinen Fall rund um die Uhr allein sein. Ich weiß, dass ich andere Menschen vermissen würde, wenn ich länger keine sozialen Kontakte hätte. (Das würde ich doch, oder etwa nicht?)

Mir fallen nur wenige Situationen ein, in denen ich mich als Erwachsene einsam gefühlt habe. Eigentlich habe ich mich nicht einmal als Kind besonders oft allein gefühlt. Ich muss immer sehr viel nachdenken und ich habe immer viel zu tun. Da in mir viel Unternehmergeist steckt, bastle ich ständig an irgendwelchen Ideen herum. Und deshalb wird mir auch nie langweilig.

3. Ich bin am produktivsten, wenn ich alleine bin.

Es gibt einen guten Grund, warum ich seit 15 Jahren von zuhause aus arbeite. Als ich noch einen ganz normalen Bürojob hatte, liebte ich den Kontakt zu meinen Kollegen. Ich genoss es sehr, mit ihnen zu plaudern und es war toll, jemanden zu haben, mit dem ich mich über bestimmte Ideen austauschen konnte.

Ich habe jedoch den Eindruck, dass ich von zuhause aus in drei Stunden so viel Arbeit erledige, wie ich früher im Büro in acht Stunden geschafft habe. Ich arbeite extrem schnell und habe noch nie eine Frist verpasst. Und deshalb habe ich nicht nur zufriedene Kunden, sondern ich bin auch selbst glücklich.

Mehr zum Thema: Introvertierte Menschen sind nicht schüchtern. Sie sind nur komplexer als du

Ihr fragt euch jetzt vielleicht, was das Ganze nun eigentlich mit Kindererziehung zu tun hat. Hört mir noch ein wenig zu.

Und dann kam meine extrovertierte Tochter auf die Welt

Als vor mehr als 10 Jahren Mama wurde, hatte ich ehrlich gesagt überhaupt keine Ahnung, was da auf mich zukam. Ich arbeitete schon seit einigen Jahren von zuhause aus, als meine Tochter zur Welt kam.

Das bedeutete, dass ich meine Termine so legen konnte, wie es mir passte, und dass ich nur äußerst selten in Situationen kam, in denen ich zwangsweise mit anderen Menschen zusammen sein musste.

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Und dann kam meine Tochter: meine wunderschöne, süße, extrovertierte Tochter. Meine Tochter, die keinen Mittagsschlaf machen wollte, weil sie in der Zeit nicht in Gesellschaft von anderen Menschen sein konnte.

Meine Tochter, die immer dann am glücklichsten war wenn wir unterwegs waren, inmitten von Menschenmassen, Lärm und Trubel. Und auch 10 Jahre später ist sie noch immer ein sehr aktives Mädchen.

Ich selbst fühle mich zuhause am wohlsten

Wenn es nach ihr ginge, würde sie rund um die Uhr mit ihren Freundinnen spielen. Und sie hat noch immer Probleme mit dem Einschlafen. Vermutlich liegt das daran, dass sie tagsüber so viel Spaß hat und so gerne etwas unternimmt, dass sie Angst hat, auf all diese Dinge verzichten zu müssen, wenn sie ins Bett geht.

Zweieinhalb Jahre nach der Geburt meiner Tochter bekamen wir unseren Sohn Sammy. Er war sofort unglaublich präsent. Er kam schreiend zur Welt und hörte monatelang nicht mehr damit auf.

Und wisst ihr, was echt toll war? Dass auch er immer dann am glücklichsten war, wenn wir unterwegs waren. Inmitten von Menschenmassen, Lärm und Trubel.

Ich selbst hingegen bin ein introvertierter Mensch, der sich zuhause am wohlsten fühlt. Ihr könnt euch wahrscheinlich vorstellen, dass die Vorstellung, jeden Tag unterwegs zu sein, mich nicht sonderlich begeisterte.

Deine Kinder sind RUND UM DIE UHR bei dir

Bis Sammy ungefähr zwei Jahre alt war, waren wir jeden einzelnen Tag unterwegs. Es ging ihm nicht besonders gut, wenn wir zuhause blieben. Er weinte dann viel und schlug dauernd Krawall. Außerdem wollte er permanent bespaßt und beschäftigt werden.

Doch auch als meine Kinder älter wurden und mein anstrengendes Kleinkind sich in ein zufriedenes Vorschulkind verwandelte, das gerne zuhause war, fiel es mir oft nicht leicht, meine Introvertiertheit mit meinem Leben als Mama unter einen Hut zu bringen.

Mehr zum Thema: 12 Dinge, die ihr über introvertierte Menschen wissen solltet

Wir mussten jetzt zwar nicht mehr permanent unterwegs sein, doch mir wurde etwas sehr Interessantes klar. Eine Sache, die dir keiner sagt, bevor du Kinder bekommst. Und dennoch etwas, das du wissen solltest, bevor du Kinder bekommst:

Deine Kinder sind RUND UM DIE UHR bei dir.

Also 24 Stunden am Tag. Wenn du Glück hast und dein Baby oder Kind die Nacht durchschläft und zwischendrin mal ein Mittagsschläfchen macht, hast du ein bisschen Zeit für dich selbst.

Du musst permanent DA sein. Abrufbereit, flexibel und immer mit dabei

Wenn nicht, hast du Pech gehabt. Und falls du dich das gerade fragst: Nein, über den ganzen Tag verteilt insgesamt nur 20 Minuten Zeit für ein Nickerchen zu haben, reicht einem introvertierten Menschen nicht aus, um die eigenen Batterien wieder aufzuladen.

Selbst wenn du ins Bett gehst, hast du keinerlei Garantie dafür, dass deine Kinder dir nicht folgen. Ins Badezimmer laufen sie dir auf jeden Fall hinterher. Wenn du einfach mal 15 Minuten Zeit brauchst, um in Ruhe und ohne Unterbrechung NACHZUDENKEN, wirst du sie definitiv nicht bekommen.

Du musst permanent DA sein. Abrufbereit, flexibel und immer mit dabei. Deine Kleinen brauchen ein Pflaster, etwas zu Essen, Unterhaltung und vor allem brauchen sie dich. Du musst emotional für sie verfügbar sein (anstatt einfach nur körperlich anwesend zu sein, was meiner Meinung nach einfacher wäre.)

Introvertierte Menschen wie ich ziehen ihre Kraft daraus, dass sie Zeit mit sich selbst verbringen. Wenn ich alleine bin, kann ich über meine Kinder nachdenken. Dann vermisse ich sie und überlege mir, was wir als nächstes zusammen unternehmen könnten.

Ich war als Mama erst dann glücklich, als ich Zeit hatte, über sie nachdenken zu können

Wenn ich sie jedoch RUND UM DIE UHR um mich habe, bleibt mir keine Zeit, über sie nachzudenken, sie zu vermissen oder mir zu überlegen, was wir als nächstes zusammen unternehmen könnten. Ich erziehe sie spontan und erledige immer das, was eben gerade anfällt. Ich verbringe meine Tage damit, akute Probleme zu lösen.

Ich habe schon oft zu anderen gesagt, dass ich mein Dasein als Mama erst so richtig zu genießen anfing, als mein Jüngster mit dem Kindergarten begann. Ich weiß, dass das echt schrecklich klingt. Ich glaube jedoch, dass das mit meiner Persönlichkeit zusammenhängt.

Ich habe meine Kinder von dem Tag ihrer Geburt an geliebt, doch ich war als Mama erst dann glücklich, als ich Zeit hatte, über sie nachdenken zu können und sie zu vermissen.

Wenn meine Kinder in der Schule sind, bin ich allein und kann in Ruhe arbeiten und meinen Gedanken nachhängen oder mir schöne Sachen überlegen, die ich mit ihnen unternehmen könnte.

Ich habe sie nicht mehr rund um die Uhr um mich, doch ich nutze diese fünf Stunden zwischen ihrer Rückkehr von der Schule und dem Schlafengehen jetzt sehr viel sinnvoller. Diese Zeit ist etwas Besonderes und sie macht definitiv mehr Spaß.

Es ist anstrengend für dich, 24 Stunden am Tag von Menschen umgeben zu sein

Wenn du ein introvertierter Mensch bist und ein kleines Kind hast, kann es sehr befreiend sein, wenn du dir klar machst, dass du eben nicht nur einfach "die Babyphase deines Kindes nicht magst".

Es ist nun einmal schwierig und anstrengend für dich, 24 Stunden am Tag von Menschen umgeben zu sein - selbst wenn es sich dabei um diese wunderbaren kleinen Geschöpfe handelt, die du selbst geschaffen hast.

Es ist in Ordnung (und wie ich finde sogar notwendig), dass du dir hin und wieder eine Auszeit von deinen kleinen Energie-Räubern nimmst, um dich zu erholen und um über deine Kinder nachdenken und sie vermissen zu können. Dafür brauchst du vielleicht manchmal einen Babysitter (selbst wenn du als Vollzeitmama zuhause bleibst).

Oder du suchst dir jemanden, der dich dauerhaft bei deinen Aufgaben als Mutter unterstützt (vielleicht einen jungen Menschen, der mit deinen Kindern spielt, damit du ab und zu allein im Schlafzimmer liegen und dich entspannen kannst).

Und du kannst deine Kinder auch mal einen Film anschauen lassen, damit du eine Stunde lang Zeit hast, deine Batterien wieder aufzufüllen.

All diese Dinge machen dich nicht zu einer schlechten Mutter oder zu einem schlechten Vater. Du bist einfach nur ein kluger und realistisch denkender Erwachsener, der seine eigene Persönlichkeit und seine Grenzen genau kennt. Und du bist jemand, der alles dafür tut, dass seine Familie und sein Zuhause gut funktionieren.

Holly Klaassen ist freiberufliche Autorin und Betreiberin der Website "The Fussy Baby Site", auf der Eltern von schwierigen Babys, die unter Koliken leiden oder besonders viel Aufmerksamkeit benötigen, Hilfe finden.

Nicht alle Babys sind 'unkompliziert'! Auf Klaassens Website findest du Unterstützung und Informationen, die dir helfen, gut durch diese anstrengende Zeit zu kommen und dein Baby mit besonderen Bedürfnissen voll und ganz anzunehmen.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost USA und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)