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Schuldig im Namen der Zeitung

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Drei Wochen ist es nun her, dass ich meine Zeitung verlassen habe. Gekündigt. Schreibtisch aufgeräumt. Nie wieder zurückgekehrt. Fühlt sich gut an, irgendwie. So wie damals während der Uni-Zeit, als ich mit der Freundin Schluss machte. Weil es nicht mehr passte. Weil wir uns in entgegengesetzte Richtungen entwickelt hatten. „Ich mache Schluss!" Gesagt, getan und im trügerischen Hochgefühl das Zimmer verlassen.

Doch wie das so ist mit dem Abschied: Die Zweifel kommen, garantiert. Damals wie heute. Hätte ich nicht mehr um uns kämpfen müssen? Mehr reden? Mich erklären? Lösungen einfordern? Damals wie heute muss ich sagen: Ja. Viermal Ja. Die Sache mit der Freundin blende ich jetzt mal aus. Soll ja keine Liebeskolumne hier werden.

Aber die Sache mit der Zeitung: Jeder Redakteur kennt die monatlichen Verlautbarungen der Geschäftsleitung. Dass die Auflagezahlen gesunken, die Anzeigeneinnahmen geschrumpft, die wirtschaftlichen Bedingungen schlechter geworden sind. Nichts Neues. Doch hätte ich in meinen 11 Jahren als Zeitungsredakteur nicht Rettungskonzepte entwickeln müssen? Ein völlig neues Geschäftsmodell für die Zeitung? Ja, hätte ich.
Vielleicht.
Ich weiß es nicht.

Habe mich stattdessen für einen anderen Weg entschieden. Ein Weg, den große etablierte Unternehmen auch gehen müssen, wenn sie im Wettbewerb bestehen wollen. Den Weg der Veränderung. Des Sich-Neu-Ausrichtens. In diesem Fall war ich das Unternehmen. Der Mensch als ökonomische Größe.

Mir sind diese Gedanken kürzlich in den Kopf geschossen, als ich meine alte Leica in der Hand hielt. Ich staubte lieb gewonnene Erinnerungsstücke ab. Dinge, die man tut, wenn man nicht den halben Tag in Konferenzen sitzt, sich bespricht, berät und nochmal bespricht. Leica war einst eine stolze Firma mit elitärem Anspruch.

Fotografieren sei etwas Sinnliches, sagten die Manager von Leica. Nichts für die Masse. Eher etwas für Genießer. Und für Menschen, die sich das finanziell leisten wollten. Doch dann brach die Digitalfotografie über die Branche herein. Und die Leica-Manager sagten immer noch, die digitale Fotografie sei nichts für sie und ihre Kunden. Nachzulesen unter anderem in einer Geschichte im Spiegel von 2005. Der damalige Leica-Chef Hanns-Peter Cohn orakelte: „Die Digitaltechnik ist nur ein Intermezzo. In spätestens 20 Jahren werden wir sicher mit anderen Technologien fotografieren. Aber den Film wird es dann immer noch geben."

Sätze wie diese taugen für ein Handbuch für Prokrasteniker. Titel: „Warten bis es zu spät ist" Der Harvard-Professor Clayton Christensen hat den Cohn-Satz in sein wunderbares Wirtschafts-Buch „Innovator's Dilemma" aufgenommen und fasst die komplette Problematik in einem Zwischentitel zusammen: „Unscharfes Bild von der Marktentwicklung verführt zum Warten, oder: Warten bis es zu spät ist".

Leica gibt es immer noch. Die Firma musste schwere Zeiten durchmachen. Sehr schwere Zeiten. Doch sie hat den Weg der Veränderung nicht gescheut. Den Weg des Sich-Neu-Ausrichtens. Heute geht es ihr wieder gut. Meine alte Leica habe ich in meine Glasschrank gestellt, so dass sie jeder sehen kann. Ich schaue sie gerne an.

 
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