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Holger Nacken Headshot

Alpenradler: Auf der Via Claudia Augusta von Deutschland nach Italien

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ALPENRADLER
alpenradler/holger nacken
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Prolog: Liebe auf den zweiten Blick

Der schlimmste Tag in meinem Grundschul-Leben war ein Donnerstag. An diesem Tag sollte in der vierten Klasse der katholischen Grundschule Erzbergallee in Aachen die Fahrradprüfung stattfinden.

Eigentlich war alles klar. Ein netter Verkehrspolizist hatte uns bestens vorbereitet. Der freundliche Mann - in meiner Erinnerung trägt er einen buschigen Seehundschnäuzer und eine etwas spack sitzende grüne Uniformjacke - war mit uns den ganzen Prüfungsweg sogar vorher einmal gemeinsam abgegangen.

Der Herr Verkehrswachtmeister hatte uns genau gezeigt, wo wir rechts- vor-links beachten mussten, und angedeutet, dass das jetzt keine knallharte Prüfung werden würde. Kein Grund also für Prüfungsstress. Es gab nur ein kleines Problem: Ich konnte gar nicht Fahrradfahren.

Die Fahrradprüfung - Ein Horrorszenario

Das aber war in meiner Schule nicht bekannt. Ich hatte mir das Horrorszenario genau ausgemalt. „So, Holger, du bist dran, dann fahr mal los", hätte unsere nette Klassenlehrerin Frau Hahn gesagt.

Ich hätte etwas rumgedruckst, vielleicht versucht loszufahren und wäre ungelenk zur Seite gekippt. Ich hätte eine Entschuldigung gemurmelt, es tapfer noch einmal probiert, wäre diesmal zur anderen Seite umgefallen. Hätte dann alles gestanden und schließlich die Fahrradprüfung absolviert, indem ich unter dem Gekicher meiner Mitschüler (und der Mitschülerinnen!) die Strecke schiebend absolviert hätte.

Es dürfte verständlich sein, dass ich an besagtem Donnerstag leider krankheitsbedingt fehlte. Wobei ich dazusagen muss: Ich hatte wirklich Fieber und eine heftige Erkältung. Aber die war wahrscheinlich psychosomatisch.

Was ich damit sagen will: Es war nicht unbedingt eine Liebesheirat mit mir und dem Fahrrad. Mein Vater hat es erst später in unserem Hauspark, dem Frankenberger Park, geschafft, mir beizubringen, wie man auf zwei dünnen Reifen das Gleichgewicht hält. Da war ich schon auf dem Gymnasium.

Nach und nach habe ich mich trotzdem mit dieser Fortbewegungsart angefreundet. Mittlerweile kann ich mir gar nicht mehr vorstellen, wie es ohne gehen soll. Ich fahre damit zur Arbeit und auch sonst fast jeden Meter durch Köln, weil es in dieser Stadt die schnellste und angenehmste Form der Fortbewegung ist.

Längere Touren im Urlaub hatte ich bisher trotzdem nicht zurückgelegt. Ich gehörte bisher eher zur reinen Wanderfraktion. Das aber sollte sich ändern.

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Die Sache begann mit einem Artikel in „Panorama", der Mitgliederzeitschrift des Deutschen Alpenvereins. In der Frühjahrsausgabe berichtete das Magazin über den Radweg „Via Claudia Augusta".

Dieser führt auf einer alten römischen Kaiserstraße über mehr als 700 Kilometer von Bayern aus über die Alpen. Wow, Alpenüberquerung! Hannibal in einer Woche schaffen! Große Freiheit auf zwei Rädern!

Irgendsolche Gedanken müssen es gewesen sein, die mich dazu brachten, den Infokasten aus dem Artikel einzuscannen und an meine beiden Reisekumpane zu schicken, mit denen ich fast jedes Jahr eine rund einwöchige Wandertour in den Bergen unternehme.

Das Echo auf meine Email-Versandaktion war an Eindeutigkeit nicht zu übertreffen. „Klasse" und „Prima, mal was anderes" ließen bei unserer etwas bierseligen Tourbesprechung in einer Aachener Kneipe keinen Spielraum für Interpretationen.

Es geht mir darum, die Lust darauf zu wecken, sich einfach auf und davon zu machen

Aus der Nummer kam ich nun nicht mehr raus, obwohl sich meine Fahrradtourenerfahrung bislang auf eine Fahrt von Köln nach Koblenz beschränkte - zu einem Auswärtsspiel des Fußballvereins Alemannia Aachen, dessen Fan ich seit meinem zehnten Lebensjahr bin.

Doch die anderen beiden brachten auch nicht mehr Bike-Trekking-Expertise mit. Und so beschlossen wir einhellig, die „leichteste Überquerung der Alpen mit dem Fahrrad" im folgenden September anzugehen.

Über die Dinge, die wir dort erlebt, und die Menschen, die wir dort getroffen haben, berichte ich in diesem Buch. Es treten unter anderem auf: krampfader-interessierte E-Book-Leser, pflaumenfixierte Geocacher, punkige Blaskapellen, liebestolle Ärzte und noch einige mehr.

Der Text soll bewusst kein rein nutzwertiger Reiseführer sein. Dazu gibt es schließlich schon hervorragende Fachliteratur, die ich im Reisetippteil am Ende des Buches erwähne. Es geht mir darum, Geschichten vom Unterwegssein zu erzählen. Und vielleicht die Lust darauf zu wecken, sich ebenfalls einfach aufzumachen. Vielleicht ja sogar zu eben solch einer Radtour über die Alpen.

Pampers und Pedale - Die Vorbereitung

„Was? Alpenüberquerung? Einfach so, wo ihr sonst noch nie länger mit dem Rad unterwegs wart?" Tanja, meine Frau, zweifelt doch ein wenig an unserer Entscheidung, als ich ihr stolz von unserem Vorhaben erzähle. Oder, um es mit ihren Worten zu sagen: „Ihr seid doch total bescheuert."

Nun, Diplomatie war noch nie ihre größte Stärke. Immerhin verlangt sie nicht gleich von mir, dass ich sie endlich als Begünstigte meiner Lebensversicherung eintrage. Aber das kann ja noch kommen, wenn die Tour erst näher rückt. Hatte ich sowieso vor.

Total OP

Besser ist es, ich mache einen Termin beim Fahrradklempner, um mein Rad zum Rundum-Check vorzustellen. Der Mann - Latzhose, Schnurrbart, Typ kölsches Original - reagiert ebenfalls ein wenig skeptisch, als ich von unserem Vorhaben berichte. Ja, die Via Claudia kenne er. Habe er auch schon gemacht. Vor 20 Jahren. Mit dem Motorrad natürlich.

Nun denn, Bike ist Bike. Immerhin hält er mein Merida- Tourenfahrrad grundsätzlich für geeignet und verspricht, sich in drei Tagen mit einer konkreten Diagnose zu melden.

Von Mamils und Menschen

Doch mit der Fitnesskur für mein Rad ist die Vorbereitung natürlich nicht abgeschlossen. Es gibt schließlich noch zahlreiche Ausrüstungsfragen zu klären.

Sich kleidungstechnisch an der Sportrad-Szene zu orientieren, ist keine Option. Nicht wenige Angehörige dieser verkehrstechnischen Subkultur hegen nämlich eine Vorliebe dafür, sich in hautenge Leibchen zu zwängen.

Dieser Leidenschaft huldigen augenscheinlich vor allem solche Herren und zunehmend auch Damen, die ihren Körpern derzeit eher keine große Ertüchtigung zumuten. Was wollen sie uns sagen? Schaut her, das Trikot hat mir einmal gepasst? Der Stoff hält alles zusammen? Zusätzlich zum engen Schnitt ist es offenbar unabdingbar, dass das Kleidungsstück werbemäßig voll genutzt wird.

Ob Rennstall Niederdollendorf-Süd oder Team-Telekom: Kein Quadratzentimeter der kostbaren Textilfläche bleibt unbeflockt. Mitunter wählen die Herrschaften zumindest den Aufdruck passend zum Erscheinen. Am Rheinufer entdeckte ich vor kurzem einen XL-Biker im XS-Outfit, dessen Werbung auf der knallengen roten Pelle besonders zutraf: Meica. Sein Aussehen war dem Mann offenbar wurst.

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Mein Freund Tom - selbst ein begeisterter Radsportler - berichtete mir davon, dass Vertreter dieser Spezies in der Szene als „Mamil" bezeichnet werden. Das steht für „Middle aged man in Lycra".

Also für einen Herrn in den besten Jahren, der sich in Textilen aus der Kunststofffaser Lycra gewandet. Trikots aus diesem Chemieprodukt, auch als Elastan bekannt, passen sich durch ihre Dehnbarkeit nicht nur jeder Körperfalte an, sondern gelten zudem in Verbindung mit Schweiß auch noch als besonders geruchsintensiv.

Da helfen offenbar selbst keine Silber-Ionen und andere Chemie-Ausrüstungen: Nach ein paar Stunden sportlicher Aktivität riecht der Träger wie ein in Plastik eingewickelter Fischkadaver. Das Phänomen kenne ich von diversen sommerlichen Stadionbesuchen.

Denn offenbar sind auch Fußballtrikots aus ähnlich geruchsintensivierenden Stoffen hergestellt. Die sorgen dafür, dass die Fans ein olfaktorisches Problem verursachen, auch wenn sie sich selber kaum sportlich bewegen. Da reicht schon das einfache Mitfiebern mit dem eigenen Team.

Richtig schlimm wird es dann, wenn es um die eigene Körperhygiene sowieso nicht zum besten bestellt ist - was in manchen Teilen der Fan-Szene durchaus zu diagnostizieren ist. Daher ist es an heißen Sommertagen keinesfalls zu empfehlen, in überfüllte Stadionbusse einzusteigen - es sei denn, man hat gerade eine ziemlich alberne Mutprobe laufen. Vielleicht sollte ich so etwas einmal Joko und Klaas für Circus HalliGalli vorschlagen.

Dies ist ein Auszug aus meinem Buch Alpenradler: Auf der Via Claudia Augusta von Deutschland nach Italien

Der Beitrag basiert auf dem Buch Alpenradler von Holger Nacken.

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