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Alle fordern immer mehr männliche Erzieher - aber dann stehen wir unter Verdacht, die Kinder zu belästigen

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Ich habe zwei Jahre als Erzieher in einem Kindergarten gearbeitet. Als Springer war ich insgesamt in 25 Einrichtungen tätig und war als einziger Mann vielen Vorurteilen ausgesetzt. Auch wenn sich vieles verbessert hat, schlägt männlichen Erziehern auch heute noch viel Skepsis entgegen.

Eigentlich wollte ich immer Schauspieler werden, aber weil ich damals mit 23 Jahren schon zu alt für eine konventionelle Schauspielausbildung war, hatte ich die Idee, über den Weg einer Erzieher- und Pantomimenausbildung, später in einem Kindertheater zu arbeiten.

In meinem Jahrgang waren wir nur drei Männer

In meinem Jahrgang waren unter 70 Auszubildenden nur fünf Männer - damals dennoch eine beachtliche Quote. Von denen sprangen aber zwei ab, sodass ich, mit nur zwei weiteren Kollegen, ziemlich allein war.

Ich wollte so viele Kinder wie möglich kennenlernen, um bei meiner späteren Wunsch-Tätigkeit im Kindertheater auf möglichst große Erfahrung zurückgreifen zu können.

Dabei lernte ich aber auch, was es bedeutet, als Mann an einem typischen "Frauenarbeitsplatz" zu arbeiten - und das war nicht immer einfach.

Mehr zum Thema: Wir Erzieher stehen jeden Tag kurz vor dem Burnout

Vom ersten Tag an wurde ich mit Vorurteilen konfrontiert

Schon an meinem ersten Arbeitstag prasselten geballte Vorurteile meiner Kolleginnen auf mich ein: "Juhuu, ein Mann!, hieß es da, "der kann gleich mit den Jungs zum Fußballspielen gehen und sie in der Bauecke beschäftigen!"

Dabei waren das doch gerade diese klassischen Rollenbilder, denen ich nicht folgen und die ich durch meine Arbeit nicht noch fördern wollte. Doch meine allerersten Bemühungen hatten keinen Erfolg. Ich erinnere mich zum Beispiel, wie ich einmal den Wunsch äußerte, beim Ankleiden der Puppen zu helfen. Die Erzieherinnen waren direkt empört: "Das ist doch wohl eindeutig Frauensache!"

Die Eltern dachten, ich sei schwul oder pädophil

Auch von manchen Eltern wurde ich seltsam angesehen. Ein Mann mit Ohrschmuck und wallendem Haar, der sein Geld in einer Kindereinrichtung verdient, konnte einfach nicht ernstgenommen werden. Allein ihren abschätzenden Blicken konnte ich tief sitzende Vorurteile entnehmen. Lächerlich, peinlich, dachten die. "Der ist wahrscheinlich schwul und vielleicht sogar pädophil!"

Ich brauchte eine Weile, um mich zurechtzufinden und meine eignen Ideen und Vorstellungen durchzusetzen, ohne vorab eine Erlaubnis beim Team einzuholen. Aber dann motivierte mich die Arbeit: Ich begann, mit den Mädchen zu toben und inszenierte in der Puppenecke mit den Jungs Rollenspiele.

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Ich bemerkte, dass ich etwas bewegen konnte und wie sich nach und nach auch meine Kolleginnen darauf einließen. In einer Kita veranstalteten wir beispielsweise einen "TauscheTag", mit dem wir allen die Unsinnigkeit festgefahrener Geschlechteraufteilung veranschaulichten.

Die Jungs kamen in rot-rosa Kleidung, hatten sich sogar etwas geschminkt und kämmten allen Puppen die Haare. Die Mädchen hatten sich dunkle Sachen angezogen und bauten mit Bauklötzchen Türme. Selbstverständlich machten auch wir Teammitglieder bei dem Tausch mit.

Am Nachmittag teilten wir unsere Erfahrungen und siehe da, die meisten aus der Gruppe äußerten sich erstaunt darüber, wie viele der scheinbar naturgegebenen Unterschiede doch nur aufgesetzt sind.

Mein erster Test: Das Windeln wechseln

Man konnte zusehen, wie in den Kindern etwas in Bewegung kam und sie anfingen, Rollenbilder zu hinterfragen. Ein Mädchen ließ sich zum Beispiel im Anschluss die Haare rappelkurz schneiden "weil die Zöpfe eh nur genervt haben und beim Kämmen nur die Mama Spaß hatte."

Viele Eltern begannen, stolz zu werden, auch einen männlichen Erzieher für ihre Kinder zu haben. Und irgendwann wurde das Besondere ein Stück normal.

Trotz aller Erfolge, spürte ich auch immer wieder die Skepsis, ob ein Mann denn über die Voraussetzungen verfüge, mit den Kindern richtig umzugehen. So wollten einmal Kolleginnen gleich am ersten Tag testen, ob ich überhaupt Windeln wechseln könne.

Sie gaben mir einfach ein mir bis dahin völlig fremdes Mädchen in die Hand mit den Worten: "Die müsste mal, da drüben ist der Wickeltisch" - und verabschiedeten sich in ein angebliches Elterngespräch. Erst später realisierte ich, wie unverantwortlich es war, einen völlig Fremden ohne jegliche Aufsicht mit so einer Aufgabe zu betrauen.

Ich habe das Gefühl, dass sich einiges getan hat

Nach 2 Jahren Springertätigkeit in Kindergärten und Horten wechselte ich dann zur Arbeit beim Ditzinger Spielmobil "Mobyl Dick", wo ich endlich meiner Theaterleidenschaft folgen konnte. Inzwischen arbeite ich als freischaffender Schauspieler und als Lernbegleiter im Kinderforscherzentrum "HELLEUM", das Workshops für Schulklassen anbietet. Dort können Kinder selbstständig naturwissenschaftliche Themen entdecken, die sie interessieren.

Wenn ich heute mit jungen Erzieher-Kollegen spreche, gewinne ich den Eindruck, dass sich einiges getan hat und sie als Männer in diesem "Frauenberuf" bereits einen natürlicheren Stand haben. Männer werden zunehmend als eigenständige Menschen angenommen, statt als Exoten zum Klötzchenbauen und Nagel-in-die-Wand-Schlagen.

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Doch nach wie vor ist es nur für die wenigsten Kitas ein Vorzeigekonzept, männliche Erzieher vorweisen zu können. In den meisten wird munter an den Genderrollen festgehalten. Außerdem drängt sich der Verdacht auf, dass Männer nur aufgrund des allgemeinen Personalmangels an den Kitas gute Aussichten auf eine Anstellung haben.

Kinder nehmen ihre Vorurteile aus dem Elternhaus mit

Um wirklich Veränderung zu schaffen, damit Männer eines Tages ganz selbstverständlich in dieser bis heute klassischen Frauendomäne arbeiten, müsste sich noch viel tun. Zum einen mangelt es eklatant an der Wertschätzung für Bildungsarbeit, die doch eine der wichtigsten Pfeiler unserer Gesellschaft ist. An dieser Stelle müsste die Politik aktiv werden, denn das Finanzielle lässt zu wünschen übrig. Hier wäre eine Angleichung an unsere Leistung dringend notwendig.

Aber auch zuhause in den Familien muss noch mehr ein Umdenken stattfinden. Denn schon bei Kindern lassen sich Vorurteile beobachten, die sie oft aus den Elternhäusern mitnehmen. Diese Erfahrungen habe ich vor allem in den wohlhabenderen Gegenden gemacht, in denen ich gearbeitet habe.

Besonders in Erinnerung ist mir, wie mich einmal ein kleiner Junge fragte, mit was ich eigentlich mein Geld verdienen würde. Es war für ihn scheinbar unvorstellbar, dass "Erzieher" ein richtiger Beruf sei. Ich würde mir wünschen, dass es die Erwachsenen heute zunehmend besser wissen.

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Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

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