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Baumarkt statt Tinder? Was wir von Spreizdübeln lernen können

12/02/2017 13:36 CET | Aktualisiert 13/02/2018 11:12 CET
Matthias Tunger via Getty Images

"Ich habe schon wieder keinen Mann im Baumarkt kennengelernt", schrieb mir eine Freundin. In Zeiten von Tinder, okCupid & Co. wünschen sich eben viele, den Partner doch lieber in der Realität entdeckt zu haben.

Die schiere Auswahl in der digitalen Welt überwältigt. Kommt ein "Match" zustande, ersterben die Dialoge irgendwann, sollte man den Sprung zum Date nicht doch rechtzeitig geschafft haben.

Eine Seite stellt dann keine bzw. nur noch geschlossene Fragen, oder sie antwortet seltener, schließlich gar nicht mehr. Also doch lieber Baumarkt? "Ich habe dich bei den Dübeln entdeckt" klingt eben besser als "Ich habe dich in der S-Bahn rechts gewischt".

Man darf die Herausforderungen im Real Life aber nicht unterschätzen. Die Auswahl im Baumarkt ist beschränkter. Es gibt nur einen ersten Eindruck. (Und der hat bekanntlich keine zweite Chance.)

Bei den Dating-Apps erhalten wir immerhin durch verschiedene Stillleben mit nacktem Oberkörper und Surfbrett, durch den obligatorischen Luftsprung am Strand, die Katze, die in die Linse gehalten wird, oder die Fotoserie mit Freundinnen, Sonnenbrillen und Skihelm (!) Aufschluss darüber, ob die Person sportlich, tierlieb oder gut gebaut ist. Ob sie soziale Kontakte hat - zumindest ausreichend stabile für ein gemeinsames Foto - oder zu hässlich ist, um sich ohne Sonnenbrille oder Skihelm ablichten zu lassen.

Dieses Hintergrundwissen kann uns der gelegentliche Treff im Baumarkt nicht vermitteln. Wir erfahren nichts über Sportarten, Haustiere, Kinder, Urlaubsorte, Grad der sozialen Integration und Ernährungsgewohnheiten.

Ob der potenzielle Partner in einer Beziehung ist, bleibt ebenfalls meist unklar. (Das ist aber auch bei Tinder so.) Ob beide Seiten gedanklich rechts gewischt haben, weiß man erst nach der Ansprache. Insbesondere die weibliche Klientel kann aber, wenn sie alles richtig macht, im Baumarkt erheblich punkten.

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Sie findet Anschauungsmaterial in ausreichendem Maße, und sie kann einige Rückschlüsse über die Charaktereigenschaften ihrer Zielpersonen ziehen, je nach dem, wo sich diese aufhalten.

Anfängerfehler: die Gartenabteilung. Da stehen die Softies. Sie diskutieren über Frühblüher und Doldengewächse. Erkundigt sich das Zielobjekt gar nach winterharten Pflanzen oder Schattengewächsen, liegen möglicherweise Depressionen oder Beziehungstraumata vor. Eine Ausnahme stellen die Terracotta-Töpfe-Schlepper dar.

Diese handeln aber meist im Auftrag einer gerade nicht sichtbaren Partnerin. Also Finger weg oder nur ansprechen, wenn man sonst selbst Töpfe schleppen muss. Bei Orchideen oder bunt lasierten Übertöpfen besteht überdies das Risiko, dass beim Gegenüber gar kein Interesse am weiblichen Geschlecht vorhanden ist.

Du bist, was du kaufst

Das andere Extrem: Eisenwaren oder Holzzuschnitt - je nachdem, was für ein Typ gesucht wird. Die Großpackung Unterlegscheiben oder die Schraubzwinge im Einkaufswagen lassen darauf schließen, dass der Mann sich für grobe handwerkliche Verrichtungen eignet. Diese Qualitäten sind mitunter ja gefragt.

So manche überdrehte Mutter zeugt aber von seiner mangelnden Fähigkeit, mit den eigenen Kräften hauszuhalten. Und bitte nicht erwarten, dass er sich hinsetzt oder die Hände wäscht. Oder hat er Rohrreiniger gekauft? Erwirbt er Spachtel- oder Fugenmasse, macht er im Konfliktfall einfach dicht.

Wer dagegen Holz zuschneidet oder Schleifmaschinen nach Hause trägt, beweist zumindest Augenmaß und dass er mit Oberflächen umgehen kann, also spröde Hölzer polieren oder scharfe Kanten glätten. Er arbeitet gerne mit Naturstoffen. Bis an die Kasse verfolgen!

Esoterisch Aufgeschlossene gibt's bei den Farben und Tapeten. (Achtung: Hardcore-Spirituelle findet man bei Quarzlampen, siehe Elektroabteilung.) Raufaser-Fetischisten sind noch in der Selbstfindungsphase, aber man kann sich ja gemeinsam herantasten. Aufschlussreich kann sein, in welcher Intensität das Objekt der Begierde über Borsten und Pinsel streicht. Kauft er nicht nur Lasur, sondern auch Terpentin, gehört er zur Spezies der Reinlichen. Bei Interesse für Einweghandschuhe würde ich persönlich Abstand nehmen.

Für Sapiosexuelle sei die Sanitärabteilung empfohlen. Hier werden Lebenstauglichkeit und intellektuelle Reife vereint. Betrachtet der Mann das runde Waschbecken lieber als sein eigenes Spiegelbild, hat er auch charakterlich eine gewisse Festigkeit erreicht. Hier lohnt es sich, ihn in ein Gespräch zu verwickeln.

Dichtungsring oder gleich einer neuer Hahn? Darüber lässt sich trefflich diskutieren. Seifenspender aus Plastik oder Spiegelschränke mit versenkten Halogenlämpchen im Wagen verraten dagegen eine gewisse Fantasielosigkeit. Kauft er nur eine Klobürste, Vorsicht! Vielleicht geht er danach zu den Einweghandschuhen.

Die etwas männlicheren Intellektuellen mit Genießerqualitäten und Geschmack, die auch mal zupacken und eine Wurst wenden können, streifen durch die Grill- und Terrassenabteilung. Sie fackeln nicht lange und nehmen Gasgrill und Loungemöbel mit nach Hause. Bei ihnen muss man weder faktisch noch emotional verhungern.

Die Poser und Checker gibt's in der Elektroabteilung. Sie ergötzen sich an Phasenprüfern und Dreifachsteckdosen. Bei den Lampen stehen leider nicht nur die Leuchten. Die Quarzlampen habe ich bereits erwähnt ... special interest! Vorsicht vor allem aber bei den Deckenlampen! Die hängen nach einmal Anbohren nur noch rum. Stehlampen sind dekorativer. Den Rest sagt schon ihr Name.

Die Spreu vom Weizen trennt Frau an der Kasse. Hat er beim Tragen der Terracotta-Waren geholfen? Hat er Holz, eine Regendusche oder Grillgerät im Einkaufswagen? Oder Schleifpapier, Bilderrahmen, Pinsel, Haushaltsschrauben? Dann lohnt es sich, augenzwinkernd eine Packung Spreizdübel dazuzulegen. Bei den Leichtbauwänden heutzutage sorgen sie für Belastbarkeit und sicheren Halt.

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